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Jagd : Wildernde Haustiere – vom Abschuss bedroht

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

In dieser Frage sind die Fronten seit Jahren verhärtet: Das Jagdrecht erlaubt das Abschießen von wildernden Hunden und Katzen, Tierschützer laufen gegen diese Regelung Sturm.

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erstellt am 27.Apr.2014 | 11:46 Uhr

Kiel/Husum | Gerade jetzt im Frühling gibt es für viele Hundebesitzer kaum Schöneres als einen Spaziergang mit ihrem Vierbeiner in der sprießenden Natur. Aber, oh Schreck: Da spurtet ein Hase über den Weg – und der unangeleinte Hund ohne zu zögern hinterher. Aufgeklärte Tierhalter wissen: Das kann gefährlich werden. Erstens für das gejagte Wildtier, das bestenfalls gestresst, im schlimmsten Fall vom Hund getötet wird. Allerdings auch für den Wilderer auf vier Pfoten: Ein Jäger könnte in einem solchen Moment auf das Tier anlegen und den Hund erschießen. Das Gesetz steht in einem solchen Fall auf seiner Seite.

Passiert ist das in Schleswig-Holstein im vergangenen Jahr zwar nicht – aber in anderen Bundesländern. Und dagegen laufen Tierschützer seit Jahren Sturm, sprechen von „schießwütigen Jägern“, die „Hunde und Katzen grundlos abknallen“. Die Jäger dagegen verweisen auf ihre Aufgabe, Wildtiere zu schützen. Wie verhärtet die Fronten sind, zeigt schon die Wortwahl des Deutschen Tierschutzbundes, der kürzlich in einer Mitteilung von bundesweit jährlich Zehntausenden „wie Freiwild abgeschossenen“ Haustieren sprach und sich dabei auf Zahlen von Jagdverbänden und Landesministerien beruft.

Die Argumente der Tierschützer:

Entsprechende Statistiken werden allerdings lediglich in fünf Bundesländern geführt – neben dem Saarland, Hessen, Nordrhein-Westfalen und Hamburg auch in Schleswig-Holstein. Auf Basis dieser Daten und hochgerechnet auf ganz Deutschland schätzt Torsten Schmidt, wissenschaftlicher Referent beim Bund gegen Missbrauch der Tiere (BMT), die Zahl der durch Jäger zu Tode kommenden Haustiere auf 50 000 bis 100 000 Katzen und 200 bis 300 Hunde pro Jahr. Gerade bei Katzen vermutet Schmidt zudem eine „erhebliche Dunkelziffer“.

5401 erschossene Katzen im Land:

In Schleswig-Holstein wurden nach Informationen des Ministeriums für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume im Jagdjahr 2012/13 zwar kein Hund, aber 5401 Katzen von Jägern erschossen. Allein in Nordfriesland, um ein Beispiel aus einer ländlich geprägten Region zu nennen, waren es nach Informationen der Kreisverwaltung im fraglichen Zeitraum 1200 Katzen.

Als Begründung verweist der Landesjagdverband (LJV) auf die Gesetzgebung, wo das Thema etwas verklausuliert unter dem Begriff „Jagdschutz“ behandelt wird. „Der Jagdschutz umfasst nach näherer Bestimmung durch die Länder den Schutz des Wildes insbesondere vor Wilderern, Futternot, Wildseuchen, vor wildernden Hunden und Katzen ...“, heißt es in Paragraf 23 des Bundesjagdgesetzes. Näher – und mit durchaus unterschiedlichen Details – ausgeführt wird das dann in den Landesjagdgesetzen.

So räumt in Schleswig-Holstein das Gesetz in Paragraf 21 den Jagdschutzberechtigten ausdrücklich das Recht ein: „wildernde Hunde und Katzen zu töten. Als wildernd gelten Hunde, die im Jagdbezirk außerhalb der Einwirkung der sie führenden Person sichtbar Wild verfolgen oder reißen und Katzen, die im Jagdbezirk weiter als 200 Meter vom nächsten Hause angetroffen werden“.

Argumente des Jagdschutzes:

Jagdschutzberechtigt, das betont der Sprecher des Landesjagdverbandes (LJV) Marcus Börner, seien nicht etwa alle Jäger, sondern nur ein bestimmter Personenkreis. Dazu zählen neben den zuständigen öffentlichen Stellen der jeweils „Jagdausübungsberechtigte“, also Jagdpächter oder Eigenjagdbesitzer, sowie ein speziell ausgebildeter und behördlich bestätigter Jagdaufseher.

Und für diese Berechtigung gebe es gute Gründe, argumentieren die Jäger. Denn unbeaufsichtigt herumstreunende Hunde und Katzen richteten großen Schaden in der heimischen Tierwelt an – ganz besonders jetzt, wo die Brut- und Setzzeit begonnen hat, betont LJV-Präsident Dr. Klaus-Hinnerk Baasch gegenüber Schleswig-Holstein am Sonntag: „Vielerorts werden in den Kinderstuben nun die kleinen Junghasen geboren, die Eier für die neue Generation von Blaumeisen, Rebhühner und Kiebitzen gelegt, die in wenigen Wochen flügge werden.“ Gerade der Wildtiernachwuchs könne für vierbeinige Streuner zur leichten Beute werden.

