Die Halligen : Wo Ebbe und Flut den Takt angeben

Halligbauer Frerk Johannsen fährt die Lore nach Langeness, die linke Hand lässig am Fahrtregler. Die Lore ist die Lebensader der Hallig, die wichtigste Verbindung zum Festland. Foto: Schulz
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Halligbauer Frerk Johannsen fährt die Lore nach Langeness, die linke Hand lässig am Fahrtregler. Die Lore ist die Lebensader der Hallig, die wichtigste Verbindung zum Festland. Foto: Schulz

Frerk Johannsen, der Bauer von Langeness. Er ist ein typischer Halligmensch, immer überzeugt, auch die schwierigsten Situationen zu meistern.

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24. Juli 2010, 09:48 Uhr

langeness | Ein Schuhkarton auf Rädern. Marke Eigenbau, mit zwei Sitzbänken und einem winzigen Steuerstand. Unnötigen Schnickschnack gibt es nicht auf der Lore von Frerk Johannsen. Rumpelnd und quietschend rollt das abenteuerliche Gefährt über die von rotbraunem Rost überzogenen Schienen. "Die Loren sind unsere Lebensader, unsere wichtigste Verbindung zum Festland", ruft mir Frerk Johannsen durch den Lärm ins Ohr. "Vor allem für Arztbesuche und eilige Besorgungen, aber auch für den Transport von Baumaterial." Die Strecke behält der Halligbauer dabei sorgsam im Auge, den Fahrtregler lässig in der linken Hand. Lahnungsfelder und Salzwiesen begleiten den Schienenstrang, der mitten durch die Weite des Wattenmeers führt. Über ein paar Weichen rumpeln wir noch, dann sind wir am Ziel - im Lorenbahnhof von Hallig Langeness.
Eine halbe Stunde später auf der Honkenswarf. Auf dem Hügel drängen sich Wirtschaftsgebäude und ein paar wunderschöne Reetdachhäuser. "Ein Leben abseits der Hallig kann ich mir nicht vorstellen", erzählt Frerk Johannsen, der hier lebt. Seine Lehre zum Schmied hat er auf dem Festland gemacht, aber leben wollte er dort nicht. Auf der Hallig könne man seine Zeit freier gestalten: "Eine Uhr brauchen wir hier nur, um zu wissen, wann die Fähre anlegt. Alles andere bestimmen Ebbe und Flut."
Eldorado für Naturfreunde
Langeness, mit zehn Kilometern Länge die größte der nordfriesischen Halligen, ist ein Eldorado für Naturfreunde. Ein Kleinod mitten im Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer.
Wie es sich denn als Landwirt lebt und arbeitet, in einer Region, wo die Natur Vorrang hat, will ich von Frerk Johannsen wissen. Er streicht sich über den mächtigen Rauschebart und meint dann bedächtig: "Anfangs war ich strikt gegen den Nationalpark. Aber dann haben sich die Wogen geglättet." Natürlich leide seine Landwirtschaft zeitweise unter den Ringelgänsen, die hier während des Zuges zu Tausenden rasten. "Andererseits freuen wir uns, wenn wir die riesigen Vogelschwärme fliegen sehen", sagt der Halligbauer und fügt grinsend hinzu: "Vor allem, wenn sie wegfliegen." Aber, und das sagt er jetzt wieder mit ernstem Gesicht, das sei nun mal der Preis für das Leben in und mit dieser einmaligen Natur.
Idealismus, kein lohnendes Geschäft
Extensive Grünlandwirtschaft und Mutterkuhhaltung sind die Hauptzweige der Hallig-Landwirtschaft. Frerk Johannsen hat zusätzlich die letzten sechs Milchkühe von Langeness. Eigentlich eher aus Idealismus, denn lohnend sei das Geschäft nicht, sagt er. Die Milchmenge sei nur ein Viertel dessen, was Festlandkühe produzieren. Außerdem gebe es keine Meierei auf der Hallig, so dass die Milch vom Bauern selbst weiterverarbeitet werden muss. "Die Milch trinken unsere Gäste", sagt Johannsen, der mit seiner Frau auch eine Ferienpension betreibt. "Und was übrig bleibt, wird zu Halligbutter verarbeitet."
Die Halliglandwirtschaft sei insgesamt ein aufwändiges Geschäft. Die Heuernte dauere sechs Wochen, weil man parzellenweise mähen müsse, um bei den immer möglichen Überflutungen nicht alles zu verlieren.
"Wir lieben unsere Stürme"
Im Winter dagegen ist Landunter für die Halligbewohner kein Problem. Zehn bis 15 Mal im Jahr stehen die Salzwiesen und das Grünland der Bauern unter Wasser. Dann ragen nur noch die Warften aus dem Meer, einsam und isoliert.
"Wir lieben unsere Stürme im Winterhalbjahr", schwärmt Frerk Johannsen, "Man rückt näher zusammen, hat plötzlich Zeit füreinander. Dann herrscht eine tolle Atmosphäre."
Viel Arbeit bei großen Stürmen
Bei richtig großen Stürmen jedoch, wenn die Wellen wütend gegen die Warften branden, hört der Spaß auf. Die Stöpen, die Durchlässe in den Ringdeichen der Warften, werden geschlossen und die Häuser weitgehend abgedichtet. Das bedeutet viel Arbeit für die Halligbewohner, und nicht selten auch große und teure Schäden.
Aber Angst? Nein, die habe man nicht, betont Frerk Johannsen, schließlich kenne man die Gefahren des Halliglebens. Außerdem: Auf fast jeder Warft befindet sich heute ein hochwassersicherer Schutzraum aus Stahlbeton. Vier Meter tief im Boden verankert, soll er Stürmen auch dann noch widerstehen, wenn der Rest des Hauses von den Fluten zerschlagen wird.
"Halligen existieren weiter - wenn es politisch gewollt ist"
Welche Zukunft haben die Halligen in Zeiten des Klimawandels? "Wir sind überzeugt, dass die Halligen in dieser Form auch in Zukunft existieren", sagt Frerk Johannsen. "Vorausgesetzt, es ist politisch gewollt."
So sind sie, die Menschen auf diesen faszinierenden Eilanden. Immer überzeugt, auch die schwierigste Situation zu meistern. Drücken wir ihnen die Daumen, dass sie Recht behalten.

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