Greifvögel im Norden : Zwei Bayern bewachen Seeadler-Nachwuchs in SH

Ausgewachsene Seeadler haben eine Flügelspannweite von rund zwei Metern.
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Ausgewachsene Seeadler haben eine Flügelspannweite von rund zwei Metern.

Seeadlernachwuchs: Zwei Bayern leisten Beistand und bewachen die Greifvögel. Die Naturschützer sind rund um die Uhr an den Adlerhorsten zwischen Nord- und Ostsee im Einsatz. Robert Ehrenhart und Karlheinz Huth reisen dafür jedes Jahr extra aus Bayern an.

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03. Juni 2014, 08:12 Uhr

Barsbek | Es sind 200 Meter, doch trotz der Entfernung hat Robert Ehrenhart mit seinem Fernrohr alles im Blick. Seine Beobachtungen hält er in seinem Notizblock fest: „8.30 Uhr: Das Weibchen füttert den Kleinen, der Große frisst allein.“ Naturschützer Ehrenhart bewacht gemeinsam mit seinem Freund Karlheinz Huth eine Woche lang den Horst einer jungen Seeadlerfamilie in Barsbek (Kreis Plön).

Seit Anfang März wachsen dort gleich zwei kleine Seeadler auf. Voraussichtlich Ende Juni oder Anfang Juli sind die Kleinen flügge. Bis dahin halten Naturschützer Neugierige fern von dem Nest in den Pappeln nahe der Ostsee. Der 71-jährige Ehrenhardt ist einer von insgesamt rund 150 ehrenamtlichen Helfern der Projektgruppe Seeadlerschutz, die während der Brutsaison aus dem gesamten Bundesgebiet anreisen, um eine Woche in der Nähe der großen Greifvögel zu verbringen. „Experten sind wird nicht“, sagt Ehrenhart. Doch hat der ehemalige Lufthansa-Techniker mittlerweile reichlich Erfahrung. Wenn der entspannte Franke von dem 19 Jahre alten Seeadler in Barsbek spricht leuchten seine Augen. „Gestern ist er in geringer Höhe über meinen Kopf geflogen. Zwei Krähen sind direkt hinterher und haben ihn gejagt“, sagte er. Anhaben können die Krähen dem Seeadler zwar nichts. Sie können ihn jedoch piesacken - immer in der Hoffnung, der Greifvögel könnte dabei seine Beute verlieren.

Bereits seit 20 Jahren bewacht der Rentner aus Karlstein (Bayern) im Sommer Seeadler, seit einigen Jahren in Barsbek. Huth ist seit 15 Jahren dabei. Als Unterkunft dient den beiden ein Wohnwagen mit Blick auf den Adlerhorst. Von morgens bis abends blicken sie alle Viertelstunde durch Fernglas oder Spektiv und notieren ihre Beobachtungen. Regelmäßig kommen Touristen vorbei, um den Seeadlernachwuchs zu beobachten. Um ihnen einen Einblick in die Kinderstube der imposanten Tiere zu ermöglichen, hat die Projektgruppe Seeadlerschutz die Beobachtungsstation am Barsbeker See und eine weitere in Rathjensdorf bei Plön eingerichtet. Im vergangenen Jahr taten dies rund 4000 Besucher.

Der Seeadlerbestand in Schleswig-Holstein hat sich in den vergangenen Jahren massiv erholt. 2013 wurden 76 Revierpaare beobachtet, 59 von ihnen brüteten erfolgreich. 91 junge Seeadler wurden flügge. Zum Vergleich: Anfang der 1980er Jahre gab es im Norden lediglich vier Paare. „Hauptproblem war das verbreitete Insektengift DDT, das über die Nahrungskette ins Blut der Adler gelangte“, sagt Volker Latendorf von der Projektgruppe Seeadlerschutz. Die Schalen der Eier wurden immer dünner, Embryonen waren teilweise missgebildet.

Zweite Hauptursache für das große Seeadlersterben war der Eierdiebstahl. „In den 1960er Jahren wurden Seeadler-Eier mit bis zu 10.000 D-Mark gehandelt“, sagt Latendorf. Die Eier wurden auf dem Schwarzmarkt für die Zucht angeboten. DDT (Dichlordiphenyltrichlorethan) wurde in Westdeutschland 1972 verboten. Der letzte große Fall von Eierdiebstahl im Norden datiert nach Angaben von Latendorf aus den 1970er Jahren.Gefahrlos ist das Leben der Tiere mit einer Flügelspannweite von bis zu 2,50 Metern trotzdem nicht. „Größtes Problem ist der Bau von Windkraft-Anlagen, dem einige Tiere zum Opfer fallen“, sagt Latendorf. Zwischen 1997 und 2011 verendeten auf diese Weise 26 Tiere. Im gleichen Zeitraum starben 15 Vögel nach Kollisionen mit Zügen. Meist hatten sie zuvor nahe der Schienen Aas gefressen. „Aufgrund der zunehmenden Population verzeichnen wir Revierkämpfe, die durchaus auch zum Tode führen können“, sagt Latendorf. Zwar sind Seeadler grundsätzlich monogam. Als Folge der Revierkämpfe hat der Barsbeker Adler aber schon seine vierte Gefährtin. „Sein Nahrungsrevier ist gut“, vermutet Latendorf als Grund.

Die meisten Seeadler leben in den Kreisen Plön und Ostholstein. Relativ wenig Tiere gibt es an der Nordseeküste. Damit sich die Tiere im Norden weiter in Ruhe um ihren Nachwuchs kümmern können, wollen die beiden bayerischen Naturschützer in den kommenden Jahren wiederkommen. „So lange die Füße tragen“, sagt Huth. Eine Woche im Wohnwagen ohne Fernsehen und Zeitung sei schließlich Erholung pur.

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