Buch-Rezension : Zwei Engländer und der letzte deutsche Kaiser

Er wollte seine Leiche exhumieren lassen: Die Faszination von John Röhl für Kaiser Wilhelm II ist extrem. Zum 150. Kaisergeburtstag erscheinen zwei neue Kaiser-Biografien.

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24. Januar 2009, 11:54 Uhr

Am Ende verstand er die Welt nicht mehr. Nichts war im November 1918 mehr übrig geblieben von dem strahlenden Glanz der ersten Regierungsjahre des jungen Kaiser Wilhelms II. am Ende des 19. Jahrhunderts. Klammheimlich verschwand der letzte deutsche Kaiser, der am 27. Januar 150 Jahre alt geworden wäre, im holländischen Exil, wo er sich bis zu seinem Tod 1941 vornehmlich mit Holz hacken beschäftigte.
Zum Wilhelms rundem Geburtstag sind mehrere Bücher erschienen, die vor allem der lang diskutierten Frage nachgehen, wie groß der Anteil des letzten deutschen Kaisers an der Katastrophe des Ersten Weltkrieges war. Die Antwort der beiden angelsächsischen Historiker John Röhl und Christopher Clark ist dabei wie so häufig wissenschaftlich-ambivalent.
Und die Schuldfrage?
Clark, der 2007 eine fulminante Geschichte Preußens verfasst hat, versucht in seiner Studie, die schon vor Jahren auf englisch erschien, einen Überblick über den Forschungsstand zu geben. Das gelingt ihm gut, allerdings auch nicht mehr. Und die Schuldfrage? Im Vergleich erklärt Clark den Kaiser für etwas weniger schuldig am Krieg als Röhl das tut. Beide Autoren erkennen an, dass Wilhelm in einem Machtgeflecht gefangen war, letztlich aber den Militärs die Entscheidungsgewalt überließ. Röhl jedoch analysiert, dass Wilhelm dem Krieg bei allem Zaudern durchaus aufgeschlossen gegenüber stand - und erklärt dies aus der Biografie dieser "schwachen Figur, die immer Kraft und Aggression demonstrieren musste" und stets bewundert werden wollte.
Röhl gilt als der Wilhelm-Biograf schlechthin. Der jetzt erschienene dritte Band seiner insgesamt über 4000 Seiten starken Lebensgeschichte des letzten Kaisers, ist wie die anderen beiden Bände sehr detailreich. Schon im ersten Band erläuterte der Brite in dem wohl längsten medizinischen Dossier, das je in einer historischen Biografie erschien, wie die Verkrüppelung von Wilhelms Arm zu Stande kam und was diese Behinderung Zeit seines Lebens für Auswirkungen auf sein politisches Handelns hatte. Röhl wollte sogar Wilhelms Leichnam exhumieren lassen, um den auf Spuren einer Erbkrankheit untersuchen zu lassen.
Akribie nervt
Diese Akribie nervt ein wenig beim Lesen, manche Erörterungen sind einfach zu langatmig. Dennoch sind Röhls Bücher Standardwerke über die Geschichte des deutschen Kaiserreichs.
Clark hingegen hat eine eher akademische Studie geschrieben, in der die Skurrilität des letzten deutschen Kaisers machmal verloren geht. Denn es gibt immer wieder Dinge in Wilhelms Wahrnehmung der Welt, die heute komisch wirken. Als im November 1918 die Allierten vehement die Abdankung des Kaisers zur Bedingung für den Friedenschluss machten und erste Unruhen in Deutschland ausbrachen, erklärte Wilhelm: "Ich denke nicht daran, wegen der paar Juden und der 1000 Arbeiter den Thron zu verlassen." Ein paar Tage später war er im holländischen Doorn - und hackte nur noch Holz.
John C. G. Röhl: Wilhelm II. Band 1-3, Beck, ISBN-10: 340657873X, ISBN-13: 978-3406578731, 112 Euro
Christopher Clark: Wilhelm II: Die Herrschaft des letzten deutschen Kaisers, Dva, ISBN-10: 3421043582, ISBN-13: 978-3421043580, 24,95 Euro

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