Gefrässige Riesen in der Ostsee : Wie viele Wale verträgt Schleswig-Holstein?

In der Ostsee ist kein Platz für sich dauerhaft ansiedelnde Finnwale, meinen Experten.
Schleife drum und weg: In der Ostsee ist kein Platz für sich dauerhaft ansiedelnde Finnwale, meinen Experten.

Fischer spitzen bereits die Harpunen, Tourismus-Experten und Fischereiverband schlagen Alarm: Was passiert, wenn der Wal in der Ostsee bleibt? Ein Angler: „Irgendwann ist auch ein Mensch betroffen.“

shz.de von
06. Mai 2015, 12:00 Uhr

Eckernförde | Geschätzt 28.000 tote Jungheringe und tonnenweise vernaschter Krill: Noch ist nicht erwiesen, ob ein Finnwal oder ein anderer Meeresräuber für den Angriff auf die Ostseebewohner in der Eckernförder Bucht verantwortlich ist, doch die Diskussion um die Zukunft des Wals in Schleswig-Holstein hat bereits begonnen. Kann unsere Natur die Folgen der kollektiven Rückkehr lange ausgerotteter Spezies wie Uhu und Seeadler – neuerdings Wolf und Wal – überhaupt verkraften?

Der Landesfischereiverbund hat sich am Mittwoch eindeutig positioniert. „Es gibt Areale in der Ostsee, in die der Wal in der heutigen Zeit nicht mehr passt“, sagt Geschäftsführer Fiete Harksen. „Schleswig-Holsteins Küsten zählen dazu. Unsere stark besegelten und von Touristen geliebten Buchten sind für ein konfliktfreies Nebeneinander ungeeignet. Gerade der Finnwal kann für Segler zur Bedrohung werden, wenn er wie ein Torpedo bis zu 40 km/h schnell durch das Wasser düst. Und das tut er!“ Es dürfe trotz aller Tierliebe nicht sein, dass die arg gebeutelten Fischer die Leidtragenden würden. Einheimische Fisch- und Krillarten dürften durch die dunkelhäutigen Neuankömmlinge nicht gefährdet werden.

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Noch tauchen die Wale im Norden nur vereinzelt auf, doch ihre Population in den Weltmeeren wächst beachtlich – und damit der Wanderungsdruck. „Wenn Umweltminister Habeck den Wal will, muss er ehrlich auf alle Konsequenzen hinweisen“, fordert Harksen. Seine „faszinierende Imposanz“ könne zwar ein Tourismusfaktor sein, aber es sei nicht auszuschließen, dass es irgendwann zu einem Übergriff auf einen Schwimmer komme. An den Menschen gewöhnte Wale seien eine tickende Zeitbombe. Darüber müsse man jetzt sprechen und dabei müssten auch unpopuläre Maßnahmen erwogen werden, sagt Harksen. Ein einziger Übergriff könne den Fremdenverkehr auf Jahrzehnte schwächen, das hätte den Verlust Tausender Arbeitsplätze zur Folge.

Hintergrund: Im heutigen Sprachgebrauch versteht man unter Satire einen Text, in dem Ereignisse oder Zustände mit Stilmitteln wie Ironie und Überspitzung verspottet oder angeprangert werden. Auch eine Prise Selbstironie kann ein geeignetes Mittel zur Gestaltung satirischer Prosa sein.


Nach der Fressattacke von Eckernförde wirkte Umweltminister Robert Habeck (Grüne) sichtlich irritiert, sprach von Schäden in einer bislang „nicht gekannten Dimension“. Das Fischobservationszentrum in Falshöft (Kreis Schleswig-Flensburg) bemühte sich am Mittwoch um Schadensbegrenzung. Obmann Klaus Johannsen betonte, es sei das legitime Recht des Wals, die Heringsbrut zu fressen. Der Wal werde sicher bald verschwinden, lange könne er in der Ostsee nicht überleben, er habe sich verirrt. Eine mögliche Verendung des Säugers am Strand wäre ein schwerer Imageschaden für die Region, so Johannsen: „Stellen Sie sich mal einen 40-Tonnen-Kadaver hier am Strand vor dem Leuchtturm vor. Das wäre ein riesen Schweinkram mit Gestank und Stau wäre unvermeidlich!“

Angespülte Schwarmfische zeigten klare Indizien, die auf einen Walangriff hindeuten. „Erst die genetische Untersuchung der Speichelproben von den Quetschpunkten ermöglicht eine klare Aussage. Wir sind froh, dass der Wal uns besucht, aber wir sind auch froh, wenn er wieder weg ist“, so Johannsen.

Auch für die wenigen verbliebenen Fischer in der Bucht gibt es keine Zweifel mehr. „Das war eindeutig ein Wal“, sagt Gernot Andresen (67), er wurde ja gesehen! Mit einem Happen macht der uns hier die ganze Heringsbrut kalt!“ Den Schutz der Fischbestände könne auf Dauer nur durch Wiederaufnahme der Harpunenjagd gewährleisten. Er habe noch funktionstüchtiges Werkzeug im Keller und sei einsatzbereit, sagte Andresen stolz. Das Handwerk habe er von seinem Föhrer Großvater gelernt, erklärte der faltige Skipper mit einem Goldzahngrinsen.

Hochfrequente Vertreibungssignale unter Wasser hält der erfahrene Seeman auf Dauer für nicht praktikabel. Dadurch könne auch der Dorsch – ein wichtigen Standbein der Fischerei – vertrieben werden, der ohnehin durch die Fresssucht des Finnwals seiner Nahrungsgrundlage beraubt würde. „Das, was wir jetzt erleben, das ist erst der Anfang und dass irgendwann ein Mensch betroffen ist – das wird kommen!“

 

Wie groß ist diese Gefahr? Finnwale schwimmen am Beginn eines Beutestoßes drei Meter pro Sekunde. Wird aus Versehen ein kleines Segelboot gerammt, ist es das Ende für das Boot – nicht für den Wal. „Wale, die einmal ein Boot kentern lassen, finden Gefallen daran und werden es wieder tun“, sagt Harksen, „das muss die Tötung des Schadwals zur Folge haben“. Er berufe sich dabei auf eine Studie aus Island. Die Aufnahmekapazität der deutschen Ostsee sei mit einem Exemplar erschöpft.

Zunächst solle man aber Milde walten lassen und die Finne des Wals mit einem Peilsender versehen, damit man den Übeltäter später schnell zu fassen kriege. Eine weitere zu erwartende Entwicklung bereitet dem Verbandschef Sorge: „Wo Finnwale auftreten, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass der Killerwal angelockt wird. Da kriegen selbst grüne Ideologen weiche Knie. Dann schwimmt hier nichts mehr und die Fischer müssen sich mit Walbeobachtungsfahrten über Wasser halten.“ Jahrhunderte alte Familientraditionen stünden auf dem Spiel. Es seien bereits vier Genehmigungsanträge für touristische Ostsee-Safaris bei der Behörde eingegangen.

Der Finnwal war bereits ohne Scheu durch die Eckernförder Bucht geschwommen und hatte 2006 die Flensburger Förde unsicher gemacht. Laut einer Japanischen Studie kamen in den letzten 100 Jahren über 350 Fischer bei der Arbeit ums Leben, weil sie durch Wale von ihren Fangbooten geschleudert wurden. „Ein Stich mit der Harpune reicht und die Biester rasten aus“, sagt Nahiro Tsuno, japanischer Fischer in Akita.

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