Energiepflanzen : Wiesen und Vögel verschwinden

Auf Wiesen und Weiden angewiesen: Der Bestand der Uferschnepfe ist in Schleswig-Holstein drastisch zurückgegangen. Foto: dpa
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Auf Wiesen und Weiden angewiesen: Der Bestand der Uferschnepfe ist in Schleswig-Holstein drastisch zurückgegangen. Foto: dpa

Die Energiewende bedroht die Tierwelt: Immer mehr Dauergrünland fällt dem Anbau von Energiepflanzen zum Opfer. Die Landwirtschaftsministerin will per Erlass gegensteuern.

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06. April 2011, 10:47 Uhr

Kiel | Der Umbruch kommt in Riesenschritten daher, die Folgen für Wiesenvögel sind dramatisch. Weil immer mehr Grünland zwischen Nord- und Ostsee zu Ackerland gemacht wird, schlägt sogar das den Bauern im Norden wohlgesonnene Landwirtschafts- und Umweltministerium jetzt Alarm.
Um bis zu 74 Prozent ist in den vergangenen zehn Jahren der Bestand der Uferschnepfe zurückgegangen. An der Ostküste gibt es nach Beobachtungen des Naturschutzbundes (Nabu) noch ganze zwei Brutpaare. Gehe die Beseitigung der "Fortpflanzungs- und Ruhestätten" für Wiesenvögel ungebremst weiter, warnen Fachleute von Ministerin Juliane Rumpf (CDU), drohe "die Auslöschung von Populationen der Wiesenvögel".
Widerstand vom Bauernverband
Doch Rumpfs Pläne, dem Umbruch von Dauergrünland per Erlass einen juristischen Riegel vorzuschieben, stoßen auf erbitterten Widerstand des Bauernverbandes. Die Interessenvertretung der Landwirte sieht weniger in den Praktiken der eigenen Zunft als im Klimawandel und in Fressfeinden wie Greifvogel, Reiher, Marder und Fuchs die Ursachen des Verschwindens von Wiesenvögeln.
Im Hintergrund des Konflikts stehen handfeste wirtschaftliche Interessen. Seit Jahren wächst die Fläche für den Anbau von Energiemais. Bis zu 1500 Euro je Hektar zahlen Pächter inzwischen für solche Flächen - weit mehr als sich mit Grünland erzielen lässt. Zusammen mit der "Maisprämie" und dem Bonus für nachwachsende Rohstoffe seien je Hektar sogar bis zu 2000 Euro drin, sagt Ingo Ludwichowski vom Nabu.
Eingriffe, die noch gar nicht genehmigt waren
Kein Wunder, dass allein in den vergangenen vier Jahren 6700 Hektar Grünland, das entspricht der Fläche von fast 9400 Fußballfeldern, in Acker verwandelt worden sind - und das, obwohl die Eingriffe etwa auf der Halbinsel Eiderstedt von den Naturschutzbehörden erst genehmigt werden müssen.
Dabei ist nicht allein die Uferschnepfe unter den Trecker gekommen. Auch die Bestände von Feldlerche und Kiebitz haben sich "als Folge des Umbruchs des Dauergrünlandes" um mehr als ein Fünftel dezimiert und damit "erheblich verschlechtert", heißt es in einem Papier des Landwirtschafts- und Umweltministeriums. Doch der Bauernverband zweifelt alle Daten der Experten aus dem Hause Rumpf an und wischt damit auch deren Forderungen vom Tisch.
Ministerin: "Freiwillige Maßnahmen reichen nicht"
Die Ministerin selbst würde zwar lieber auf "freiwillige Maßnahmen" der Landwirte setzen, um den Raubbau an Lebensräumen für Wiesenvögel zu stoppen - doch die, räumt die CDU-Politikerin offen ein, "reichen nicht". Deshalb will Rumpf nun unter Berufung auf das Bundesnaturschutzgesetz anordnen, dass vor jedem neuen Grünlandumbruch erst einmal Ersatzflächen "wiesenvogelgerecht" angelegt" werden - und das zwei Jahre im Voraus. Eine "Wirtschaftserschwernis" nennt das der Bauernverband. Es sei für landwirtschaftliche Betriebe "nicht hinnehmbar" Ackerflächen zwei Vegetationsperioden lang nicht nutzen zu können.
Es scheint, der Widerstand des Bauernverbandes könnte sich auszahlen. Noch handele es sich bei dem Papier ihres Hauses um einen "Erlassentwurf", betont Rumpf. Man sei bemüht um einen Kompromiss. Wie der aussehen wird, ist noch offen. Denkbar seien Angebote für einen Vertragsnaturschutz.
Grüne-Politikerin hält Vorschlag für "blanken Unsinn"
Die Grünen-Umweltpolitikerin Marlies Fritzen hält das für "blanken Unsinn". Abgesehen davon, ob solche Modelle angesichts der derzeit gezahlten Pachten überhaupt attraktiv und vom Land finanzierbar sein könnten, sei der Gedanke absurd, "dafür zu bezahlen, dass sich Landwirte an Gesetze halten". Klar sei jedenfalls: "Regelverstöße dürfen wir nicht länger zulassen."
Dabei drängt die Zeit: Tritt der geplante Erlass nicht zügig in Kraft, dann, so fürchtet Fritzen, werden weitere Flächen umgebrochen. Jetzt seien die Böden nicht mehr nass, jetzt könne gepflügt werden. Mais lasse sich auch Mitte Mai noch anpflanzen.
(höv, shz)

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