Sucht-Selbsthilfegruppe : „Wir lassen niemanden allein“

Bekämpfen den Absturz in die Sucht im Alter: Manfred Ritter, Steffen Hirsch und  Silke Willer (von links).
Bekämpfen den Absturz in die Sucht im Alter: Manfred Ritter, Steffen Hirsch und Silke Willer (von links).

Manfred Ritter leitet Schleswig-Holsteins einzige Selbsthilfegruppe für Suchtkranke über 50. Er weiß, warum Ältere zur Flasche greifen.

shz.de von
18. November 2013, 12:00 Uhr

Schleswig | Er hatte alles dabei: eine Flasche Whisky und einen Sechserträger Bier. „Ich konnte es kaum glauben, er kam direkt aus der Langzeittherapie und bringt gleich wieder Alkohol mit“, sagt Ingrid Hirsch (64) über ihren Mann Steffen (60). Noch am gleichen Abend hat er alles ausgetrunken – und sie ihre Koffer gepackt. „Ich musste weg“, sagt die Schleswigerin. Und ihr Mann? „Mir war da schon alles egal“, sagt Steffen Hirsch.

Heute geht der Schleswiger offen mit seiner Krankheit um, seit einem guten Jahr ist er trocken. Er ist einer von vielen Älteren in Schleswig-Holstein, die ein Suchtproblem haben, sei es mit Alkohol, Medikamenten oder illegalen Drogen. „Es werden immer mehr, das Problem wird oft unterschätzt“, sagt Silke Willer vom Suchthilfezentrum Schleswig, die gerade ein vom Bundesgesundheitsministerium gefördertes deutschlandweit einzigartiges Modellprojekt zum Thema Sucht im Alter abgeschlossen hat. Herausgekommen sei, dass mehr suchtgefährdeten Älteren geholfen werden könne, wenn sie oder ihre Umgebung für das Thema sensibilisiert werden. Oft werde das Problem durch Freunde oder Nachbarn nicht wahrgenommen, weil Ältere wie Steffen Hirsch eher im Verborgenen trinken. „Dazu kommt, dass sie nicht mehr im Arbeitsleben auffallen, wenn sie schon pensioniert sind“, berichtet Willer.

„Ich habe meinen Mann gedeckt, auch aus Scham“, sagt Ingrid Hirsch. Es habe harmlos angefangen bei dem Schiffsbauingenieur, der immer für vier Monate über die Meere dieser Welt fuhr und dann zwei Monate zu Hause war. Auch in diesen Urlaubsphasen habe er immer viel getrunken, an Bord aber so gut wie nie, erzählt der 60-Jährige. Doch als er vor zwei Jahren seine Arbeit verliert, „explodiert die Sache“. Bei der Arbeitsagentur macht man ihm wenig Hoffnung, dass er jemals wieder einen Job finden wird, immer häufiger greift Hirsch zur Flasche. Am Ende sind es eine Flasche Whisky, eine Flasche Wodka und etliche Biere – jeden Tag. Hirsch versucht immer mal wieder vom Alkohol wegzukommen – halbherzig. „Ich habe mal den Schnaps weggelassen, dafür wurde es dann immer mehr Bier.“ Es habe auch nach einer Langzeittherapie lange gedauert bis er gemerkt habe, dass er nie wieder einen Tropfen trinken darf, wenn er sein Leben retten will.

Manfred Ritter kennt dieses Problem der älteren Abhängigen zu Genüge. Der 72-Jährige leitet die einzige Selbsthilfegruppe in Schleswig-Holstein, die sich explizit an Süchtige über 50 Jahre wendet – im Blauen Kreuz der evangelischen Kirche in Schleswig. „Wir müssten viel mehr solcher Gruppen haben, denn der Bedarf ist da. Aber es gibt zu wenige Leute, die sie leiten wollen.“

Ritters Gruppe tagt extra am Nachmittag, „weil Ältere abends auch nicht mehr so gern vor die Tür gehen“. Dazu bräuchten Senioren eine andere Ansprache als Junge, die Probleme, die in die Sucht führten, seien oft anders. „Die Menschen haben im Alter keinen Job mehr, ihnen fehlt oft eine Aufgabe und vor allem die Bestätigung“, sagt Ritter. Dazu kämen körperliche Gebrechen, die wachsende Einsamkeit, vor allem wenn ein älterer Mensch den Partner verliert. Bei manchen kommen auch erst jetzt die Traumata, die sie in der Kriegs- oder Nachkriegszeit erlebten, zum Vorschein. „Das sind Probleme, die bespricht man lieber mit seinen Altersgenossen“, sagt Ritter. Rund 20 Betroffene kommen jeden Montag in seine Selbsthilfegruppe, auch Steffen Hirsch ist seit über einem Jahr dabei. „Ich fühle mich hier wohl“, sagt er, auch nach einem Rückfall im Sommer habe ihn die Gruppe aufgefangen. „Wir lassen niemanden allein“, sagt Ritter. Senioren wüssten oft nicht, dass Alkohol wegen des im Alter geänderten Stoffwechsels stärker wirke und deshalb auch schneller abhängig mache.

Steffen Hirsch hat die Abkehr vom Alkohol und der Weg in ein anderes Leben geschafft – durch die Hilfe seiner Frau. „Ich mochte ihn ja immer noch, und als wir vor einem Jahr Weihnachten zusammen gefeiert haben, habe ich gemerkt, dass er sich verändert hat“, sagt Ingrid Hirsch. Die beiden suchten sich eine neue Wohnung in Schleswig, zogen wieder zusammen. „Ich habe meinen Mann zurück, so wie ich ihn will“, sagt Ingrid Hirsch heute. Der hat sein Leben geändert, macht Sport, liest wieder mehr, geht spazieren. Natürlich sei die Abkehr vom alten Leben nicht einfach gewesen, sagt Steffen Hirsch. Wenn er im Fernsehen einen Bericht über Schiffe sieht, tut ihm das weh, weil er nicht mehr an Bord arbeiten kann. Aber Hirsch versucht, sich damit abzufinden – ohne den Trost im Alkohol. „Ich habe erkannt, dass ich eine Aufgabe brauche.“ Seit ein paar Wochen arbeitet er im Tierheim – ehrenamtlich. Meist sei er von morgens bis abends da. „Das gibt mir Halt und meinem Tag eine Struktur. Es ist schön, wieder gebraucht zu werden.“

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