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Förderzentrum oder Regelschule : Wo sind die Grenzen der Inklusion?

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Manche Eltern schicken ihr behindertes Kind zur Regelschule - für eine Chance im Berufsleben. Andere wählen das Förderzentrum. Doch wann ist ein behindertes Kind wo am besten aufgehoben? Zwei Beispiele aus SH.

Eckernförde/Sehestedt | Das Thema Inklusion – das gemeinsame Lernen von behinderten und nichtbehinderten Kindern – erhitzt die Gemüter. Schleswig-Holstein zählt zu den Bundesländern mit den höchsten Inklusionsquoten. In keinem anderen Bundesland gehen so wenig Kinder auf eine Förderschule wie in Schleswig-Holstein. Die Regierung will die Anzahl der behinderten Kinder, die an Regelschulen unterrichtet werden, noch weiter steigern. Doch wo sind die Grenzen der Inklusion? Antonia und Hendrik wählten unterschiedliche Wege – zwei Beispiele aus SH.

Sie lacht bei dem Satz. „Ich bin ein bisschen behindert“, sagt Antonia Stein. Die 14-Jährige aus Eckernförde will eines Tages in der Gastronomie arbeiten. „Das wird nicht leicht werden“, sagt ihre Mutter Bettina Stein, denn seit ihrer Geburt hat Antonia eine leichte geistige und körperliche Behinderung.

Früh haben sich ihre Eltern Gedanken gemacht, wie sie ihre Tochter am besten fördern können – und auf welche Schule sie gehen soll. „Die Entscheidung für das Förderzentrum fiel schnell“, sagt Bettina Stein. Im Kindergarten hatte Antonia eine Einzelintegration, war allein unter nicht-behinderten Kindern. „Das Personal war total gut, aber die soziale Integration hat nicht gut geklappt. Antonia wurde gehänselt, weil sie mit den anderen Kindern nicht mithalten konnte. Nur zur Not wurde sie mal zum Geburtstag eingeladen“, sagt ihre Mutter.

Jetzt hat Antonia viele Freunde im Förderzentrum in Kiel-Mettenhof, der Lilli Nielsen Schule. Allerdings ist sie dafür jeden Tag über zwei Stunden unterwegs, um zur Schule und wieder zurück zu kommen. „Manchmal würde ich schon gern in Eckernförde zur Schule gehen.“

Doch von einer Integrationsklasse in einer Regelschule hält ihre Mutter wenig. „Dafür ist meist nicht genügend Personal vorhanden“, sagt die Medizinerin. Auch die Pläne des Landes, das 314 Schulassistenten einstellen will, sieht sie kritisch, die Frage sei, wie die ausgebildet seien. „Man kann nicht alles ausgleichen und integrieren, jedes Kind hat aufgrund seiner Behinderung andere Stärken und Schwächen.“ Und selbst wenn immer mehr leicht behinderte Kinder wie Antonia auf Regelschulen gingen, „für manche schwerstbehinderte Kinder bleibt dann nur so etwas, dass man dann wohl Resteschule nennen muss“. Klar würden Eltern ihre Kinder lieber auf einer Regelschule sehen, weil sie hofften, dort würden sie mehr und schneller lernen. Das sei aber oft ein Trugschluss, sagt Stein. Viele Kinder kämen auch erst nach der Grundschulzeit auf eine Förderschule. „Auf der anderen Seite leben wir ein bisschen unter einer Glocke. Aber uns war es am wichtigsten, dass Antonia gern zur Schule geht.“ Die lacht und sagt: „So ist das auch.“

Die Betreuung an der Lilli Nielsen Schule sei gut, in der Klasse mit zehn Kindern gebe es neben der Lehrkraft zwei sozialpädagogische Assistenten. Antonia kann lesen und schreiben, am liebsten liest sie Kochbücher, um dort Rezepte zu finden. Gerade hat sie das kleine Einmaleins gelernt. Sie ist selbstbewusst. Als ihre Mutter von Fördern und Fordern spricht, schlägt der Teenager die Hände vors Gesicht: „Hier zu Haus werde ich nur gefordert.“

Da muss auch ihre Mutter lachen, die nicht gegen Integration ist. „Mein Traum wäre ein Schulhof mit zwei Schularten. Da könnten die Kinder sich kennenlernen, auch mal in Projekten zusammenarbeiten oder gemeinsam Musik machen.“ Denn auch Behinderte hätten Anspruch auf Unterricht – und nicht nur auf Betreuung.

