zur Navigation springen

Landtagswahl in SH : Patrick Breyer (Piraten): Kapitän auf dem Piratenschiff

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Spitzenkandidat Patrick Breyer gilt als fleißig - und auch als spleenig. Er möchte weiterhin die Politik „updaten“.

shz.de von
erstellt am 12.Apr.2017 | 10:03 Uhr

Achterwehr | Auch ihn zieht es ans Wasser. Wie alle Spitzenkandidaten schlägt Patrick Breyer als Treffpunkt für ein Gespräch etwas Maritimes vor – er will auf der Eider Kanu fahren gehen. Natürlich lassen sich da gleich viele Bilder finden für den Spitzenkandidaten der Piratenpartei, die vor fünf Jahren mit dem Slogan „Klar zum Entern“ in den Landtag eingezogen sind. Doch für Breyer ist der Bootstrip in die Natur ein Hobby, ein Ausgleich für die stressige Politik im Landtag, wo der Fraktionsvorsitzende der Piraten als einer der fleißigsten Politiker gilt. Vielleicht genießt der 39-Jährige gerade deswegen Touren mit dem Kanu über die Schwentine, durch Mecklenburg-Vorpommern oder Schweden – manchmal ohne Internet oder Handy-Empfang. „In dieser digitalen Welt ist es manchmal gut, dass man nicht immer erreichbar ist.“ Bemerkenswert für den Frontmann einer Organisation, die immer noch gern mal als „Internet-Partei“ tituliert wird.

Dass Breyer mit dem Kanu umgehen kann, merkt man schnell. Er sitzt hinten, bestimmt von dort den Kurs des Bootes – sowie er auch den Kurs der Piraten im Landtag bestimmt. „Bei uns gibt nicht einer etwas vor, und die anderen laufen hinterher“, sagt Breyer zwar, aber auch: „Im Wahlkampf vertrete ich die Abteilung Attacke.“ So soll er als Kapitän die Piraten wieder ins Parlament bringen.

Das scheint eine kaum lösbare Aufgabe zu sein. Die Piraten wackeln nicht nur wie Breyers Kanu, sie sinken. Nichts ist mehr übrig von der Welle, die die Piraten vor fünf Jahren in die politische Landschaft und Breyer und fünf weitere Freibeuter in den Kieler Landtag spülte. In Berlin und dem Saarland sind sie schon aus den Parlamenten geflogen, kaum jemand zweifelt daran, dass es in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen im Mai genau so sein wird – womit die Freibeuter dann in keinem deutschen Landtag mehr vertreten wären.

Natürlich weiß Breyer das auch, aber er will trotzdem kämpfen. Und tatsächlich haben die Piraten nicht nur viel gearbeitet, sondern auch Themen angestoßen, die vielleicht sonst niemand auf die politische Agenda gesetzt hätte – wie etwa die Debatte um einen zusätzlichen Feiertag, das Bestattungsgesetz oder das Tanzverbot an Feiertagen. „Und es gibt noch viel mehr zu tun“, meint Breyer. Das Kernthema, mit dem die Piraten einst den Sprung in die Parlamente geschafft haben, betreffe immer noch viele Menschen – „nur vielleicht sehen sie es im Moment nicht so. Die Erosion der Freiheitsrechte, die Verschmutzung des digitalen Lebensraums geht jeden etwas an“, sagt Breyer, der diese Wörter gebraucht, um einen passenden Vergleich ziehen zu können: „Es hat bei den Menschen auch lange gedauert bis sie gemerkt haben, dass sie etwas gegen die Umweltverschmutzung tun müssen.“

Breyer glaubt, dass die Piraten noch immer anders sind als andere Parteien. Er ist der einzige Fraktionsvorsitzende im Landtag, der die finanziellen Zulagen für seinen Posten ans Land zurückzahlt. Er nutzt auch keinen Dienstwagen, sondern gondelt mit seinem Kleinwagen durchs Land. „Berufspolitiker zu sein, ist ein Problem“, sagt Breyer, weil man dann leicht in eine Abhängigkeit vom Staat geraten könne. Deshalb sieht er sich auch nur als Volksvertreter auf Zeit. Das sei ein Privileg, sagt Breyer. Und er würde das gern weiter haben.

