„Allesfahrer“ : Paralleluniversum Fankurve: Von der Liebe eines Sportfans

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Uns hat’s erwischt – irgendwann einmal: Wir lieben einen Verein und kommen nicht von ihm los. Einblicke in das Paralleluniversum Fankurve.

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24. Dezember 2017, 15:30 Uhr

Wer macht so etwas? Und vor allem: warum? Wer fliegt mitten in der Woche in ein Geröll-Land am Ende Europas, weil der Spielplan der Euroleague es so will? Wer folgt seiner Mannschaft in eine Stadt, deren Namen er vor der Auslosung nicht einmal kannte, nur um ein Spiel gegen einen Verein zu sehen, den man kaum aussprechen kann? Wer macht bei Dauernieselregen und eiskaltem Wind eingepfercht im Gästeblock Stimmung, nur um dann zu erleben, wie das eigene Team gegen fußballerisch limitierte Grobmotoriker 0:1 verliert?

„Allesfahrer“ machen so etwas. Immer wieder. Sie sind die Hardcore-Abteilung unter uns Fans. Sie können nicht anders, sie müssen bei jedem Spiel dabei sein. Egal wo es stattfindet und egal wie unwichtig es ist. Warum? Weil es sie irgendwann einmal erwischt hat. Irgendwann ist aus Zuneigung zu einem Club echte Liebe geworden. Ein tiefes Gefühl, das in unserem Alltag manchmal für Probleme sorgt. Zum Beispiel, wenn man am Donnerstagabend schnell mal von Köln nach Baryssau muss. Oder wenn ein Spieltag auf den Termin einer Familienfeier fällt. Dann kann es schon mal kritisch werden mit dem häuslichen Frieden. Denn wie bei unserer Mannschaft, muss natürlich das Umfeld stimmen. Ist aber gar nicht so einfach, unsere Liebesbeziehung auch nur zu akzeptieren. Sie nachzuempfinden ist nahezu unmöglich.

Weil diese Liebe tatsächlich echt ist – kein billiger Werbespruch, den Borussia Dortmund zur Imagepflege missbraucht –, ist die Frage „Wer macht so etwas?“ nicht leicht zu erklären. Wer kann schon Gefühle rational vermitteln? Ganze Heerscharen von Sozio- und Psychologen haben es versucht. Und sind gescheitert. Sie verstecken dann ihre Ahnungslosigkeit unter einem meist mit dubiosen Fremdworten durchtränkten Wortschwall. Denn: Wen es nicht selbst erwischt hat, der kann uns nicht wirklich verstehen und wird immer wieder fragen: „Warum tun die das?“

Liebe auf den ersten Blick

Wer dennoch hinter das „Warum?“ blicken möchte, sollte zunächst wissen: Wir können nichts dafür! Kein echter Fan hat sich seine Mannschaft ausgesucht – nach dem Motto „oooh, die Bayern finde ich toll. Die gewinnen immer.“ Nein, so läuft das nicht. Man sucht sich seine Mannschaft nicht aus. Sie kommt zu einem. Irgendein Zufall, irgendeine schicksalhafte Wendung hat uns miteinander bekannt gemacht. Manchmal dauert es etwas, bis die wahre Liebe erwacht. Oft aber zündet sie blitzartig, schon beim ersten Stadionbesuch. Und es geschieht das, was Udo Lindenberg in seinem Song „Meine erste Liebe“ so schildert:

Ich weiß noch, als du da ’rein kamst,
in unsern Rock’n’Roll Club,
...
... ich spürte sofort, dass du irgendwie wie Rauschgift warst,
und sagte: „Okay Göttin, ich gesteh’, dass ich süchtig bin!“

Profan nennt man das Liebe auf den ersten Blick. Jeder Fan kann so eine Geschichte erzählen, wie sie sich in Udos Rock’n’Roll Club zugetragen hat. Uns hat es halt in einem Fußballstadion oder einer Handballhalle erwischt.

