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Vermisste in SH : Wie vom Erdboden verschluckt

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

In Schleswig-Holstein gelten 342 Menschen als vermisst, die Hälfte davon schon länger als ein halbes Jahr.

shz.de von
erstellt am 14.Nov.2014 | 14:11 Uhr

Kiel | Ein Albtraum für jede Mutter und jeden Vater: Am späten Dienstag vergangener Woche rief eine Mutter aus Quickborn die Polizei um Hilfe, weil ihr zehnjähriger Sohn nach der Schule nicht nach Hause gekommen war. „Der Gymnasialschüler ist 1,40 Meter groß, hat braune Haare und trägt eine rote Jacke, rote Sportschuhe und eine dunkelgrüne Jeans“, hieß es noch am späten Dienstagabend in den Radiodurchsagen. „Er könnte mit einem grauen Kinderrad und einem schwarzen Snowboard-Helm unterwegs sein.“ Fieberhaft suchte die Polizei in Quickborn nach dem Kind, unterstützt von Helfern des DRK mit Personenspürhunden – immer mit der Angst, dem Jungen könnte etwas zugestoßen sein.

Doch diese Angst stellte sich am nächsten Morgen als unbegründet heraus. Der Junge tauchte unversehrt wieder auf – bei seinen Großeltern in Hamburg. Warum der als sehr zuverlässig geltende Junge nicht nach Hause gekommen war und wo er die Nacht verbracht hatte, ließ die Segeberger Polizeisprecherin Sandra Mohr unbeantwortet. Die familiären Hintergründe seien nicht Mittelpunkt der Ermittlungen.

Gegen 10 Uhr meldeten die Radiostationen im Norden, dass der Zehnjährige sich wieder angefunden hatte. Aufatmen bei den Angehörigen, bei Freunden in Quickborn, Polizei und freiwilligen Helfern.

Der Fall des vermissten Quickborners hatte ein glückliches Ende, so wie der Großteil aller Vermisstenfälle im Lande. Im letzten Jahr waren es 5705 Vermisstenanzeigen, die von der Polizei in Schleswig-Holstein aufgenommen wurden – 285 weniger als im Jahr 2012. Zwischen 5000 und 6000 – seit 2008 bewegt sich die Zahl der Vermisstenanzeigen alljährlich auf diesem Niveau. Rund zwei Drittel betreffen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Oft seien es jugendliche Ausreißer aus Heimen, die wiederholt als vermisst gemeldet werden, oder Scheidungskinder, die von einem Elternteil verschleppt werden, erläutert Kriposprecher Stefan Jung. Bei den Erwachsenen machten demenzkranke Senioren einen großen Anteil aus. Weit über 90 Prozent aller Vermisstenfälle klärten sich aber innerhalb eines Monats, ergänzt der Mitarbeiter des Kieler Landeskriminalamts.

Für die Polizei gilt eine Person als vermisst, wenn sie aus unerklärlichen Gründen nicht an ihren gewohnten Aufenthaltsort zurückkehrt. Als Ursache befürchten Angehörige und die Öffentlichkeit meistens eine Gewalttat, doch oft stecken ganz harmlose Gründe dahinter.

Wenn es um Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren geht, schreitet die Polizei direkt zur Tat. Nach der amtlichen Definition gelten sie bereits als vermisst, sobald sie aus dem unmittelbaren Blickfeld ihrer Erziehungsberechtigten verschwinden. „Da kann schon eine halbe Stunde Verzug eine Vermisstenanzeige rechtfertigen,“ erläutert Polizeisprecher Jung – gerade bei sonst zuverlässigen und pünktlichen Kindern wie dem Jungen aus Quickborn. Ein ausgerissenes Kind, das allein durch die Großstadt läuft, sei einer zusätzlichen Gefahr für Leib und Seele ausgesetzt. „Da wird kein Beamter die Mutter nach Hause schicken und sagen, warten sie nochmal zwei Tage.“

Früher waren es Handzettel, die Angehörige streuten, um ihre verzweifelte Suche nach vermissten Kindern zu unterstützen. Heute wird die Fahndung oft auf Facebook und andere soziale Netzwerke ausgedehnt. Einen eindeutigen Fortschritt mag der Kriposprecher darin nicht erkennen. Oft bleibe nur der Eindruck hängen, dass wieder Kinderfänger mit einem hellen Lieferwagen unterwegs sind. „Solche Hinweise verbreiten Angst und Schrecken – aber sie helfen keinem und zeichnen ein falsches Bild der Realität.“

Wenn Erwachsene spurlos verschwinden, müssen die Beamten nicht zwingend von einer Gefahrenlage ausgehen. Erwachsene dürfen frei über ihren Aufenthaltsort entscheiden und müssen niemandem Rechenschaft ablegen – auch nicht gegenüber Familie oder Freunden. Deshalb sind der Polizei oftmals die Hände gebunden, wenn keine Gefahr erkennbar ist: Sie kann keine Fahndung einleiten. Daher seien die Vermisstenanzeigen für Kinder und Jugendliche in der Statistik auch in der Überzahl, erklärt der Kieler Polizeisprecher.

Einfach abhauen – das ist offenbar für viele Erwachsene der einzige Ausweg aus einem Leben, das sie quält. So könnten hohe Spielschulden und die Angst vor Geldeintreibern ein Motiv für ein plötzliches Untertauchen sein, weiß der Frankfurter Privatdetektiv Marcus Lentz aus seinem Berufsalltag zu berichten. In solchen Fällen seien Familie und Umfeld meist völlig ahnungslos, wie es um die finanzielle Lage der vermissten Person bestellt ist. Doch hinter dem freiwilligen Verschwinden müssen nicht nur Geldprobleme stecken: „Viele nutzen eine Flucht schlicht als den bequemsten Weg, ein neues Leben zu beginnen.“ Wer unglücklich in einer Ehe gefangen ist, vielleicht schon einen neuen Partner hat, bringt häufig nicht den Mut auf, für klare Verhältnisse zu sorgen – vor allem nicht, wenn mit einer Ablehnung durch das Umfeld oder gar Gewalt zu rechnen ist. Deshalb ließen die Verschwundenen oft sogar ihre engsten Vertrauten im Unklaren, was sie vorhaben, erläutert Lentz. Mit fatalen Folgen für die Zurückgebliebenen: „Die Ungewissheit, was mit der geliebten Person geschehen ist, ist wie eine Wunde, die niemals heilt.“

LKA-Sprecher Stefan Jung vermutet, dass ein beträchtlicher Teil der 342 Vermissten den Freitod gesucht hat. Längst nicht alle Selbstmorde würden ans Tageslicht kommen, im Land zwischen den Meeren.

Vermisst - was nun?
Wenn ein Kind nicht wie gewohnt nach Hause kehrt, hat man meist schon Kontaktpersonen abgefragt oder den Weg des Kindes abgefahren. Der Rat des Kieler LKA-Sprechers Stefan Jung: „Gehen Sie gleich zur Polizei und warten Sie nicht, wenn ein Kind nicht an seinen gewohnten Aufenthaltsort zurückkommt.“ Im Gespräch auf der örtlichen Polizeidienststelle würden dann die wichtigsten Fragen erörtert – der normale Weg, Kontakte zu Freunden und Verwandten,  Sportvereine und Hobbys,   eventuell vorhandene Konflikte. Die Polizei untersucht alle Rückzugsmöglichkeiten, auch im eigenen häuslichen Umfeld. „Wir haben  schon Kinder im Schrank oder im Keller wieder gefunden,“ berichtet Stefan Jung aus seinem Polizeialltag.
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