Blick in die Vergangenheit : Pastorenaufstand hoch im Norden

Die bis heute erhaltene Rockmesse an Heiligabend in St. Johannis in Flensburg geht auf ein Mitglied des Pastorenteams zurück.
Die bis heute erhaltene Rockmesse an Heiligabend in St. Johannis in Flensburg geht auf ein Mitglied des Pastorenteams zurück.

Sieben Jung-Geistliche wagen in Flensburg den Bruch mit dem traditionellen Rollenverständnis der Kirche.

shz.de von
14. Mai 2018, 20:50 Uhr

Wenn Dieter Andresen es populär ausdrücken soll, dann sagt er es so: „Wir waren bekannt als eine irgendwie aufmüpfige Gruppe von Berufsanfängern.“ Und damit eine typische Erscheinungsform des Widerspruchsgeists der 68er-Zeit. Im hohen Norden Deutschlands bahnte das „Flensburger Pastorenteam“ einem neuen Selbstverständnis von kirchlicher Verkündigung den Weg.

Die Pastorenrolle sollte nicht auf „Begleitonkel und Zeremonienmeister reduziert sein, als die man uns gerne sah“ so Andresen. Als neue Richtschnur galt ein konsequenter Bezug des Christentums auf die Gegenwart. „Indem man nicht so tut, als gäbe es kirchliche Inhalte unabhängig von aktuellen Geschehnissen“, wie Andresen erklärt. „Es ging darum, die Bibel mit dem, was in der Tageszeitung steht, in Beziehung zu setzen – und damit auch um die politische Relevanz von Verkündigung, die ohne Konflikt nicht zu haben ist.“

Aufstand mit Vorlauf

Der „Flensburger Pastorenaufstand“ ist ein Beispiel dafür, dass „1968“ sich nicht auf ein einziges Jahr reduzieren lässt, sondern der Umbruch einen gewissen Anlauf nahm. Während ihrer Ausbildung am Predigerseminar in Preetz hatten sich die Mitglieder des später siebenköpfigen Teams in die Hand versprochen, dass sie mit ihrem Berufseintritt Kirche gemeinsam anders machen wollten. Auf fünf Jahre verpflichtete sich jeder zu diesem Schulterschluss.

Von 1963 bis -66 traten die Reformgeistlichen dann nach und nach ihre erste Pastorenstelle im Sprengel Flensburg an – so, wie dort Posten frei wurden. Möglich war die Ballung von so viel Querdenkern nur mit Protektion durch Propst Wilhelm Knuth, den Vater des späteren langjährigen Schleswiger Bischofs. Knuth Senior war jemand, der schon immer gegen den Strich dachte, so bereits in der NS-Zeit als Mitglied der oppositionellen „Bekennenden Kirche“. „Das etwas militärisch-fromme Milieu der damaligen Landeskirche aufzubrechen – das hat ihm gefallen“, weiß Andresen.

Schon die Organisationsform war ein Statement: Als Kollektiv trat man bewusst gegen das traditionelle Bild des Pastors als „Einzelkämpfer“ an. Mindestens einmal wöchentlich stimmten sich die Mitglieder bei Treffen ab. Sie gingen bei Klausurtagungen in die Tiefe und luden zu Veranstaltungen ein. Mit „Zwischen den Zeilen“ gab das Team ein rotzfreches Blatt heraus, das erklärtermaßen all das aufspießte, was der offiziellen Kirchenzeitung zu heiß war. Landesweit wurde die Publikation in Fachkreisen herumgereicht.

Kriegerdenkmal nimmt Schlüsselposition ein

Wichtig war dem Team, „gegen die Verdrängung der Nazi-Vergangenheit anzugehen“, wie Andresen betont. „Das äußerte sich etwa daran, den Volkstrauer- und Totensonntag nicht zu zelebrieren, ohne die Verstrickung der Bevölkerung ins Dritte Reich einzubeziehen. Das gefiel den meisten eher nicht.“

Hoch schlugen die Wellen, als aus dem Pastorenteam der Anstoß kam, ein Kriegerdenkmal von 1920 aus der Flensburger Marienkirche zu entfernen. Spiegel, Stern, Zeit, FAZ und das Fernseh-Magazin „Panorama“ machten den erbitterten Streit darum bundesweit bekannt. Aus Sicht der kritischen Pastoren sollte eine Kirche ausschließlich dem Zweck dienen, „der um Wort und Sakrament versammelten Gemeinde Raum zu geben“. Eine Unterscheidung zwischen dem Tod im Krieg und dem gewöhnlichen Sterben könne es für Gläubige nicht geben. Obendrein laufe das Kriegerdenkmal der Aufgabe der Kirche zuwider, Frieden und Versöhnung unter den Völkern zu fördern.

Das riesige Medien-Echo beweist für Andresen, „dass wir Gedankengänge getroffen haben, die überall in Deutschland verbreitet waren“. Im März 1967 fiel im Kirchenvorstand der Beschluss, das Denkmal und nationalistisch anmutende Inschriften tatsächlich zu beseitigen; Tafeln mit den Namen Gefallener Soldaten aus beiden Weltkriegen jedoch zu belassen. Zum Streit gehörte auch, dass die Gemeinde einem Veteranen-Verband die Bitte nach einem Gedenkgottesdienst brüsk verweigerte. Andresen räumt zum Stil selbstkritisch ein: „Wir haben unsere Gegner in einer jugendlich-aggressiven Form behandelt, sind zu weinig auf ihre Mentalität eingegangen. Das hat oft genug die Tür für Gespräche zufallen lassen.“

Solidarität mit Allen

Als „zweites Konfliktfeld“ hat der Zeitzeuge die unkonventionellen Jugendlager in Erinnerung, die Team-Mitglied Holger Hoffmann im dänischen Nordseeort Hvide Sande begründete. Als Zielgruppe nennt Andresen „die etwas unterschichtige und teilweise aufmüpfige Jugend“. Heranwachsende lernten dort „in einem Raum der Freiheit“ auf innovative Art Konflikte zu bewältigen. Ein beträchtlicher Teil der Flensburger APO-Szene ist aus den Lagern hervorgegangen. Auch über angeblich sexuelle Freizügigkeit in Hvide Sande wurde viel geraunt. Wie nackt ging es da wirklich zu? „Ich glaube, viel weniger als gedacht“, antwortet Andresen.

Bedeutender findet er, dass insbesondere Hoffmann die Kirche „durch Zuwendung zu Randgruppen und Gestrandeten weiter geöffnet“ habe. Auch mit Solidaritiät mit den Ärmsten der Welt ging die Pastorengruppe voran: Auf ihre Initiative beschloss die Kirchenkreis-Synode im November 1968 als erste in Deutschland eine direkte Partnerschaft mit einem Projekt des Kirchlichen Entwicklungsdienstes in der Dritten Welt. Jährlich sollten mindestens 100 000 Mark für ein Ausbildungszentrum nach Tansania fließen.

Individuelle Interessen der Mitglieder machten es unvermeidlich, dass sich das Pastoren-Team nach dem Ablauf der fünfjährigen Selbstverpflichtung 1969 auflöste. Ohnehin hatte da der Reformeifer die Gesellschaft in ihrer Breite erfasst. Wobei Andresen die Revolte des harten Kerns der 68-er nicht ohne Ironie betrachtet: „Da waren plötzlich Jugendliche, die vollzogen den Bruch, von dem wir bestenfalls redeten. Die schrien die Fragen heraus, die wir viel zu vorsichtig stellten. Ihre hemmungslose Wut machte uns zunächst sprachlos.“

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