Tafeln in Nordfriesland : Zum Wegschmeißen der Lebensmittel verdammt

Lebensmittel im Müll: Das Kreisveterinäramt Nordfriesland verlangt von den Tafeln, dass sie Produkte über dem Mindesthaltbarkeitsdatum entsorgen - egal, wie sie aussehen. Foto: Emde
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Lebensmittel im Müll: Das Kreisveterinäramt Nordfriesland verlangt von den Tafeln, dass sie Produkte über dem Mindesthaltbarkeitsdatum entsorgen - egal, wie sie aussehen. Foto: Emde

Das Kreisveterinäramt Nordfriesland macht es den Tafeln schwer: Sie sollen Lebensmittel wegwerfen, die über dem Verfallsdatum liegen. Ein Widerspruch zur Politik.

shz.de von
22. Mai 2012, 11:41 Uhr

Tönning/Husum/Kiel | Seit dem Start der Tafel in Tönning vor fünf Jahren ist Dagmar Kähler dort als ehrenamtliche Mitarbeiterin tätig. Sie hat "einen dicken Hals". Grund: Die strikten Vorgaben des Kreisveterinäramts in Bezug auf das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) der Lebensmittel. Bei einem Kontrollbesuch im März habe eine Mitarbeiterin des Amts nachdrücklich gefordert, alle Waren mit abgelaufenem MHD müssten vernichtet werden, sagt Kähler. Dies seien manchmal beträchtliche Mengen an eigentlich völlig unbedenklichen Lebensmitteln. "Uns wurde gedroht, wenn jemand nach dem Essen abgelaufener Produkte ins Krankenhaus müsste, könnten wir in Teufels Küche kommen." Dabei seien sie und ihre Kollegen vom Gesundheitsamt geschult. "Wir wissen, dass wir die Kunden darauf hinweisen müssen, wenn das MHD abgelaufen ist - und es wird ohnehin alles sorgsam kontrolliert, was wir ausgeben."
Mittlerweile sei das Amt ein Stück zurückgerudert, sagt Ina Hinrichsen, Leiterin der Tönninger Tafel. "Nun dürfen wir die Produkte immerhin auch einen Tag nach Ablauf der Frist noch abgeben." Es sei aber bitter, wenn man armen Menschen helfen wolle, sich dann jedoch solchen strikten Regeln gegenüber sehe.
Gegen die Aigner-Kampagne "Zu gut für die Tonne"
Die Entscheidungen der Mitarbeiter des Veterinäramts gehen gegen die Bemühungen von Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU). Vor zwei Monaten hatte sie ihre Kampagne gegen Lebensmittelvernichtung unter dem Titel "Zu gut für die Tonne" gestartet - und explizit darauf hingewiesen, dass ein MHD keineswegs mit einem Verbrauchsdatum gleichzusetzen sei, sondern nur eine Frische-Garantie des Herstellers darstelle, die nichts über die tatsächliche Haltbarkeit aussage. Ausdrücklich hatte Aigner zudem zur Vermeidung von Lebensmittelabfällen die Tafeln gelobt, weil sie für den Handel nicht mehr verwertbare Lebensmittel vor der Vernichtung retten.
Dieter Pelties von der Tafel in Husum hat hingegen Verständnis für die Vorgaben des Kreises: "Produkte mit MHD, die abgelaufen sind, werden von uns in die Tonne geschmissen, wir können sonst nicht die Unverdorbenheit gewährleisten", sagt er. Eine Sichtprüfung, die nach eigenen Angaben bei losem Obst und Gemüse erfolgt, sei bei verpackten Lebensmitteln wie etwa Joghurt aus Zeitgründen nicht möglich. Folge: Sie werden entsorgt. Pelties: "Sonst denken die Kunden vielleicht, wir geben keine gute Ware aus."
"Der Laie erkennt nicht immer, was noch gut ist"
Hans-Martin Slopianka, Sprecher des Kreises Nordfriesland differenziert: "Es gibt Lebensmittel, bei denen der Laie nicht erkennt, ob sie noch gut sind. Das gilt etwa für Fleischprodukte, Rohmilch, manche Käsesorten und Räucherfisch." Selbst vakuumverpackte und gekühlte Wurstwaren enthielten Listerien, eine Bakterienart, die zu schweren Erkrankungen führen kann. Je älter die Wurst, desto stärker vermehrten sich die Listerien - trotz Vakuum und Kühlung. "Wer die Ware dann noch isst, kann ernsthaft erkranken. Alles, was über das MHD hinaus ist, soll deshalb aus Sicherheitsgründen nicht verteilt werden, dies ist seit Jahren ein generelles Verfahren des Veterinäramts."
Sehr überrascht von dieser Regelung zeigt sich Frank Hildebrandt, Vorsitzender der Tafeln in Schleswig-Holstein und Hamburg, der für 54 Einrichtungen zuständig ist. "Von solchen Problemen habe ich aus sämtlichen anderen Kreisen und Städten noch nie gehört", sagt Hildebrandt, der selbst sowohl im Vorstand der Kieler Tafel als auch bei der Tafel in Flintbek (Kreis Rendsburg-Eckernförde) tätig ist. "Wir können durchaus das MHD überziehen und tun das auch regelmäßig. Wenn wir unsere Kunden auf ein abgelaufenes MHD hinweisen, haben wir unserer Verantwortung genüge getan", so Hildebrandt.
Bundesweite Regelung gewünscht
"Einen Joghurt geben wir auch noch eine gute Woche nach Ablauf ab." Wichtig sei, dass bei zu kühlenden Produkten die Kühlkette nicht unterbrochen werde, darauf werde penibel geachtet. Manche Händler ließen sich auch per Unterschrift von jeglicher Haftung befreien. "Mir ist kein einziger Fall in Hamburg und Schleswig-Holstein bekannt, bei dem Menschen durch Lebensmittel von der Tafel erkrankt sind oder gar Klage eingereicht hätten", sagt Hildebrandt. Man sei allerdings grundsätzlich abhängig von den Entscheidungen der jeweiligen Veterinärämter in Städten und Kreisen. "Sonst kann es sein, dass eine Tafel dicht gemacht wird."
Eine bundesweite Regelung für alle Tafeln fordert Ina Hinrichsen. "Da wären wir dann ein Stück weit abgesichert und es gäbe eine für alle Beteiligen verbindliche Einheitlichkeit."

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