Karte der Sichtungen : Zehn Jahre Wölfe in SH – Kein Land der Liebe für Isegrim

Ein Wolf im Wildpark Eekholt bei Großenaspe.

Ein Wolf im Wildpark Eekholt bei Großenaspe.

Sesshaft geworden ist der Wolf im Land zwischen den Meeren nicht. Doch irgendwas scheint ihm hier zu gefallen.

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08. Januar 2018, 11:31 Uhr

Eekholt | Als im April 2007 erstmals seit 200 Jahren ein Wolf in Schleswig-Holstein auftauchte – ein Totfund bei Süsel –, entfachte eine gewisse Begeisterung bei vielen Tierfreunden. „Der Nachweis eines Wolfes in Schleswig-Holstein ist eine gute Nachricht“, sagte damals der Landesvorsitzende des Naturschutzbundes (Nabu), Hermann Schultz. Die Kieler Uni-Zoologin und Hundesexpertin Dorit Feddersen-Petersen warte damals vor Hysterie: „Wölfe sind sehr scheu, greifen Menschen nicht an. Für mich ist es ein schönes Gefühl zu wissen, dass es wieder Wölfe in Schleswig-Holstein geben könnte“. Es ging die Rede vom „Wolfs-Erwartungs-Land“.

Andere Menschen waren weniger begeistert, ein gefährliches Raubtier als Nachbarn zu bekommen. Wegen des geringen Waldanteils, der weiträumigen Weidehaltung und des engmaschigen Verkehrs- und Wegenetzes sei das Bundesland für Wölfe ungeeignet, argumentierten sie.

Zeitungsartikel aus der Landeszeitung vom 24. April 2007.

Heute sind Wolfssichtungen keine Seltenheit mehr. „Wölfe scheinen bestimmte Bereiche in Schleswig-Holstein zumindest so interessant zu finden, dass sie sich dort mehrere Monate aufhalten“, sagt der Chef des Wolfsinformationszentrums in Eekholt, Wolf-Gunthram von Schenck.

Anders als zum Beispiel Nachbar Dänemark wartet Schleswig-Holstein auch nach zehn Jahren noch auf einen „eigenen“ Wolf, während Mecklenburg-Vorpommerns Agrarminister Till Backhaus bundesweit die angestrebte Population bereits für überschritten hält.

„Es gibt kein Paar, keine feste Rudel-Bildung – zumindest ist nichts bekannt“, sagt Marcus Börner vom Landesjagdverband. „Es sind alles Einzeltiere, die im Moment durchziehen.“ Übergriffe auf Menschen können dabei nicht ausgeschlossen werden, denn der Wolf sei ein großes Raubtier, erklärt Börner. „Doch es ist relativ unwahrscheinlich, auf Wölfe zu treffen.“

Konflikte sieht der Jäger eher bei einem Spaziergang mit frei laufenden Hunden. Dann könne der Wolf den Hund als Revierfeind ansehen und angreifen. Das sei jedoch hauptsächlich für den Hund gefährlich, solange sich der Hundebesitzer nicht dazwischen stellt. „Würde ich bei meinem Hund wahrscheinlich trotzdem machen“, sagt Börner. „Aber klar, dann muss man eben die Konsequenzen tragen.“ Die Jäger merken jedoch, dass der Wolf zurückgekehrt ist. Sie dürfen ihn nicht jagen, müssen sich jedoch auf ihn einstellen. „Beispielsweise in der Lauenburger und Möllner Ecke. Dort an der Grenze zu Mecklenburg-Vorpommern ist das Rehwild heute viel heimlicher, viel vorsichtiger – vor allem, wenn dort gerade ein Wolf unterwegs ist“, schildert Börner: „Es wird für den einzelnen Jäger schwieriger, Beute zu machen.“

Zum Leidwesen der Schafzüchter steht auch das Schaf auf dem Speiseplan des Wolfes. Im Sommer laufen zwei von drei Schafen an den Deichen der Westküste. Im Winter müssen diese Herden wegen des Deichschutzes auf Weiden im Binnenland verteilt werden. Das sind meist kleine, schnell leer gefressene Flächen, so dass die Schafe sehr oft umziehen müssen. Für den Züchter bedeutet es nach Angaben des Verbandes einen immensen zusätzlichen Arbeitsaufwand, diese Tiere stets aufs Neue wolfsicher einzuzäunen.

Bislang wurde in Schleswig-Holstein 42 Mal die Existenz eines Wolfes amtlich dokumentiert. Das bedeutet jedoch nicht 42 verschiedene Wölfe. Einige Tiere wurden mehrfach identifiziert – zum Beispiel durch DNA-Spuren an getöteten Wild- oder Nutztieren. Von anderen gab es nur Spuren der Pfoten im Sand, oder man entdeckte die Ausscheidungen, manchmal auch Bilder, die eine Fotofalle geschossen hat. Und ganz selten bekommen Menschen einen lebenden Wolf in Freiheit zu Gesicht.

 

Wie am 3. Oktober 2017 in Dithmarschen. Autofahrer entdeckten das Tier am frühen Morgen auf einer Straße im Auguste-Viktoria-Koog. Sie bannten die Begegnung auf Video und zeigten das Filmchen dem für Schleswig-Holsteins zuständigen Wolfsexperten Norman Stier von der TU Dresden. Der gab ihnen Recht: Das Tier sei eindeutig ein Wolf, erklärte er. Das Kieler Umweltministerium mahnt, bei solchen Beobachtungen einen Wolf nicht mit dem Auto zu verfolgen. Er könnte dadurch in Panik geraten und plötzlich die Richtung wechseln. Hierdurch könnte es dann zu Unfällen mit dem auf nationaler und internationaler Ebene streng geschützten Tier kommen.

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