Ausgesetzt und abgeschoben : Zu viele Katzen: Tierheime in Not

Keiner will sie  und ihre Mitbewohner aus dem Tierheim Neumünster abholen: Die fünfjährige Katze 'Tabs' wartet bereits seit September auf einen neuen Besitzer. Foto: Ruff
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Keiner will sie und ihre Mitbewohner aus dem Tierheim Neumünster abholen: Die fünfjährige Katze "Tabs" wartet bereits seit September auf einen neuen Besitzer. Foto: Ruff

Tierschützer schlagen Alarm: 50 Prozent mehr heimatlose Katzen sind in den vergangenen zwei Jahren gefunden worden. Jedes zweite Tierheim steht vor finanziellem Kollaps.

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21. Januar 2010, 11:26 Uhr

St. Margarethen / Kiel | Die Hilferufe werden zahlreicher und immer lauter. In Schleswig-Holstein gibt es immer mehr Tierheime, die kaum noch oder gar keine Plätze mehr für Fundtiere frei haben - vor allem für Katzen. "Wir platzen aus allen Nähten, wissen manchmal nicht mehr, wo und wie wir die Tiere unterbringen sollen", klagt Holger Sauerzweig-Strey, Landesvorsitzender des Deutschen Tierschutzbundes, der in St. Margarethen (Kreis Steinburg) lebt. Landesweit hat er in den vergangenen zwei Jahren eine Zunahme der Fundkatzen von 30 bis 50 Prozent verzeichnet.

Allein im Tierheim Itzehoe sind im vergangenen Jahr rund 460 Katzen abgegeben worden. "Die Menschen können sich aufgrund der Wirtschaftslage ihre Tiere oft nicht mehr leisten. Da setzen sie sie aus oder geben sie manchmal auch als angebliche Fundkatze im Tierheim ab", sagt Sauerzweig-Strey. Viele Heime geraten dadurch in erhebliche finanzielle Schieflage, weil sie von den Kommunen nur einen Bruchteil ihrer Kosten für Unterbringung und Tierärzte ersetzt bekommen. Meist gibt es eine Pauschale, wie etwa in Nordfriesland. Anderswo, wie etwa im Kreis Stormarn, zahlt das Amt Bad Oldesloe-Land vier Euro pro Katze, allerdings längstens für 28 Tage. Im Kieler Umland sind es 6,50 Euro pro Tag und Tier. "Das sind Good-Will-Preise, die unsere Kosten nie decken können", sagt Holger Sauerzweig-Strey. Allein die Kastration einer Katze koste zwischen 80 und 160 Euro. Laut Sauerzweig-Strey müssen die Tierheime über die Hälfte ihrer Kosten durch Mitgliedsbeiträge, Spenden oder Erbschaften decken. Das sei kaum noch leistbar. "Wenn das so weiter geht, müssen von den deutschen Tierheimen rund 50 Prozent in den kommenden Jahren schließen. In Schleswig-Holstein werden wir da ganz vorne mit dabei sein, weil es hier so viele Katzen gibt", sagt der Tierschützer.
Alle Käfige besetzt

Wie etwa in Neumünster. Hier warten die Katzen "Tabs", "Helena" und viele andere auf neue Besitzer. "Wir sind bis auf den letzten Platz besetzt. Wenn Notfälle kommen, müssen wir sie aufnehmen und tun das auch. Aber wenn Privatpersonen ihre Katzen wegen Umzugs, Allergie oder aus anderen Gründen abgeben wollen oder Leute mit Fundtieren kommen, bitte ich sie, noch ein oder zwei Wochen die Tiere zu halten, und setze sie auf die Warteliste", sagt Tierheimleiterin Susanne Eckmann. Alle Käfige seien besetzt, obwohl 2009 die Kapazität durch neue Boxen erhöht wurde.

In Husum steigt jeden Winter die Belegungszahl. "Jetzt sind wir aber überbelegt", klagt die erste Vorsitzende des örtlichen Tierschutzvereins, Inke Rath. "Wir haben über 50 Katzen. Normal sind 25." Erschwerend komme hinzu, dass die Spenden drastisch abgenommen hätten.
Alte und kranke Katzen werden abgeschoben

In Südtondern gab es bei den Fundkatzen in den vergangenen zehn Jahren einen Anstieg von etwa 20 Prozent. Im Tierheim der Gemeinde Sylt wurden allein im vergangenen Jahr 20 Prozent mehr Katzen abgegeben als sonst. Konkret heißt das 94 Katzen. 50 sind noch immer im Tierheim. "Oft kommen Menschen, die ihre kranke oder alte Katze abgeben wollen", sagt die Vorsitzende des Tierschutzverbandes Sylt und Tierärztin Ivonne von Kobilinski. 8500 Euro hat die Gemeinde im Jahr zur Verfügung. Trotzdem nimmt das Tierheim weiter Katzen an. "In 90 Prozent der Fälle schicken wir keine Tiere weg", so Kobilinski.

Doch die zuständigen Kommunen achten immer mehr aufs Geld. "2009 haben sich die Kosten vervierfacht", sagt Dirk Bölter, verantwortlicher Mitarbeiter im Ordnungsamt Mittleres Nordfriesland. Dort gilt: Erst zum Amt, dann ins Tierheim. Sollten Heime Tiere annehmen, ohne auf das Amt zu verweisen, gebe es kein Geld. Allerdings muss das Amt sechs Wochen Unterkunft für Fundtiere finanziell gewährleisten, räumt Bölter ein.
Katze als "Selbstversorger"
Der Ordnungsamtsleiter des Amtes Schlei-Ostsee hat mit dem Tierheim in Schleswig vereinbart, dass das Amt vor Aufnahme einer Fundkatze informiert wird und zustimmen muss. Sein Argument: Nicht alle Fundkatzen seien wirklich Fundkatzen, sie könnten sich selbst versorgen. Schon überprüft das Amt diese Tiere. Kranken, verletzten oder geschwächten Tieren wird weiter geholfen.

Wenn die Kosten in einzelnen Heimen geringer sind, wie etwa im Amt Schenefeld (Kreis Steinburg) oder in Elmshorn, liegt es daran, dass mehr Katzen wieder vermittelt werden konnten - meist durch erhebliches zusätzliches Engagement von ehrenamtlichen Tierschützern. "Es wird jedoch immer schwieriger, Fundkatzen zu vermitteln, weil sich in diesen wirtschaftlichen Zeiten immer weniger Menschen überhaupt ein Tier anschaffen", sagt Holger Sauerzweig-Strey.
Flächendeckende Kastration gefordert

Letztlich gibt es offenbar nur eine Lösung für das Problem Katzenschwemme: flächendeckende Kastration. Doch das können sich weder Kommunen noch Tierheime leisten. Und die Tierärztekammer bleibt hart, will keine Sonderkonditionen schaffen. "Wenn es Kastrationen gibt, dann nur innerhalb der Gebührenordnung", sagt die Vizepräsidentin Dr. Anne-Maren Marxen.

Doch was passiert dann mit den herren losen Katzen? Von April 2008 bis April 2009 wurden 6691 wildernde Katzen von Jägern in Schleswig-Holstein erlegt.

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