Straßenbau : Wo Bagger das Agrarland fressen

Bagger statt Acker:  Landwirt Günter Möhlmann verliert 10 Prozent seiner Betriebsflächen an die Autobahntrasse.  Foto: Lubowski
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Bagger statt Acker: Landwirt Günter Möhlmann verliert 10 Prozent seiner Betriebsflächen an die Autobahntrasse. Foto: Lubowski

Bauern machen mobil gegen den zunehmenden "Flächenfraß" im Land und verlangen ein Flächenschutzgesetz. Denn immer mehr Ackerland weicht den Autobahnen.

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05. Dezember 2011, 08:40 Uhr

Heiligenhafen/Kiel | Baustelle Heiligenhafen. Landwirt Günter Möhlmann steht auf dem Hügel vor dem entstehenden Autobahnparkplatz. Hier wird Boden für Stellflächen vorbereitet. Möhlmann deutet links Richtung Ostsee, rechts auf den künstlichen Wall. "Da waren mal Äcker, die ich bewirtschaftet habe", sagt er. Bei Heiligenhafen im Kreis Ostholstein wird zurzeit die B207 vierspurig zur A1 ausgebaut. Wenn die Autobahn fertig ist, wird er 22 Hektar an Pachtflächen weniger zur Verfügung haben, "mehr als zehn Prozent meiner Betriebsflächen".
Möhlmann ist 54 Jahre alt. Ob sein Sohn den Betrieb wie bisher weiter führen kann, steht in den Sternen, denn: "Es gibt keine Pachtflächen mehr", sagt der Landwirt. Die zwei Hektar seines Eigentums, die in der Trasse verschwunden sind, die habe er ja wieder bekommen. "Die zwölf Hektar Pachtfläche allerdings, die für Parkplätze, Lärmschutz und ähnliches verbraucht wurden, sowie die zehn Hektar, die demnächst als Ausgleichsflächen weg gehen, sind unwiederbringlich verschwunden." Das Land ist restlos vergeben.
Zu weite Fahrbahnschleifen?
Wer Auto fährt, will gute Straßen. Da sperrt sich auch Möhlmann nicht. Nun aber steht er mit Wulf Kruse, einem ebenfalls vom "Flächenfraß" betroffenen Bio-Landwirt aus Großenbrode am künftigen Autobahn-Parkplatz und verweist auf das, was er und der Bauernverband als eines der eigentlichen Probleme ausgemacht haben: großzügige Bauplanungen, weite Fahrbahnschleifen bei Aus- und Auffahrten mit Ackerlügen, die später von höchst fragwürdigem ökologischen Nutzen seien, wie Kruse kritisiert.
"Es wird bebaut und ausgeglichen, als könnte man Grund und Boden vermehren", sagt Kruse kopfschüttelnd und wirft Grundsätzliches in die Debatte. "Warum muss immer alles in die Fläche hinein?", fragt er. "Die Bevölkerung ist bei uns ja nicht gewachsen; die Leute müssen doch irgendwann mal satt sein."
Neues Gesetz zum Flächenschutz?
Werner Schwarz, Präsident des Bauernverbandes Schleswig-Holstein, springt ihm an die Seite. Im nördlichsten Bundesland habe man seit dem Jahr 2000 mehr als 40.000 Hektar verloren, das entspreche der halben landwirtschaftlichen Nutzfläche des Kreises Plön. Allein für den Ausbau der A20 im Kreis Segeberg seien für einen Autobahnkilometer 20 Hektar wertvolles Land als Ausgleichsfläche verbraucht worden. "Um das klar zu sagen: Wir sind nicht gegen Verbesserungen der Infrastruktur im ländlichen Raum", sagt Schwarz, "aber eine Versiegelung von Flächen bedeutet den endgültigen Verzicht auf Möglichkeiten, Nahrungsmittel oder Energie zu erzeugen."
Wie begrenzt vorhandener Boden ist, wissen Landwirte längst. Möhlmann berichtet von vergeblichen Versuchen, Pachtflächen zu ergattern. Und die Überbauung hat weitere Folgen. "Früher konnten wir mit unseren Nutzfahrzeugen die Bundesstraße befahren", sagt Kruse. Mit der Autobahn ist das vorbei. Folgen sind kilometerweite Umwege, die sich, über Jahre und Generationen hochgerechnet, zu schädlichen Kosten summieren.
"Die Gesetze müssen geändert werden", verlangen Bauern und ihr Präsident und fordern in Anlehnung an das Waldgesetz ein Gesetz zum Flächenschutz. "Wir wollen niemanden einschränken", sagt Schwarz, "aber dieses Problem muss ins Bewusstsein."

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