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Minderheiten im Grenzland : "Wir haben uns nie abgegrenzt"

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Den Minderheiten im Grenzland hängt aus der Vergangenheit noch das Bild der Wagenburg an, die sich mit aller Kraft gegen ihre Umgebung abschirmt. Richtig ist heute: Die Minderheiten, ob deutsch oder dänisch, vermitteln den Eindruck einer Familie mit festem Zusammenhalt, die sich um ihre Mitglieder von der Wiege bis zur Bahre kümmert. Und die Mitglieder der Minderheiten nutzen ihre Fähigkeiten - etwa die Zweisprachigkeit - für den guten Kontakt zur Mehrheit.

shz.de von
erstellt am 21.Mär.2008 | 03:29 Uhr

Vor einigen Jahren wurde die Krankenschwester Karin Sina für eine Meinungsumfrage interviewt. Erst als der Interviewer zu der Frage kam, was Karin Sina beruflich macht, gab es Probleme. "Ich antwortete Hausfrau, doch diese Bezeichnung gab es in dem Schema nicht. Der Interviewer meinte, dass er mich als arbeitssuchend angeben werde, aber das war ich ja nicht. Ich hatte mich ja selbst dazu entschlossen, zu Hause bei meinen Kindern zu bleiben, als diese noch klein waren. Das ist sehr ungewöhnlich in Dänemark, aber vollkommen normal in Deutschland. Dies ist einer der Punkte, bei denen ich gemerkt habe, welch großen Einfluss das Aufwachsen in der deutschen Volksgruppe auf mich hatte", erklärt Karin Sina, die gelernte Krankenschwester ist und vor zwei Jahren wieder angefangen hat zu arbeiten.
Es waren einige Jahre zu Hause, in denen sie und ihr Mann Dirk, Tochter Anne, jetzt fast 21 Jahre, Kerstin (19), Nora (14), Paul (11) und Stella (7) bekamen und großzogen. Anne studiert jetzt "Staatswissenschaften" in Kopenhagen, die anderen Kinder wohnen alle noch zu Hause. Wie Karin auch haben alle ihre Kinder einen deutschen Kindergarten besucht und gehen auf die deutsche Schule. Zur Vorbereitung auf den Kindergarten sprachen die Eltern in den ersten Lebensjahren mit ihren Kindern nur deutsch. Erst, als sie in den Kindergarten kamen, lernten die Kleinen langsam dänisch oder sønderjysk. Dänisch sprechen die Kinder auch in ihren Sportvereinen. Obwohl es auch deutsche Sportvereine gibt, hat die Familie beschlossen, die Kinder in die regionalen, dänischen Vereine zu schicken. Einer der Gründe ist, dass die Teilnahme in deutschen Vereinen stets auch eine große Fahrbereitschaft voraussetzt.
Fußballbegeisterung auf Deutsch und Dänisch
Ein weiterer und ebenso entscheidender Grund ist, dass die Kinder durch den Einsatz in dänischen Vereinen auch Kontakt zu gleichaltrigen Kindern aus der Gemeinde oder der lokalen Umgebung bekommen. "Alle hier wissen, dass unsere Familie deutsch ist. Wir haben uns jedoch niemals isoliert oder abgegrenzt, und daher werden wir nicht nur von der Nachbarschaft akzeptiert, sondern sind so zu einem ganz natürlichen Teil der regionalen Gesellschaft geworden", erklärt Dirk Sina. Er wurde in Glücksburg geboren und studierte Medizin in Kiel und Lübeck. Während der Ausbildung traf er Karin, die in Flensburg eine Schulung zur Krankenschwester machte. Dänemark kennt er bereits aus seiner Kindheit, seine Familie stammt aus Nordschleswig, zog jedoch im Jahr 1920 nach Süden. Sein Großvater war ein deutsch-gesinnter Arzt. Jetzt sei er zurück zu seinen Wurzeln gekommen.
Er hat nicht nur Dänisch gelernt und arbeitet im Apenrader Krankenhaus, sondern Dirk Sina bekam vor einigen Jahren auch die dänische Staatsbürgerschaft. Für Paul ist es ganz natürlich, sowohl die deutsche Fußballbundesliga zu verfolgen, als auch mit den dänischen Mannschaften mitzufiebern. Zum Beispiel bei Länderspielen oder Welt- und Europameisterschaften. Die deutsche Bundesliga allerdings bietet ganz einfach den spannenderen Fußball als die dänische Liga, während die dänische Nationalelf immer gut für Spannung ist. "Wenn beide Länder gegeneinander spielen, liegt meine Sympathie meist bei der Mannschaft, die am besten spielt und den Zuschauern die beste Unterhaltung bietet", meint Dirk Sina. Beide haben von älteren Familienmitgliedern von den Zeiten gehört, in denen die deutsche Volksgruppe von der Mehrheit der Dänen nicht sonderlich geliebt wurde. Gegenüber seinen Kollegen und Patienten hat Dirk Sina nie verheimlicht, woher er kommt und dass er sich der deutschen Volksgruppe angeschlossen hat. Gegen diese Gesinnung hat niemand etwas gesagt.
"Deutsche Politik verfolgen wir nur begrenzt"
Und auch im Alltag hat die Familie nie etwas Negatives von dänischer Seite zu spüren bekommen. Die Familie sieht es als Akzeptanz der Minderheit, dass mittlerweile auch dänische Eltern ihre Kinder auf eine deutsche Schule schicken. Und dies, obwohl die Eltern selbst keinen Bezug zur deutschen Volksgruppe haben. "Es ist ganz einfach die Unzufriedenheit mit den dänischen Schulen, mit der die Eltern ihre Wahl begründen. Viele meinen, dass auf einer deutschen Schule mehr Ordnung herrscht", meint Dirk Sina. "Ob es anders ist als auf einer dänischen Schule, kann ich nicht sagen. Ich kenne ja nur die deutschen Schulen, aber wir haben ein sehr gutes Verhältnis zu den Lehrern. Und ich glaube auch, dass wir dort wirklich etwas lernen", sagt Nora.
Dieses Kümmern an der deutschen Schule war auch ein Vorteil für Tochter Kerstin, meint Karin Sina. Durch einen Vollzeit-Pädagogen war Kerstin, die behindert zur Welt kam, sowohl in den deutschen Kindergarten in Feldstedt als auch in der Fördeschule in Gravenstein stets voll integriert. Die Schule besuchte sie von der 1. bis zur 7. Klasse, danach ging sie auf die Deutsche Privatschule in Sonderburg und bekam daher die gleiche Schulbildung wie ihre Geschwister. Erfreut ist die Familie auch über die vielen Möglichkeiten, die sich ihr in der Freizeit bieten. Das Grenzland ist vor allem für junge Leute sehr vielseitig. Mit ihrem sprachlichen und kulturellen Hintergrund ist es zum Beispiel egal, ob sie sich einen Kinofilm in Apenrade oder in Flensburg anschauen.
Das gilt auch für das Fernsehen, obwohl hier mehr die deutschen Programme geschaut werden. Diese seien ausführlicher, heißt es. Allerdings gilt dies nicht, wenn TV-Avisen oder andere politische Nachrichten auf dem Programm stehen. "Deutsche Politik verfolgen wir nur begrenzt. Für uns ist es um einiges interessanter, was im dänischen Folketing oder im Kommunalrat in Apenrade beschlossen wird. All dies nimmt nämlich direkten Einfluss auf unseren Alltag", erklärt Dirk Sina, der selbst Mitglied in einer dänischen Partei ist.

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