Das unterscheidet uns von den „Event-Fans“, die häufig nicht einmal checken, was da gerade auf dem Spielfeld geschieht und schon gar nicht begreifen, was wir fühlen, wenn wir in letzter Sekunde durch ein dämliches Tor das Spiel vergeigen. Man kann direkt neben diesem Fan-Darsteller stehen oder sitzen und gemeinsam die Jungs da unten anfeuern. Aber es ist nicht dasselbe. Der selbsternannte „Fan“ verlässt seinen Block und betreibt schon im Gedränge auf der Tribünen-Treppe belanglosen Smalltalk, während wir immer noch fassungslos auf das leere Spielfeld starren.

Anschließend haben wir dann oft tagelang schlechte Laune. Dann kann sogar Empathie weh tun. Gut gemeint, oder auch nur Interesse heuchelnd, werden wir am Tag danach von unserem Umfeld gefragt, wie unser Verein gespielt hat. Die Antwort heißt natürlich „Fresse!“. Geht aber nicht, also schwächen wir unseren Ärger in ein „hör bloß auf...“ ab. Liebe ist halt manchmal schmerzhaft.

Einige dieser dämlichen Tore, dieser Niederlagen vergessen wir nie – sie begleiten uns ein Leben lang. Das gilt natürlich auch für gewonnene Pokale und Meisterschaften. Wenn wir denn mal einen Titel holen. Aber das ist ja eher selten der Fall.

Daher erfordert unsere echte Liebe einen unerschöpflichen Vorrat an Leidensfähigkeit. Nur so können wir peinliche Heimpleiten, gar Jahrzehnte ohne einen Titelgewinn oder schmachvolle Abstiege überleben. Treue ist für uns ein Wert an sich, wir lieben ja nicht den Erfolg, sondern eine Mannschaft. Egal, wie diese gerade aussieht oder wo sie steht.


Eine Scheidung gibt es in unserer Welt nicht

In einem russischen Volksmärchen kann ein kleiner Junge seine Mutter nicht finden. Immer wenn er von hilfreichen Dorfbewohnern gefragt wird, wie diese denn aussehe, antwortet er: „Sie ist die schönste Frau der Welt.“ Am glücklichen Ende finden sich die beiden wieder, doch Mama ist eher nicht so schön und die Dorfbewohner wundern sich. Aber der Kleine sagt nur: „Seht Ihr! Die schönste Frau der Welt.“ So geht es uns auch.

In unserer Welt ist eine Scheidung oder auch nur ein Seitensprung nicht vorgesehen. Genauso wenig, wie man sich sein Team aussuchen kann, genauso wenig kann man es verlassen. Das geht einfach nicht, auch wenn es rational 1000 Gründe dafür geben mag. Das Gefühl ist stärker. Wer es dennoch schafft, hat nie geliebt. Doch selbst treulose Tomaten werden zugeben müssen, dass sie oft noch Jahre nach der Trennung immer mal wieder auf die Tabelle schielen, um zu gucken, wie es der alten Liebe so geht.

Um uns zu verstehen, muss man wissen, dass es ein Paralleluniversum gibt, in das wir hin und wieder abtauchen. Vor allem natürlich an Spieltagen. Dort können wir unsere Gefühle ausleben und tun Dinge, die in der Welt der anderen in die Kategorie „durchgeknallt“ gepackt werden. Zum Beispiel sitzen wir bei einem TV-Livespiel natürlich im Trikot vor dem Fernseher. Wir zeigen, dass wir dazugehören, selbst wenn außer uns niemand zu Hause ist. Wir glauben natürlich nicht tatsächlich, dass das Trikot uns zu einem Sieg verhilft. Aber wer weiß ... Wenn unsere Jungs abergläubisch sind und vor jedem Spiel irgendwelche Marotten pflegen – warum sollen wir das nicht auch dürfen? Liebe vernebelt ein klein wenig den Verstand. Das muss man schon zugeben.

Bei manch einem Fan allerdings wird dieser Nebel so dicht, dass er die Grenze zwischen den beiden Universen nicht mehr erkennt. Dann verschmelzen die beiden Parallelwelten, aus Liebe ist unheilvoller Fanatismus geworden, der das ganze Leben komplett beherrscht. Da sind dann doch die Psychiater gefragt.

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