Wenn Antonia in fünf Jahren die Schule verlässt, will sie dies mit einem Abschluss tun. Ihre Mutter würde es toll finden, wenn Antonia irgendwann in einer integrativen Wohngruppe leben könnte. Und natürlich einen Job machte – am besten in einem Café gemeinsam mit Behinderten und Nicht-Behinderten. Bettina Stein: „Das wäre wirkliche Integration.“

 

Hendrik Ahlmann hingegen machte seine Erfahrungen mit der Inklusion auf der Regelschule. Sein Einstieg in die Schullaufbahn hätte kaum schlechter sein können. Vor zehn Jahren steht Hendrik Ahlmann an der Bushaltestelle in Sehestedt (Kreis Rendsburg-Eckernförde) – und kommt beinahe nicht zur Grundschule. „Der Busfahrer hat gesagt, dass ich den Kopfhörer meines MP3-Players aus den Ohren nehmen soll, sonst würde er mich nicht mitnehmen. Und ich habe immer nur gesagt, dass das doch nur meine Hörgeräte sind“, sagt der heute 17-Jährige. „Ich fühlte mich auch vor den anderen Kindern bloßgestellt – das war nicht so cool.“

Seitdem hat Hendrik einen lange und steinigen Weg hinter sich. Heute sitzt er cool in der großen Wohnküche neben seiner Mutter Freya und erzählt von einer Schullaufbahn als Hörgeschädigter, „der 70 Prozent Verlust hat“, wie er sagt.

„Das wurde erst festgestellt, als Hendrik schon fünfeinhalb Jahre alt war“, erklärt Freya Ahlmann. „Deswegen war er entwicklungsverzögert, in den schlimmsten Phasen um drei Jahre.“ Dennoch entscheidet sich die Familie, Hendrik auf eine Regelschule zu schicken. „Das war keine leichte Entscheidung, aber sie war eben deutlich: Wir hatten die Hoffnung, dass er doch irgendwie einen Hauptschulabschluss machen – und arbeiten kann“, sagt seine Mutter. „Wäre er auf eine Förderschule gegangen, wäre das nur schwer möglich gewesen.“

Die Ahlmanns gehen den schweren Weg. „Der war hart und teuer, denn von den Hilfen, die Hendrik bekommen hat, haben wir das meiste selbst bezahlt“, sagt Freya Ahlmann. Viel Zeit und Geld helfen, damit Hendrik Dank engagierter Eltern und Lehrer Fortschritte machen kann. „Manchmal habe ich den Kindern in seiner Klasse das Diktat vorgelesen und Hendrik hat sein Diktat in einem Extra-Raum mit der Lehrerin gemacht“, sagt Freya Ahlmann, die auch Glück hat, dass andere Eltern das tolerieren. Am Ende der Grundschulzeit hat Hendrik eine Gymnasialempfehlung in der Tasche.

Die Familie entscheidet sich für die Gesamtschule, Hendrik bekommt immer wieder Hilfen, aber in eine Integrationsklasse geht er nicht. In der neunten Klasse hat er es schwer. „Ich hatte mit Mobbing zu tun, da war ich schon mal so weit, dass ich auf das Gehörloseninternat in Schleswig gehen wollte – da waren ja alle so wie ich.“ Dann hätte er später aber nicht studieren können, wie er es will. Aber auch seine Mutter Freya plagen Zweifel. „Immer wieder habe ich gedacht: Machst Du alles richtig oder verlangst Du nicht zu viel von Deinem Kind?“ Denn eines steht dabei immer im Vordergrun: „Hendrik soll es gut gehen.“

Am Ende beißt sich der Jugendliche durch, er schafft den Realschulabschluss, heute geht er auf das Fachliche Gymnasium in Osterrönfeld, will Ingenieur werden. Noch immer muss er in manchen Fächern mehr tun als viele Mitschüler, aber das ist er gewohnt. „Im Nachhinnein war es der richtige Weg für mich“, sagt der sportliche junge Mann, der leidenschaftlicher Segler ist. Und seine Mutter sagt: „Anderen Eltern in meiner Situation kann ich nur sagen: Habt Mut und glaubt an Euer Kind.“

 

 

 

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