Brokdorf/Brunsbüttel : Wo Fukushima schon wieder weit weg ist

Wird 2021 abgeschaltet: Das Kernkraftwerk in Brokdorf. Foto: dpa
Wird 2021 abgeschaltet: Das Kernkraftwerk in Brokdorf. Foto: dpa

Was denken die Menschen über den Atomausstieg? Und warum halten Kernkraftgegner weiteren Protest für nötig? Ein Besuch im Kernkraftwerk Brokdorf (Kreis Steinburg).

Avatar_shz von
11. März 2012, 02:38 Uhr

Brokdorf/Brunsbüttel | Manches ist einfach nicht zu verstehen. Und das liegt vor allem am Lärm, der durch den Maschinenraum des Kernkraftwerks Brokdorf (Kreis Steinburg) dröhnt, denn die Anlage fährt Volllast. Besucherin Heide Gentsch nestelt an ihrem Ohrhörer, um den Worten von Hauke Rathjen folgen zu können. Der nennt sich "Leiter der Standortkommunikation" im Kernkraftwerk und führt eine Gruppe aus dem benachbarten Pöschendorf durch das Atomkraftwerk (AKW), das 2021 als eines der letzten in Deutschland abgeschaltet werden soll.
Die meisten Besucher haben das Rentenalter erreicht. "Wir haben nichts gegen die Atomkraft in Deutschland, Brokdorf ist zu 100 Prozent sicher. Der Ausstieg war zu überstürzt", sagt Pöschendorfs Bürgermeister Norbert Graf. Wie er denken viele Menschen in der Region. "Wir haben gute Anlagen, die werden alle weggeworfen", sagt ein anderer Pöschendorfer. So sieht das in Deutschland nur eine Minderheit. Laut einer Umfrage halten 76 Prozent der Bundesbürger den Ausstieg für richtig, nur 16 Prozent geht er zu schnell.
"Ich habe Angst, dass es einen Atomunfall in Deutschland geben kann"
Auch unter den Besuchern in Brokdorf gibt es Zweifel. "Ich habe Angst, dass es einen Atomunfall auch in Deutschland geben kann. Deswegen bin ich hier, um mich zu informieren", sagt Heide Gentsch, während sie die Maschinenhalle verlässt. Als eine der wenigen aus der Gruppe stellt die 65-Jährige Hauke Rathjen immer wieder Fragen. Der ist das gewohnt, weicht nicht aus, versucht alles zu beantworten. Eine Umfrage hat er in Auftrag gegeben, die zeigt, wie er seinen Job macht: "42 Prozent der Befragten haben vor dem Besuch eine neutrale Einstellung, rund 27 Prozent sind eher negativ eingestellt, rund 31 Prozent eher positiv. Nach dem Besuch geben 43 Prozent aller Befragten an, dass sich ihre Einstellung zum Thema Kernenergie positiv verändert hat." Rathjen versteht seinen Job.
"Fukushima ist nicht überall, schon gar nicht in der Wilstermarsch", lautet einer seiner Lieblingssätze. In Deutschland gebe es keine solch starken Erdbeben und Tsunamis wie in Japan, der Elbdeich sei 8,40 Meter hoch, der höchste gemessene Wasserstand habe 7,16 Meter betragen. Alle "sicherheitsrelevanten Gebäude" stünden 4,30 Meter hoch, genug, um eine Sturmflut zu überstehen. "Viele der Kernkraftgegner kennen sich nicht aus mit der Technik, vieles bei dem Thema ist emotional aufgeladen." Und nur aus dem Gefühl heraus die Sicherheit der Anlage in Frage zu stellen, sei "unlauter" und "Angstmacherei", sagt Rathjen. Diese Leute sollten die Anlage ansehen und sich informieren, dann sähen viele die Sache sicher anders.
"Was ist, wenn der Deich direkt vor dem Kraftwerk bricht?"
Einer der Gegner, die emotional reagieren, ist Karsten Hinrichsen. Er war noch nie bei einer Werksführung, will sich nicht für die Interessen von Kraftwerksbetreiber Eon missbrauchen lassen. Hinrichsen sitzt in der Küche seines Hauses, das nur einen Steinwurf vom Kraftwerk entfernt steht - und er gibt zu, dass er von technischen Dingen weniger Ahnung hat als die AKW-Betreiber. Aber er hat Fragen: "Was ist, wenn der Deich direkt vor dem Kraftwerk bricht? Wer sagt mir, dass die Notstromaggregate wirklich anspringen? Und was passiert, wenn ein Airbus auf das AKW fällt? Für eine derartige Belastung ist es nicht ausgelegt."
Hinrichsen ist Meteorologe, hat sein halbes Leben gegen das Kraftwerk gekämpft, demonstriert und geklagt. Morgen will er wieder 2000 Mitstreiter versammeln, um eine Menschenkette um das Kraftwerk zu bilden. Doch auch das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Protest gegen die AKW alt geworden ist. Hinrichsen ist jetzt 69 Jahre alt, wenn das Kraftwerk in Brokdorf abgeschaltet wird, ist er 78. Fachleute schätzen, dass der Rückbau 25 Jahre dauern könnte. Wenn auf dem Kraftwerksgelände also wieder Rasen wächst, wäre Hinrichsen 103.
"Brennstäbe und Turbine sind funktionsfähig - leider"
Auch rund um das Atomkraftwerk Krümmel östlich von Hamburg hat sich der Protest verändert. "Unser Ziel ist es, dass wir überflüssig werden", sagt Bettina Boll vom Bund für Umwelt- und Naturschutz. Doch noch könne das Kernkraftwerk jederzeit wieder angefahren werden, so lange müsse sie weiter vor den Gefahren warnen. Auch wenn sie an die endgültige Stilllegung des seit 2007 abgeschalteten Meilers glaube. "Noch ist da nichts ausgebaut, Brennstäbe und Turbine sind funktionsfähig - leider."
In Brokdorf läuft der Betrieb weiter. AKW-Gegner Hinrichsen hat nur ein Ziel: "Ich möchte, dass das Atomkraftwerk so schnell wie möglich abgeschaltet wird, und dass bis dahin kein Unfall passiert." Denn vor diesen Unfällen hat er immer gewarnt. Eine Ironie des Schicksals, dass ein Atomunfall gerade den Ausstieg beschleunigt, für den Hinrichsen immer gekämpft hat. "Ich ziehe den Hut vor Angela Merkel. So einen Beschluss wie den Ausstieg hätten SPD-Weicheier doch nie hinbekommen."
"Rauch über einem Kernkraftwerk sieht nie gut aus"
Einer, der in der SPD ist, sitzt ein paar Kilometer elbabwärts in seinem Haus in Brunsbüttel und macht ein nachdenkliches Gesicht. Johannes Kreft mag Angela Merkel nicht so gern, auch weil er die Atomkraft schon immer und immer noch für eine sichere Technologie hält. Seit Ende der 70er Jahre arbeitet der Elek trotechniker im seit 2007 abgeschalteten Kernkraftwerk Brunsbüttel, fast genauso lange ist er in der SPD, "weil die sich am besten für Arbeitnehmerinteressen einsetzt". Manchmal zerreiße es ihn inhaltlich, dass seine Partei so sehr für den Ausstieg sei, sagt der 61-Jährige. Doch er denkt vor allem an seine Heimatstadt. "Erst kommt für mich Brunsbüttel, dann die SPD." Und Brunsbüttel geht es schlecht seit das Kraftwerk keinen Strom mehr produziert und daher die Steuereinnahmen fehlen (siehe nebenstehender Bericht). Dass das endgültige Aus für das Kernkraftwerk in Brunsbüttel bevor stehen könnte, habe ihn überrascht, aber er habe es geahnt, als er die Bilder aus Japan sah.
"Rauch über einem Kernkraftwerk sieht nie gut aus", sagt Eon-Mann Rathjen dazu. Einige aus der Besuchergruppe lachen darüber. Für sie sind die Bilder der Reaktorkatastrophe nicht nur geografisch weit weg. Doch für Rathjen und viele andere Mitarbeiter bedeuten die Folgen vielleicht die Arbeitslosigkeit. Eon will in den kommenden Jahren 6000 Stellen abbauen. "Wir müssen ehrlich sagen, dass die Zukunft in den erneuerbaren Energien liegt", sagt Hauke Rathjen. Ob es dort genügend Jobs gibt, weiß auch er nicht. Doch den Ausstiegsbeschluss hält er im Gegensatz zu vielen Atomkraftgegnern wie Hinrichsen oder Boll für unumkehrbar - auch wenn der Beschluss ihn persönlich krank gemacht habe. "Ich habe mich übergeben."
"Und all das wird in Kauf genommen, nur um Strom zu produzieren?"
Atomkraftgegner macht eher das Leid der Menschen krank. "Wie schlecht es den Menschen in Fuku shima und Umgebung geht, ist viel zu wenig thematisiert worden", sagt Hinrichsen. Viele Menschen seien daran nicht nur körperlich zerbrochen. "Und all das wird in Kauf genommen, nur um Strom zu produzieren?"
Was bleibt, ist das so genannte Restrisiko. Hauke Rathjen sieht keine Gefahr für die Menschen in der Region. Und am Ende seiner Führung durch das Kernkraftwerk Brokdorf ist auch Heide Gentsch erleichtert. Sie habe vieles jetzt besser verstanden. "Meine Angst ist weg", sagt sie. Wenn das Kernkraftwerk für eine Sturmflut ausgelegt sei, die nur einmal in 10.000 Jahren stattfinde, sei sie beruhigt.
Atomkraftgegner Hinrichsen fragt hingegen: "Reicht das?" In Fukushima habe es auch viele Menschen gegeben, die an die Sicherheit der Atomkraftwerke geglaubt hätten . Bis vor einem Jahr.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen