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Shegida : Pegidas braune Schwester in Schleswig-Holstein

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Protestbewegung Pegida ist gespalten. In Schleswig-Holstein wurde die Shegida direkt von Neonazis gegründet – und wird nun vom Verfassungschutz beobachtet.

shz.de von
erstellt am 01.Feb.2015 | 08:39 Uhr

Der Protest gegen die vermeintliche Islamisierung: Auch in Schleswig-Holstein haben sich Pegida-Ableger organisiert. Shegida (Schleswig-Holsteinische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes) nennt sich die landesweit größte Gruppe. Der Verfassungsschutz warnt jetzt: An der verfassungsfeindlichen Motivation der Initiatoren bestehen keine Zweifel.

Die treibenden Kräfte hinter der Gruppe sind nicht wie in Dresden Bürger der Mittelschicht, sondern ausschließlich ranghohe NPD-Funktionäre und militante Rechtsextreme. „Bei Shegida handelt es sich offenkundig um den Versuch von Rechtsextremisten, die Aktivitäten der ursprünglichen Pegida-Bewegung zu kopieren“, so der Verfassungsschutz.

Als einer der beiden Administratoren der Shegida-Gruppe auf Facebook fungiert der Neumünsteraner NPD-Ratsherr Mark Michael Proch. Und unter den derzeit 287 Unterstützern finden sich auch Mitglieder der militanten Szene. Wie etwa Rene M. aus Neumünster, der einmal zur mittlerweile aufgelösten Kameradschaft „Sturmabteilung Faldera“ gehörte.

„Die Pegida-Bewegung ist hier radikaler als in anderen Bundesländern. Da bekomme ich richtig Bauchschmerzen“, sagt Frank Hornschu vom Deutschen Gewerkschaftsbund, Region Kiel. Extremismus-Experte Andreas Speit urteilt: „In Schleswig-Holstein hat die rechtsextreme Szene Shegida nicht unterwandert, sondern gegründet.“

Es werde gezielt versucht, die Stimmung in Deutschland aufzugreifen und rechtsextremes Gedankengut in die Gesellschaft zu tragen. „Da in Neumünster die zentrale Erstaufnahmestelle für Asylbewerber ist, verspricht sich die NPD offenbar propagandistische Erfolge mit dem Thema Fremdenfeindlichkeit“, glaubt Horst Freires vom Informationsdienst „Blick nach rechts“.

Diese Einschätzung dürfte zutreffend sein. Das zeigt auch eine Kleine Anfrage der Landtagsabgeordneten Angelika Beer (Piraten). Sie wollte von der Landesregierung wissen, ob es wegen der Verbindung von Shegida und NPD Hinweise auf Aktivitäten gegen die geplante Flüchtlingsaufnahmeeinrichtung in Boostedt gibt. Die Antwort: Die Situation rund um die neue Flüchtlingsaufnahmeeinrichtung wird innerhalb der Shegida-Gruppe thematisiert.

Bislang beschränken sich die Aktivitäten der Pegida-Ableger auf die sozialen Netze – gespickt mit zahlreichen islamfeindlichen Kommentaren. Angelika Beer sagt: „Ich schließe aber nicht aus, dass es zum Beispiel in Boostedt zu einer Shegida-Demonstration kommt.“

Wie beurteilt der Verfassungsschutz die Situation? Konkrete Hinweise auf bevorstehende Shegida-Aktivitäten liegen nicht vor, heißt es. Und ein Sprecher betont: „In Schleswig-Holstein finden Veranstaltungen von Rechtsextremisten außerhalb der Szene grundsätzlich nur geringen Widerhall.“ Mit anderen Worten: Weil klar ist, wer Shegida ins Leben gerufen hat, verbietet es sich für die Mehrheit der Bürger, an einer entsprechenden Versammlung teilzunehmen.

Es sei jedoch durchaus möglich, dass Shegida kurzfristig Demonstrationen anmelde. Die Teilnehmerzahl würde dann allerdings lediglich im dreistelligen Bereich liegen. Nicht ausschließen kann der Verfassungsschutz die Gefahr, dass sich einzelne Personen zu Gewalttaten gegen Ausländer und Staatsorgane anstacheln lassen könnten.

Neben Shegida gibt es in Schleswig-Holstein gut ein halbes Dutzend Gruppen, die im Internet gegen die „Islamisierung des Abendlandes“ mobil machen – etwa in Kiel (Kigida) oder Nordfriesland. Bei Nofgida (Nordfriesland gegen die Islamisierung des Abendlandes) heißt es: „Unsere Politiker können beziehungsweise wollen der voranschreitenden Islamisierung nichts entgegensetzen. Uns reicht es! Wir lassen uns den Mund nicht verbieten und wollen nicht zu Unterdrückten im eigenen Land werden.“ Unter den 105 Facebook-Mitgliedern finden sich auffällig viele junge Menschen. Darunter eine Reihe von ehemaligen Schülern, zum Beispiel von der Beruflichen Schule des Kreises Nordfriesland in Niebüll.

Was macht das Land, damit junge Menschen nicht auf Irrwege geraten? „Wir haben das Beratungsnetzwerk gegen Rechtsextremismus“, sagt Thomas Giebeler, Sprecher im Kieler Innenministerium. Seine sechs Mitarbeiter kümmerten sich seit anderthalb Jahren um die Prävention. In diesem Jahr soll es etliche Fachveranstaltungen zu den Hintergründen und dem Umgang mit Pegida geben, Aufklärungsmaterialien für die Arbeit in Vereinen und Schulen würden bereitgestellt.

Wie sich die Aufspaltung von Pegida in Dresden auf den Norden auswirken wird, ist unklar. Für Politik-Experten wie Jasper von Altenbockum von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung offenbart der Bruch den Geburtsfehler der Bewegung: „Weder Organisatoren noch Sympathisanten wussten, auf was ihr Protest eigentlich hinauslaufen sollte.“ Die rechte Szene hingegen habe klare Ziele, warnt Beer. „Sie will das vorhandene Protest-Potential abgreifen.“

Die Schleswig-Holsteiner allerdings haben Shegida und Pediga längst eine Absage erteilt: 11.000 Menschen setzten diese Woche in Kiel ein Zeichen für Toleranz und Weltoffenheit. Und während die Facebook-Seiten der Pegida-Anhänger im Norden nur rund 500 Mitglieder haben, gibt es bei den Gegnern allein in Kiel 900 Mitglieder, die Gemeinschaftsseite „Pegida watch“ verzeichnet sogar 45.900 Likes.

 

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