Baaschs Fazit: „Tierliebe gilt für Haustiere und Wildtiere gleichermaßen.“ Marcus Börner verweist ergänzend auf die Weltnaturschutzunion IUCN. Diese zähle „Hauskatzen zu den 100 gefährlichsten nicht-heimischen invasiven Arten. Sie tragen zur Gefährdung von Vogel-, Säugetier- und Reptilienarten bei, die auf der Roten Liste bedrohter Arten stehen.“

Argumente des Tierschutzes:

So weit die eine Seite, von deren Argumenten sich Tierschützer allerdings kaum überzeugen lassen. Der Deutsche Tierschutzbund etwa fordert seit Jahren beharrlich „ein bundesweites Abschuss- und Tötungsverbot für Hunde und Katzen“. Eine Begründung: Die Beweislast, dass ein getötetes Haustier tatsächlich das Kriterium des Wilderns erfüllt habe, liege meist beim Besitzer und sei im Nachhinein kaum jemals zu erbringen.

„Der Abschuss von Hunden und Katzen im Rahmen des Jagdrechtes erfolgt ganz überwiegend aus überholtem jagdlichen Konkurrenzdenken und entbehrt – von Ausnahmefällen abgesehen – einer sachlichen Rechtfertigung“, kritisiert auch Torsten Schmidt vom BMT und verweist auf Alternativen. Als Beispiel nennt er Versuche in verschiedenen Bundesländern, darunter Baden-Württemberg. Danach melde der Jagdschutzberechtigte einen wildernden Hund der Ordnungsbehörde, die gegenüber dem Halter „eine Beschlagnahme nach Polizei- und Ordnungsrecht“ anordnet. Im Wiederholungsfall könnten die Behörden den Hund sogar einziehen.

Die Tierschutzstiftung Vier Pfoten sieht ebenfalls andere Möglichkeiten zum Schutz von Wildtieren als die gängige Praxis, und zwar besonders in einer besseren Aufklärung der Haustierhalter über die Risiken des Freilaufes für ihre vierbeinigen Hausgenossen – also auch über die gesetzlichen Regelungen. Die Prävention müsse stärker in den Fokus rücken; Katzenbesitzer sollten angehalten werden, besonders in der Brutsaison den Auslauf ihrer Tiere zu begrenzen, und Hundebesitzer ihre Vierbeiner in Gefahrengebieten anleinen beziehungsweise unter Kontrolle halten.

Rückgang der Abschusszahlen:

In Schleswig-Holstein sei das Problem wildernder Katzen und Hunde regional unterschiedlich ausgeprägt, erklärt das zuständige Ministerium auf Anfrage von Schleswig-Holstein am Sonntag. Unstrittig sei dabei, dass Katzen, bei entsprechender Gelegenheit, kleinere Wildarten jagen und dabei „Schäden anrichten (Junghasen und Jungkaninchen, aber auch bei zum Teil seltenen und geschützten Singvogelarten)“. Hunde könnten auch für Rehe und den Nachwuchs anderer Schalenwildarten gefährlich werden.

In den vergangenen Jahren sei allerdings ein deutlicher Rückgang der Abschusszahlen zu erkennen – eine Entwicklung, die, das bestätigen Tierschützer, auch bundesweit zu beobachten ist. Zwischen Nord- und Ostsee wurden im Vergleich zu den oben genannten 5401 Katzen aus dem Jagdjahr 2012/2013 zum Beispiel 2007/2008 noch 7406 Katzen und zwölf Hunde von Jägern erschossen, 2003/2004 sogar 9998 Katzen und 28 Hunde.

Der rückläufige Trend ist umso erstaunlicher, als die Zahl streunender herrenloser Katzen stetig zugenommen hat, auch hierzulande. Bundesweit schätzen Experten diese auf bis zu zwei Millionen. Hier sind es auch und gerade die Tierschutzverbände, die sich für die Kastrationspflicht und Kastrationsaktionen vor Ort einsetzen.

In Nordfriesland hat zudem die Kreisverwaltung mit Unterstützung von Tierärzten die Initiative ergriffen und bietet Katzenhaltern über die örtlichen Ordnungsämter per Gutschein finanzielle Unterstützung für die Kastration ihrer Tiere. Neben der Verhinderung weiteren Katzenelends diene die Aktion mittelbar auch dem Schutz bedrohter Vogelarten, sagt der Leiter des Kreisveterinäramtes Dr. Dieter Schulze: „Weniger Katzennachwuchs bedeutet gleichzeitig weniger freilaufende Vogeljäger auf Samtpfoten.“

Das Umweltministerium sieht auch bei den Jägern ein Umdenken: Ihnen sei „zunehmend bewusst, um welch sensibles Thema es geht“, heißt es dort. So werde häufiger das Gespräch mit den Tierbesitzern gesucht oder es würden ordnungsrechtliche Maßnahmen auf den Weg gebracht, also Polizei oder Ordnungsämter eingeschaltet. Vorfälle mit wildernden Haustieren würden tatsächlich „in der Regel erst zur Anzeige gebracht“, bestätigt LJV-Sprecher Börner. Und: „Kein Jäger erschießt gern Haustiere. Hunde und Katzen sind oft auch in Jägerhaushalten zu Hause.“

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