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Zukunft der Wildtiere : Wie viele Wölfe verträgt Schleswig-Holstein?

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Landesjagdverband hält den Norden ungeeignet für die Tiere. Ein Schäfer: „Irgendwann ist auch ein Mensch betroffen.“

shz.de von
erstellt am 17.Apr.2015 | 12:02 Uhr

Rodenbek | 28 tote Lämmer und Schafe. Noch ist nicht erwiesen, ob ein Wolf oder ein Hund für den Angriff auf die Herde bei Rodenbek (Kreis Rendsburg-Eckernförde) verantwortlich ist, doch die Diskussion um die Zukunft des Wolfes in Schleswig-Holstein hat bereits begonnen.

Der Landesjagdverband hat sich am Donnerstag eindeutig positioniert. „Es gibt Gegenden in Deutschland, in die der Wolf in der heutigen Zeit nicht mehr passt“, sagt Geschäftsführer Andreas Schober. „Schleswig-Holstein zählt dazu. Unsere dicht besiedelte Kulturlandschaft ist für ein konfliktfreies Nebeneinander ungeeignet.“

Noch treten Wölfe im Norden nur vereinzelt auf, doch ihre Population wächst – und damit der Wanderungsdruck. „Wenn Umweltminister Habeck den Wolf will, muss er ehrlich auf alle Konsequenzen hinweisen“, fordert Schober. Es müsse offen über die „faszinierende Intelligenz“ des Wolfes gesprochen werden, sagt Schober und nennt ein Beispiel: „In Brandenburg beteiligen sich Wölfe seit einiger Zeit aktiv an Drückjagden. Sie wissen, wohin das Wild getrieben wird, positionieren sich entsprechend.“ Die Tiere hätten schnell begriffen, dass ihnen vom Menschen keine Gefahr mehr drohe.

Das bestätigt auch Eckhard Fuhr, Autor des Buches „Die Rückkehr der Wölfe“. Er spricht von einem „gigantischen Freiland-Experiment mit offenem Ausgang.“ Als hochintelligente Jäger taxierten die Wölfe gerade das Risiko neu ein, das vom Menschen für sie ausgehe. „Dabei machen sie die Erfahrung, dass sie im Gegensatz zu früher nicht mehr verfolgt werden.“

Nach dem Angriff von Rodenbek wirkte Umweltminister Robert Habeck (Grüne) sichtlich geknickt, sprach von Schäden in einer bislang „nicht gekannten Dimension“. Das Wolfsinformationszentrum im Wildpark Eekholt (Kreis Segeberg) bemühte sich am Donnerstag um Schadenbegrenzung. Wolfsbetreuerin Ute Kröger: „Werden Herdentiere gerissen, sind in Schleswig-Holstein bei zwei Dritteln aller Fälle Hunde dafür verantwortlich. Über diese Zahl spricht niemand.“ Wölfe ernährten sich zudem zu 99 Prozent von Wildtieren.

Im Fall von Rodenbek gibt es Indizien wie den Kehlbiss, die auf einen Wolf hindeuten. Die Bisse in Euter und Läufe sprächen aber eher für einen Hund, sagt Kröger. „Erst die genetische Untersuchung der Speichelproben von den Bisspunkten ermöglicht eine klare Aussage. So lange sollten wir auf eine Diskussion verzichten.“

Für den betroffenen Jäger gibt es keine Zweifel mehr. „Das war eindeutig ein Wolf“, sagt Jan Siebels (45). „Ein Forstarbeiter hat das Tier nahe der Weide gesehen.“ Den Herdenzaun, den er nun leihweise erhalten hat, hält Siebels auf Dauer für nicht praktikabel. Und für den Schäfer, der seit 30 Jahren seinen Beruf ausübt, ist klar: „Das, was wir jetzt erleben, das ist erst der Anfang.“ Das Land müsse über seine Wolfsschutzpolitik nachdenken. Denn: „Dass irgendwann ein Mensch betroffen ist – das wird kommen!“

Wie groß ist diese Gefahr? Bei Mölln hatte im Februar ein Wolf Schafe gerissen, der sich nur schwer vertreiben ließ. Zuvor war er bereits ohne Scheu durch ein Dorf spaziert. Der junge Rüde stammt aus einem Rudel vom Truppenübungsplatz Munster, das seit längerer Zeit wenig Distanz zum Menschen zeigt. „Jemand dürfte die Tiere angefüttert haben“, sagt Nabu-Wolfsexperte Markus Bathen. Besonders Jungwölfe könnten dann leicht ihre Scheu verlieren – was gefährlich ist. Laut einer norwegischen Studie habe die unzulässige Anfütterung bereits zu Todesfällen geführt. „In Europa sind zwischen 1950 und 2000 neun Menschen von Wölfen getötet worden, fünf durch tollwütige und vier durch zuvor angefütterte Tiere“, erklärt Bathen.

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