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Prostitution : Wie prüde ist SH?

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Jahrelang boomte im Land der Horizonte das horizontale Gewerbe. Doch seit sich Schleswig-Holstein „Der echte Norden“ nennt, brechen für das älteste Gewerbe der Welt schlechte Zeiten an.

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erstellt am 03.Aug.2014 | 08:53 Uhr

Flensburg | Von wegen grenzenlose Freiheit zwischen den Meeren: Zwar gibt es in Schleswig-Holstein laut einem Bericht der Landesregierung zur Auswirkung des Prostitutionsgesetzes 100 Bordelle sowie weitere 300 Modellwohnungen, doch die Goldgräberzeiten im Sexgeschäft scheinen lange vorbei. Auch wenn allein in Flensburg und Umgebung über 120 Kontaktadressen auf diversen Internetseiten frei einsehbar sind und landesweit knapp 14.000 Frauen ihren Körper verkaufen. Noch, muss man sagen. Denn die Betreiber stoßen auf immer mehr Widerstand. Nicht nur von Seiten der Behörden, immer öfter wehren sich Bürger gegen das Geschäft mit dem käuflichen Sex direkt vor ihrer Haustür.

Beispiel Sylt
So plante Jürgen Rudloff einen Gentlemen’s Club in Westerland auf Sylt. Der Bordellbetreiber aus Stuttgart will für rund 2,5 Millionen Euro das ehemalige Kino im Appartementhaus Strandburg umbauen. Die Eröffnung des Clubs, in dem die rund 15 bis 20 Angestellten „auch der Prostitution nachgehen“ sollten, war für Ende dieses Jahres geplant. Der Sex-Unternehmer warb offensiv für sein Sylter Etablissement: „Der idyllische Charakter Sylts wird nicht verloren gehen, weil ich komme.“ Vergebens, nach Bürgerprotesten ging auch die Verwaltung auf Gegenkurs. Carsten Kerkamm, der stellvertretende Bürgermeister: „Die Strandstraße ist kein Rotlichtbezirk, es ist nicht gewollt, dass sie einer wird.“ Folge: Der Bordellkönig musste sein Projekt beerdigen

Beispiel Rellingen
Rund 15 Mal im Jahr geht es mitten in einer beschaulichen Wohnsiedlung am Hermann-Löns-Weg in Rellingen heiß her. Ein Unternehmer aus der Kleinstadt im Kreis Pinneberg feiert seine in einschlägigen Kreisen beliebten „Villa-Partys“. Der Organisator ist interessiert an „attraktiven, schlanken Paaren“. Seine 400 Quadratmeter große „Location“ wird mit vielen Details angepriesen: „vier Bars“, „XXL-Spielwiese“. Partnertausch-Freudige finden diese Anzeige in einer Community im Internet. Während sich die Rotlichtfreunde vergnügen, stinkt Anwohner Michael Marquardt die Angelegenheit gewaltig: „Leichtbekleidete Leute laufen in der Einfahrt herum, am nächsten Tag liegen Kondome auf den Gehwegen.“ Nach den Protesten kontrolliert inzwischen die Polizei, verteilt aber bislang nur Knöllchen an Falschparker. Fortsetzung im heißen Nachbarschaftsstreit: offen.

Beispiel Neumünster
Ausgerechnet im sonst eher beschaulichen Neumünster etablierte sich der einzige Straßenstrich in Schleswig-Holstein. Erst in der Hanssenstraße, dann vor dem Südfriedhof positionierten sich abends immer drei junge Rumäninnen in knappen Kleidern. Die Anwohner zeigten sich ob des zunehmenden Verkehrs vor dem Friedhof empört. Als die Kirche ihr Hausrecht durchsetzte („Uns liegt viel daran, die Würde des Ortes aufrechtzuerhalten“, so Pastorin Simone Bremer), wanderten die Huren weiter – zur Bushaltestelle vor dem Parkplatz einer nahegelegenen Schule. Das löste erst recht eine Welle der Empörung aus. „Das geht so gar nicht. Diesen Zustand werden wir nicht tolerieren“, erklärte Schulleiterin Silke Rohwer. Die Wanderhuren dagegen zogen erneut 200 Meter weiter. Bis die Ratsversammlung – in Schleswig-Holstein einmalig – eine Speerbezirksverordnung erließ. Der Haken daran: Wohnungsprostitution ist nicht von diesem Erlass betroffen, So leuchtet ausgerechnet neben der katholischen St. Maria-St. Vicelin-Kirche seit Kurzem das bekannte rote Licht.

Beispiel Bark
In der kleinen Gemeinde im Kreis Segeberg hat sich nach dem Neumünsteraner Vorbild ein Straßenstrich etabliert und auch hier die Anwohner auf den Plan gerufen. Inzwischen hat sich eine Bürgerinitiative um Doris Laß gebildet. Diese sammelt Unterschriften für ein Verbot und will eine Petition beim Land einreichen. Allerdings: Die Damen des Gewerbes stehen an der Bundesstraße 206, hier haben weder der Landkreis noch die Gemeinde rechtliche Befugnisse gegen die Prostitution.

Beispiel Reinsfeld
Im Gewerbegebiet in zentraler Lage an der A1 wollte ein Investor einen FKK-Sauna-Club mit Wellness-Hotel errichten. Nach Bürgerprotesten von den Stadtverordneten auf Eis gelegt. Auch die Nachfolge-Idee steht sofort heiß in der Diskussion: Ein „Seitensprunghotel“ mit 16 Zimmern. Zwar ist dies nach diversen Gerichtsurteilen als „Gewerbebetrieb aller Art“ zulässig in einem Gewerbegebiet wie dem an der Autobahn in Reinfeld, doch auch hier stehen die Zeichen auf Ablehnung.

Beispiel Elmshorn
Die beschauliche Kleinstadt machte als „ElmsPorn“ Schlagzeilen. Jede Menge Porno-Filme sollen Giulia S. und ihr Mann Martin in der Wohnung ihres Vermieters gedreht haben. Unter dem Künstlernamen „Schnuggie91“ hatte die junge Frau ihre Filmchen ins Netz gestellt. Das Ganze ging vor Gericht – allerdings auch wegen massiver Schäden an der Wohnung.

Beispiel FKK
Selbst auf dem einstigen Freikörperkultur-Paradies (etwa jeder dritte Strandabschnitt entlang der 40 Kilometer langen Sylter Westküste ist FKK-Bereich, der legendäre Buhne 16-Berreich belegt sogar Rang zwei unter den schönsten FKK-Stränden der Welt) hat sich die Zahl der Nacktbader in den letzten 15 Jahren halbiert. Folge: Die Gemeinde List plant, den FFK-Bereich am Weststrand zu verlegen und die Strandversorgung für die Nudisten aufzugeben. Auch der Parkplatz soll nicht mehr genutzt werden.

Hartes Geschäft
Trotz aller Bürgerproteste und Widerstände, noch immer werden im Milieu enorme Summen umgesetzt. Geschätzter Umsatz: 150 Millionen Euro bundesweit, in Schleswig-Holstein immerhin auch noch mindestens 5,2 Millionen – täglich. Kein Wunder, dass hier mit harten Bandagen gekämpft wird.

In Schleswig-Holstein gehen die Behörden davon aus, dass insbesondere Rockergruppen das Rotlicht dominieren und haben aufgerüstet: Bei der Bezirkskriminalinspektion Kiel und bei der Kriminalpolizeistelle Lübeck besteht eine spezielle „Ermittlungsgruppe Milieu“. Im Landeskriminalamt (LKA) besteht die Zentralstelle Menschenhandel. Allerdings kommen jährlich nur zwischen vier und 20 Verfahren in Schleswig-Holstein wegen „Menschenhandels zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung“ vor Gericht, verzeichnet die polizeiliche Kriminalstatistik nur zwischen vier und 42 Straftaten wegen „Ausbeutung von Prostituierten“ beziehungsweise Zuhälterei.

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