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Sozialhilfe für Rentner : Zahl armer Rentner in SH wächst rasant

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Anstieg bei Sozialhilfe-Empfängern liegt in Schleswig-Holstein über dem Bundesdurchschnitt. Frauen sind dabei häufiger betroffen als Männer. Die Sozialverbände fordern höhere Sätze.

shz.de von
erstellt am 05.Nov.2014 | 06:30 Uhr

Kiel | Unter den Rentnern in Schleswig-Holstein nimmt die Zahl der Sozialhilfeempfänger deutlich zu. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts gab es zum Jahresende 2013 im Norden 18.889 Empfänger von Grundsicherung im Alter ab 65 Jahren (bundesweit 499.295). Das ist ein Anstieg um 8,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Damit liegt der Norden sogar über dem Bundesdurchschnitt von 7,4 Prozent.

Insbesondere die Frauen sind auf staatliche Hilfen angewiesen: Stand 2013 bezogen in Schleswig-Holstein 3,4 Prozent der Frauen gegenüber lediglich 2,5 Prozent der Männer dieses Alters soziale Leistungen.

Die Sozialverbände sehen in dem Anstieg die Vorboten einer wachsenden Altersarmut. Sie forderten höhere Sozialhilfesätze für Rentner und eine andere Schwerpunktsetzung in der Rentenpolitik. Die Quote der sozialhilfeabhängigen Senioren beträgt nach Angaben der Statistiker im Norden wie auch im Bundesdurchschnitt drei Prozent. Spitzenreiter unter den Bundesländern war Hamburg mit 6,8 Prozent.

Die Präsidentin des Sozialverbandes VdK, Ulrike Mascher, sprach von einem „alarmierenden Anstieg“. Der Sozialverband fordert einen Sozialhilfesatz für Rentner von 460 Euro im Monat. Für den Paritätischen Wohlfahrtsverband erklärte der schleswig-holsteinische Geschäftsführer Günter Ernst-Basten, inklusive altersspezifischer Zusatzausgaben benötigten alte Menschen mindestens 510 Euro Sozialhilfe pro Monat. Gegenwärtig liegt der Satz bei 391 Euro plus Miete und Heizkosten. Beide Verbände forderten auch, die Einmalleistungen wieder einzuführen. „Ein kaputter Herd, eine neue Brille oder eine Stromnachzahlung lassen Grundsicherungsbezieher heute oft verzweifeln“, sagte Ulrike Mascher.

Der sozialpolitische Sprecher der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, Wolfgang Strengmann-Kuhn, bezeichnete die Armutsentwicklung als besorgniserregend. Er forderte die sofortige Einführung einer Mindestrente. Der rentenpolitische Sprecher der Fraktion Die Linke, Matthias Birkwald, verlangte von der Bundesregierung „harte Maßnahmen gegen Altersarmut“.

Günter Ernst-Basten warnte: „Ab Mitte des nächsten Jahrzehnts droht ein Heer ehemals Langzeit- oder Mehrfacharbeitsloser in die Altersarmut zu fallen.“ Lediglich als die Vorboten einer „auf uns zurollenden Lawine“ seien die jüngsten Zahlen anzusehen.

„Die Entwicklung war vorhersehbar. Das Rentenniveau soll abnehmen, das ist politisch gewollt“, sagte Christian Schultz vom Landesverband des Sozialverbands Deutschland (SOvD). Er wies darauf hin, dass viele alte Menschen die Sozialhilfe derzeit nicht einmal in Anspruch nehmen, obwohl sie ihnen zustehe. „Wir gehen davon aus, dass es hier eine Dunkelziffer von rund fünfzig Prozent gibt“, so Schultz. Der Hauptgrund sei bei vielen Älteren ein zu großer Stolz. „Die wollen sich nicht helfen lassen.“ Schultz forderte die Politik auf, mit Gesetzesänderungen dafür zu sorgen, dass das Rentenniveau nicht weiter sinkt, „und wir in 15 bis 20 Jahren nicht ein Massenproblem haben“.

Es dürfe kein Dauerzustand sein, dass Menschen mit Altersarmut zu kämpfen haben, erklärte Schleswig-Holsteins Sozialministerin Kristin Alheit. „Es gibt aber nicht das eine Gegenmittel, sondern verschiedene Maßnahmen, die greifen müssen.“ So beginne wirksame Armutsbekämpfung mit einem angemessen Lohn im Arbeitsleben. „Daher haben wir uns für den fairen Mindestlohn eingesetzt.“ Ungleiche Erwerbsbiografien trügen dazu bei, dass überproportional häufig Frauen von Altersarmut betroffen seien. „Mit dem Ausbau der Kinderbetreuung haben wir einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, dass beide Eltern ihrem Beruf nachgehen können.“ Es brauche aber auch familienfreundlichere Arbeitsbedingungen und eine noch größere Akzeptanz, dass Arbeit und Familie von beiden Partnern anteilig geleistet werden könnten.

Zu der armutsgefährdeten Gruppe zählen neben den Empfängern von Grundsicherung ab 65 Jahren auch die 18- bis 65-Jährigen, die Grundsicherung bekommen, weil sie aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr arbeiten können. Von ihnen gab es am Jahresende 2013 im Norden 18.457. Damit bezogen insgesamt 37.346 Menschen im Land Leistungen der Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung (bundesweit 962.000).

Bedürftige Rentner ab 65 Jahren:

Deutschland 499.295 (Früheres Bundesgebiet 422.666)

Bundesländer: Nordrhein-Westfalen 249.668, Bayern 65.976, Niedersachsen 49.751, Baden-Württemberg 47.354, Hessen 43.916, Berlin 37.620,Hamburg 22.310, Rheinland-Pfalz  21.740, Schleswig-Holstein 18.889, Sachsen 11.080, Sachsen-Anhalt 8340, Bremen 8319, Saarland 7815, Brandenburg 7662, Mecklenburg-Vorpommern 6517, Thüringen 5410. Quelle: Statistisches Bundesamt, Zahlen 2013

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