Motorboote statt Möbel : Wo der Tischler neuen Schliff gibt

Bootsrestaurator und Tischlermeister: Jan Gutschow sitzt vor der Schiffswand einer 'Riva', die er gerade wiederherstellt.  Foto: dpa
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Bootsrestaurator und Tischlermeister: Jan Gutschow sitzt vor der Schiffswand einer "Riva", die er gerade wiederherstellt. Foto: dpa

Jan Gutschow ist Tischlermeister und restauriert das hölzerne Innen- und Außenleben des legendären Viermasters "Sea Cloud". Er beherrscht sein Fach wie kein Zweiter.

shz.de von
06. Juli 2013, 06:38 Uhr

Schenefeld | Seinem Händedruck merkt man an, dass er harte Arbeit gewohnt ist. Der Mann lässt nicht machen, der packt selbst an, obwohl er Chef von acht Angestellten ist. Jan Gutschow (57) hat einst als 20-Jähriger zusammen mit seinem Vater, ebenfalls Tischlermeister von Beruf, das hölzerne Innen- und Außenleben des legendären Viermasters "Sea Cloud" restauriert, der noch heute als Kreuzfahrer auf allen Weltmeeren unterwegs ist. Und das will etwas heißen. Das 1931 erbaute Schiff dümpelte zwischen 1970 und 1978 unter dem Namen "Antara" völlig verrottet vor der Küste Panamas, bis es Kapitän Hartmut Paschberg nach Hamburg holte, wo es komplett überholt werden musste.
Jan Gutschow macht darum kein großes Aufsehen: "Normale Arbeit eben." Aber damals hat ihn, der er in einer dicken Staubschicht inmitten seiner fast 2000 Quadratmeter großen Werkstatthalle in Schenefeld bei Hamburg steht, ein Virus gepackt. Er muss lädierte Boots- oder Schiffskörper auf Vordermann bringen. Er kann nicht anders. Und besonders gerne legt er Hand an eine Legende. An die Königin der Küsten, Kanäle und Kaimauern, an die Diva. Ihr Name: "Riva". Ein italienisches Prachtstück der Bootsbaukunst. Seit 1950 bis heute gebaut.

Zum Beispiel 1969 die "Super-Aquarama". Mahagoni, Chrom, zwei V8-Motoren, zusammen 640 PS, 80 Stundenkilometer schnell. Mit diesem Tempo, gibt Gutschow mit einem traurigen Blick auf seinen neuesten maritimen Patienten wieder, glitt der Freund des früheren Eigners bei einer Spritztour, für die er sich das Geschoss geliehen hatte, über italienische Küstengewässer. Auf der Rückfahrt, in Hafennähe, wollte der junge Riva-Tifoso vor einem Brückenpfeiler eine besonders elegante Kurve hinlegen. Voll des guten Prosecco bedachte der Hallodri allerdings nicht, dass sich sein Untersatz nicht wie eine Skikante im Neuschnee verhält, sondern einige Meter nach außen driftet. Genau an den Pfeiler. Gutschow schüttelt den Kopf: "Das gibts doch nicht!"

Das gibts sehr wohl. Er steht daneben, kramt ein Bild aus einer staubigen Fototasche, weist mit dem Finger auf den gewaltigen Holzrumpf. Doch das Foto zeigt ein vollkommen zerstörtes Etwas, das mit einer Riva nichts mehr zu tun hat. Jetzt aber wieder. Acht Meter pures Mahagoni. Neu aufgebaut. Immer wieder geschliffen. Deswegen auch der rötliche Staub, der hier alles in Zentimetern überdeckt.

Schleifen, immer wieder schleifen. Bis der alte Neubau fertig war.

Jedenfalls die Grundfeste. Alles andere hat er ab- und ausgebaut. Die Maschinen, den Chrom, die dröhnenden Hupen, die Auspuffrohre, die selbst einen amerikanischen Trucker auf die Knie zwängen. Und wenn sie dann in ein bis zwei Monaten fertig ist, die alte Dame, dann wird sie einen neuen Besitzer finden. Und Gutschow bekommt von ihm dafür wahrscheinlich 250 000 Euro.

Denn er beherrscht sein Fach wie kein Zweiter, wie begeisterte Kunden-Kommentare im Internet bezeugen, obwohl sich weitere Experten wie beispielsweise "Evolution" in Aichach bei Augsburg, die "Boat Lounge" in Berlin und "Bootsservice Kajaner" im thüringischen Roßleben um Marktanteile bemühen. Und der Hamburger Bootsbaumeister Stephan Semmerling vom Verband der Sportboot- und Schiffbau-Sachverständigen e.V. mit Sitz in Köln weiß: "Der Herr Gutschow macht schon sehr lange sehr gute Arbeit. Ich habe bereits vier Rivas im Kundenauftrag bei ihm abgenommen."

Wie viele der Perlen er insgesamt schon zu neuem Glanz verholfen hat, kann Gutschow selbst gar nicht sagen. "Ein paar Dutzend werden es gewesen sein", sagt er lapidar, der kein Freund großer Worte ist.

Seine Erfahrung machte ihn zu einem europaweit, zuweilen sogar auf der ganzen Welt bekannten Experten. Einmal erreichte ihn deshalb die sehr groß geratene Post eines US-Amerikaners. Ein Container. Inhalt: Eine renovierungsbedürftige Riva in zwei Teilen.

Manchmal gerät der Holzfachmann auf diese Weise an eine der weltweit noch rund 2000 existierenden historischen Exemplare, oder durch die eigene Suche, auch im Urlaub. "Ich habe in Spanien einen Rumpf entdeckt, der als großer Blumenkübel benutzt wurde!", ärgert und freut sich der Handwerker zugleich, "und ausgerechnet in Hamburg entdeckte ich eine Riva auf einem Schulhof. Keine Ahnung, wie die dahin gekommen ist."

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