„Wir wollen nach wie vor das politische System updaten“

„Wir wollen nach wie vor das politische System updaten“, sagt der Spitzenkandidat. Ein politischer Satzbaustein, wie sie Breyer gern verwendet, damit sie im Kopf der Zuhörer bleiben. „Wir sind die Partei für Mutbürger und nicht für Wutbürger“, ist ein anderer. Breyer glaubt nicht an die „Weisheit der einzelnen, sondern an die Intelligenz der vielen“ – deshalb ist er für mehr direkte Demokratie, für mehr Beteiligungsmöglichkeiten für Bürger. Nur haben auch die Piraten die Erfahrung gemacht, dass eben die allermeisten Bürger sich nicht direkt an der Politik beteiligen wollen.

Breyer war da schon immer anders. Schon als Jura-Student scheute er sich nicht, Verfassungsklagen gegen Vorratsdatenspeicherung anzustrengen. „Ich habe wie viele Menschen einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn“. Vielleicht ist er deshalb Richter geworden, arbeitete bis zu seinem Einzug ins Kieler Parlament am Amtsgericht in Meldorf (Kreis Dithmarschen). Im Kieler Politikbetrieb gilt Breyer bei vielen Kollegen als Nerd.

Viele schätzen seinen Fleiß und seine Intelligenz, halten ihn aber für spleenig. Breyer ist in der Sache hart. „Ich streite mich auch gern“, gibt er zu, doch auch bei ihm gebe es Grenzen. „Ich bleibe bei Angriffen gegen mich oft ruhig – das konnte ich schon immer.“ Doch als im Februar FDP-Frontmann Wolfgang Kubicki ihn in die Nähe der AfD rückt, und der SPD-Vorsitzende Ralf Stegner ihn als „gespaltene Persönlichkeit“ bezeichnet, die „in Teilen autistische Züge“ habe – „da musste ich schon mal kurz rausgehen“. Für Breyer ist damit „eine rote Linie überschritten“. Zwar habe es danach Entschuldigungen gegeben, aber Breyer glaubt trotzdem, dass die Debatte, die sich ursprünglich um die Wahl zum Landesverfassungsgericht gedreht hatte, dem Landtag geschadet hat.

Trotzdem will Breyer auch dem neuen Parlament angehören, wenn auch vieles dafür spricht, dass er bald wieder als Richter arbeiten wird. Mittlerweile sei sein Lebensmittelpunkt in Kiel, wenn er irgendwann aus der Politik ausscheide, wolle er dort in der Justiz tätig werden.

Ob er dann etwas an der Politik nicht vermissen wird? Breyer überlegt lange, sehr lange. Und sagt dann: „Dass das Privatleben viel zurückstecken müsste.“ Breyer wird irgendwie immer ein politischer Mensch bleiben, der Einfluss nehmen wird, auch ohne Abgeordnetenmandat. Aber so hätte er dann mehr Zeit, mit seiner Lebenspartnerin, die im Gesundheitssektor tätig ist, Kanu fahren zu gehen. „Das ist ein Vorteil, dass sich dann eben nicht alles um die Politik dreht.“ Sie sitzt dann vorn im Boot und sei für das Tempo zuständig, er hinten für den Kurs. Und dann erklärt Breyer noch schnell: „Aber das sagt nun wirklich gar nichts über unsere Beziehung aus.“

Weitere Porträts zur Landtagswahl

 

 

 

Porträts der weiteren Spitzenkandidaten für die Landtagswahl lesen Sie in den kommenden Tagen auf shz.de.

 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen