zur Navigation springen

Hospiz in Lübeck : Wo Ruth T. lebt – bis zuletzt

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Ruth T. hat nur noch kurz zu leben. Sie hat deshalb seit knapp zwei Wochen im Lübecker Hospiz Rickers-Kock-Haus Aufnahme gefunden und wird hier bis an ihr Lebensende wohnen bleiben.

shz.de von
erstellt am 18.Okt.2013 | 00:31 Uhr

Lübeck | Sie hat ein eigenes Zimmer. Auf einem kleinen Tisch stehen Schälchen mit Nüssen und Süßigkeiten, auf der Kommode Fotos der Familie – und das Bild eines Katers. Ruth T. kann an diesem Tag den Besucher mit Handschlag begrüßen. „Heute geht’s mir gut“, sagt die 64-Jährige, fügt dann aber hinzu: „Naja – befriedigend.“ Sie lächelt.

Ruth T. hat nur noch kurz zu leben. Sie hat deshalb seit knapp zwei Wochen im Lübecker Hospiz Rickers-Kock-Haus Aufnahme gefunden und wird hier bis an ihr Lebensende wohnen bleiben. Wann das sein wird, ist nicht vorhersehbar. „Es kann noch einige Tage oder Wochen dauern, es kann aber auch sofort passieren“, sagt die Nichte, Yvonne Maack  aus Wesenberg im Kreis Stormarn. Die 32-Jährige kümmert sich zusammen mit ihrem Vater, ihrem Bruder und ihrem Mann um ihre Tante.

Wichtig ist den Angehörigen und auch Ruth T. selbst, dass sie nicht unter Qualen stirbt. Und genau dies will das Lübecker Rickers-Kock-Haus – genauso wie sechs weitere Stationäre Hospize in Schleswig-Holstein – gewährleisten.

Ruth T. leidet unter der schweren Lungenerkrankung COPD, die unter anderem mit Husten, Auswurf und Atemnot einhergeht, sowie unter Asthma und Lungenkrebs. „96 Prozent unserer Patienten haben Tumor-Erkrankungen“, berichtet Dagmar Andersen (46), Leiterin der von der gemeinnützigen Vorwerker Diakonie getragenen Einrichtung.

Im Lübecker Hospiz stehen sieben Einzelzimmer für Menschen, die unheilbar erkrankt sind, zur Verfügung. Die kleine, rosa angestrichene Villa soll den sterbenden Menschen, die so intensiv gepflegt werden müssen, dass sie nicht mehr von der Familie oder von ambulanten Diensten betreut werden können, ein letztes Zuhause geben. Etwa 100 Menschen im Jahr werden hier beim Sterben begleitet, sagt Dagmar Andersen.

Begleitung – das heißt nicht lebensverlängernde Behandlung, sondern palliative Versorgung: Lebensqualität statt Lebensquantität. „Den Patienten sollen Schmerzen, Übelkeit, Atemnot sowie Angst und Unruhe genommen werden“, sagt Christiane Hartmann, niedergelassene Anästhesistin und Palliativ-Medizinerin. Die Versorgung umfasst aber noch mehr: Die Ärztin, die hier „ganz bewusst keinen weißen Kittel“ trägt, sowie ein Team von 13 Pflegefachkräften, 26 ehrenamtlichen Helfern, eine Verwaltungskraft, ein Seelsorger, eine Kunsttherapeutin, eine Psychologin und die Leiterin kümmern sich auch um die persönlichen Nöte der Patienten und deren Angehörigen.

Und wie gehen die Team-Mitglieder selbst damit um, täglich mit Tod und Sterben konfrontiert zu werden? „Wir fühlen mit, aber wir leiden nicht mit“, sagt Dagmar Andersen.

Ruth T. und ihre Nichte sind heilfroh, sich für das Hospiz entschlossen zu haben. „Meine Tante lebte allein. Hier kann ihr schneller geholfen werden“, sagt Yvonne Maack. Und sie stellt fest: „Nach nur zwei Wochen haben wir bereits das Gefühl, ein neues Zuhause gefunden zu haben.“ Hier können sie zusammen kochen, kann sich Ruth T. noch an ihren Lieblingsspeisen – „Kartoffelpuffer oder Senf-Eier“ – erfreuen. Und hier kann sogar die zweieinhalbjährige Tochter der Nichte bei ihrer Großtante übernachten.

Bevor sie ins Rickers-Kock-Haus kam, sei sie mehrfach im Krankenhaus gewesen, berichtet die 64-Jährige. „Das ging mal rein, dann wieder raus – mehrere Wochen lang. Am Ende hatte ich solche Angst, ich war nur noch ein Flattermann. Eine neue Bestrahlung hätte ich nicht mehr ausgehalten.“

Hier, im Hospiz, müsse sie keine Angst mehr haben. Auch nicht vor dem Tod, vor einem qualvollen Sterben. „Das hat mir die Leiterin zugesichert“, sagt Ruth T. Ihre Nichte weiß, welche schrecklichen Symptome die schwere Lungenkrankheit COPD haben kann. Ihre Mutter sei im April ebenfalls daran gestorben, berichtet Yvonne Maack. „Meiner Tante soll dieses Leid erspart bleiben.“

Beide haben auch darüber gesprochen, wie es nach dem Tod weitergeht. „Ich will verbrannt werden und zu meiner Schwester kommen“, fügt die 64-Jährige mit fester Stimme hinzu – und muss im nächsten Augenblick weinen. Die Nichte versteht das sofort: „Wir haben eine Grabstelle neben meiner Mutter gefunden. Es ist das schöne Gefühl der Sicherheit, dass sie dann bei ihrer Schwester ist.“

Ruth T. indes hat sich wieder gefasst. Glaubt sie an ein Weiterleben nach dem Tod? „Nein“, sagt die 64-Jährige fast ein wenig verschmitzt. „Da geht nichts mehr weiter.“ Dann zeigt sie ihren Humor, den sie, so berichtet die Nichte, nach den zwei Wochen im Hospiz wieder gefunden hat. Ruth T. sagt: „Na, wenn ich von oben runtergucke, meckere ich sowieso wieder über alles rum.“ Die Nichte weiß es besser: „Du wirst bestimmt auch was Positives sagen.“ Darüber können beide lachen. Sie wissen, dass sie nur noch wenige solcher gemeinsamen Momente haben.

Welthospiztag - Hospize und Veranstaltungen in SH
Morgen begehen die Hospize den Welthospiztag, auch jene, die im Hospiz- und Palliativverband Schleswig-Holstein  Mitglied sind. Die Stationären Hospize in Geesthacht, Lübeck, Kiel, Rendsburg, Elmshorn, Niebüll und Flensburg sowie die Palliativstationen in Lübeck, Eutin, Kiel, Neumünster und Flensburg gehören dem Verband genauso an wie neun ambulante Palliativ-Care-Teams sowie zahlreiche über das Land verteilte ambulante Hospizdienste, die auch zu Patienten in Haus kommen.  Anlässlich des  Welthospiztages am 19. Oktober laden auch Einrichtungen im Norden ein (Auswahl):
Hospiz Ahrensburg e.V., Sonntag, 20. Oktober,  ab 18 Uhr: musikalische Reise durch die Geschichten und Themen der Arbeit der Hospizinitiative; Marstall, Ahrensburg
Ambulante Hospizdienst Reinbek e.V., Sonnabend, 26. Oktober,  19 Uhr, Lesung „17 Jahre wir – Heike ist gegangen“;  Niels-Stensen-Weg 3, Reinbek
Hospizvereine des Kreises Plön, Sonnabend,  26. Oktober,  14 bis 17 Uhr, „Kinder Lebensbedrohlich Erkrankter Eltern“,  Informationsveranstaltung; Mensa der Offenen Ganztagsschule in Heikendorf.
Hospiz-Initiatve Neumünster, Sonntag 27. Oktober 14-16 Uhr: Märchen und Musik, Auferstehungskapelle; Südfriedhof Neumünster, Plöner Straße 130
Lübecker Hospizbewegung, 21. bis 31. Oktober, Bücherstand in Zusammenarbeit mit der Lübecker Stadtbibliothek.
Die Hospiz-Einrichtungen finanzieren sich über Leistungen der Kranken- und Pflegekassen, aber auch aus Spenden. 
Der Dachverband, der  Hospiz- und Palliativverband Schleswig-Holstein e.V. hat seinen Sitz in der Landeshauptstadt: Alter Markt 1-2,  24103 Kiel; die Spendennummer des lautet: Konto-Nr: 72524, BLZ: 21060237 (Ev. Darlehensgenossenschaftsbank Kiel) Informationen im Internet: www.hpvsh.de
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen