"Red Gallery" in Hamburg : Wo Fossilien lebendig werden

<strong>In zehn Arbeitsgängen</strong> wurde diese Tischplatte  aufbereitet. Foto: Red Gallery
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In zehn Arbeitsgängen wurde diese Tischplatte aufbereitet. Foto: Red Gallery

Alltagstaugliche Versteinerungen: Andreas Guhr führt in Hamburg eine neue Galerie mit uralten Exponaten.

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26. November 2009, 11:03 Uhr

hamburg | Andreas Guhr will es unbedingt ändern, dieses verstaubte Image, das seinem Beruf anhaftet. Der 59-Jährige handelt auf der ganzen Welt mit Fossilien, Mineralien und Edelsteinen - und das mit großer Leidenschaft. "Schon als Kind habe ich am Strand Fossilien gesammelt und war völlig fasziniert. Die meisten Menschen denken dabei an vergilbte Skelette hinter trübem Glas. Finden sie den Weg zu uns, sind sie positiv überrascht."

Und tatsächlich: Guhrs neu eröffnete "Red Gallery" am Hamburger Rödingsmarkt ist alles andere als ein muffiges Museum. Sparsame Ausstattung, fünf Meter hohe Decken und warmes Licht unterstreichen den Galeriecharakter. Nur wenige Exponate sind in Vitrinen versteckt. Dem Besucher wird schnell klar, dass viele der zum Verkauf stehenden Objekte sogar alltagstauglich sind.
65.000 Euro für einen Tisch
Erster Blickfang ist eine Sitzecke - eine von Guhrs Lieblingsstücken. Vor dem Sofa steht ein langer Tisch, seine auf Hochglanz polierte Oberfläche leuchtet in roten und braunen Farben. Es handelt sich um eine Scheibe eines 220 Millionen Jahre alten versteinerten Baumstammes aus Arizona (USA). Alle Objekte sind Unikate und sehr robust. "Wir wollen einen neuen Trend setzen und zeigen, dass man mit Sammlerstücken leben kann und sie nicht unter Verschluss halten muss", sagt Guhr. Zur Demonstration kratzt er mit seinem Autoschlüssel über die polierte Tischplatte, sie ist säure- und kratzfest. Und sie hat ihren Preis: Für einen Wohnzimmertisch dieser Güte zahlt ein Käufer bis zu 65.000 Euro.

Nach seinem Studium an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg begann Guhr Anfang der 1970er-Jahre mit Mineralien zu handeln, hatte zunächst einen kleinen Laden in Hamburg-Eppendorf. Er unternahm Expeditionen nach Venezuela, Kolumbien, Madagaskar und in die Wüste Gobi, fand viele Exponate selbst. Mittlerweile hat er Kontakte zu Museen und Händlern auf der ganzen Welt, stellt zurzeit in Berlin und Paris aus.

"Ich bin selbst immer wieder aufs Neue fasziniert davon, was die Natur hervorbringt", schwärmt Guhr. Sein Blick wandert zu einer vier mal vier Meter großen Schieferplatte an der Wand. Feine Linien zeichnen auf dunklem Untergrund eine Pflanze nach. Es wirkt wie ein modernes Gemälde. In Wahrheit ist es ein Relikt aus einer längst vergangenen Zeit, für das Interessenten eine sechsstellige Summe auf den Tisch legen müssten. Vor 180 Millionen Jahren wurde diese Seelilie im Schlamm eingeschlossen und konserviert, der Morast verhärtete sich zu Schiefer. In den 1930er-Jahren wurde das gut erhaltene Stück in der Schwäbischen Alb gefunden; vor ein paar Jahren hat Guhr es gekauft.
Monatelange Präparationsarbeiten
Bis dieser Schatz allerdings in der "Red Gallery" aufgehängt werden konnte, war es ein weiter Weg. "Solche Fundstücke fachgerecht und attraktiv herzurichten, ist aufwändig", sagt Guhr. Er verweist auf seine Werkstatt im hinteren Teil des alten Hamburger Kontorhauses, wo die Präparatoren Brigitte und Wolf Kriegerbarthold sich behutsam Fossilien, Edelsteinen und Mineralien nähern. Es dauert Monate, bis beispielsweise ein in Kalk eingeschlossenes Meeressaurierskelett präpariert ist.

Oft fällt es Guhr schwer, sich von solchen Stücken zu trennen. "An jedem Exponat hängt mein Herz", sagt er. Trotzdem ist der Hamburger froh, dass seine Kunden ihm trotz Wirtschaftskrise treu bleiben.

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