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Interview mit Prof. Emrich : Wie kommt das Blau in den Montag?

vom

Synästhetiker hören Farben oder riechen Wörter - doch wie funktioniert das? Mira Nagar hat mit Synästhesie-Forscher Prof. Hinderk Emrich von der Uni Hannover gesprochen.

von
erstellt am 12.Mär.2010 | 12:04 Uhr

Herr Prof. Emrich, welche Arten von Synästhesien gibt es?
Die häufigste Synästhesie ist das so genannte Coloured Hearing, also man hört etwas und sieht dazu eine Farbe. Man müsste auf Deutsch sagen: Das gefärbte Hören. Es gibt noch viele andere Synästhesien, zum Beispiel, dass man ein Aroma riecht oder schmeckt und dann eine Geometrie im Kopf sieht. Es gibt sehr viele Kopplungen zwischen den verschiedenen Sinneskanälen. Es gibt manchmal drei, in der Regel sind es aber zwei. Dann gibt es noch eine so genannte Gefühls-Synästhesie. Das haben wir hier in Hannover entdeckt. Da können nicht nur Wahrnehmungen bebildert werden, sondern auch Gefühle.
Was genau ist eine Synästhesie?
Für Synästhetiker ist es Eigenschaft. Eine Eigenschaft, von der er gar nicht merkt, dass sie in irgendeiner Weise anders ist als bei anderen Menschen. So kann man vom philosophischen Standpunkt sagen, es ist eine andere Art des Weltverhältnisses. Bei der Synästhesie ist die Frage, warum Menschen die Sinneskanäle nicht so sauber trennen wie andere Leute. Wir erleben ja unsere Welt so, dass wir beispielsweise einen schönen Strauß Tulpen sehen. Da sehe ich deren Form, ich sehe deren Farbe und ich rieche den Geruch. Das sind also drei Vorkommnisse. Form - Farbe - Geruch. Das kann ich ja trennen. Ich kann sagen, die Tulpe links ist gelber als die rechte, die eher rötlich ist. Genauso die Form. Aber der Synästhet kann das nicht trennen. Er würde zum Beispiel sagen: Tulpen sind grundsätzlich violett. Denn die Buchstaben "TU" sind für ihn immer violett. Das ist ein vollkommen anderes Weltverhältnis, in dem die Synästheten stehen, aber dieses Weltverhältnis ist für den Synästhetebn nicht gestört, nicht krank. Aber er denkt natürlich, dass alle Menschen in diesem Weltverhältnis leben. Und wenn er sagt für ihn ist dieser Akkord zu lila, oder die Suppe schmeckt zu grün oder der Montag ist zu blau, dann gucken die anderen ganz entsetzt.
Wo passiert denn die Synästhesie? Passiert sie im Auge beziehungsweise im Ohr oder passiert sie im Gehirn?

Die passiert auf jeden Fall im Gehirn, also keineswegs in den Sinnesorganen. Diese sind so wie bei allen. Und auch das Gehirn ist weitestgehend „normal“ gebaut. Es ist nur in funktioneller Hinsicht einen ganz kleinen Hauch anders. Das haben wir schon vor etwa 18 Jahren mit dem EEG feststellen können, also mit der Hirnstromkurve. Da haben wir gesehen, dass bei bestimmten Stimuli die Kurven anders aussehen. Dass vor allem im Vorderbereich des Gehirns andere Wellen auftreten als normalerweise. Und mit dem modernen so genannten bildgebenden funktionellen Verfahren, vorzugsweise mit der funktionellen Kernspintomografie, können wir sehen, in welchen Arealen im Gehirn Veränderungen sind. Es sind gerade zwei PhD-Studenten von mir damit beschäftigt, das genauer zu lokalisieren. Man weiß aber schon, dass die Synästhesien nicht in den primären Sinneswahrnehmungen sind, also da, wo man hell/dunkel oder laut/leise wahrnimmt. Die Synästhesie ist lokalisiert, wo die Sinnesdaten interpretiert werden. Die primäre akustische Wahrnehmung ist also bei allen gleich. Nur die weiteren Auswertungen sind verändert.
Angenommen, wir hören ein Wort, das Synästhesien auslöst: Was passiert dann weiter?
Wir machen das so, dass wir Probanden im Tomografen Gedichte vorlesen. Und entweder es tritt eine Synästhesie auf oder nicht. Durch das Ohr werden in den Temporallappen, also in einen bestimmten Bereich des Gehirns, diese Lautsignale eingespeist und dann erst einmal interpretiert. Das heißt, es wird dann verstanden vom Gehirn: "Aha, dieses Wort heißt Schlitten". Dann denkt man an Schnee, Kinder und so weiter. Diese Assoziationen sind dann aber bei den Synästheten so gekoppelt, dass das Wort Schlitten, wenn jetzt beispielsweise das I grün ist und das EN blau, die Farbwahrnehmung grün-blau anstößt. Also immer wenn ich Schlitten lese, dann sieht der Synästhet grün-blau. Diese Kopplung können wir im Gehirn messen.
Schlitten ist ja ein erlerntes Wort. Kommt die Synästhesie denn erst zustande, wenn man das Wort gelernt hat oder ist sie angeboren?
Die Disposition, Synästhesien zu haben, ist angeboren, die ist genetisch fixiert. Aber wie das "Lexikon" der Synästhesien ausgestaltet wird, wird gelernt. Also, während man das Wort Schlitten und die Buchstaben dazu lernt, kommen diese Farbkopplungen zustande. Die sind bei jedem Menschen verschieden. Wie haben Familien über drei-vier Generationen mit Synästhesien untersucht. Für das Wort Schlitten hat die Mutter beispielsweise die Synästhesie grün-blau, die Tochter sieht aber weiß-lila.
Wie viele Menschen sind denn Synästhetiker?
Als ich anfing zu forschen vor rund 18 Jahren haben wir gedacht, auf etwa 1000 bis 1500 Menschen kommt einer, inzwischen wissen wir es ist einer von 200.
Gibt es Synästhesien, die auch wieder verschwinden?
Man weiß, dass die Synästhesien sich im beginnenden Schulalter entwickeln, also zwischen vier und sieben Jahren in etwa. Die Intensität nimmt dann zu bis zur Pubertät und bleibt relativ konstant erhalten bis etwa 50 oder 60 Jahren. Dann nimmt es wieder ab.
Weiß man, warum das so ist?
Das hat wahrscheinlich mit hormonellen Faktoren zu tun. Das ist aber nicht genau untersucht. Das Gehirn unterliegt ja sehr starken hormonellen Kontrollprozessen. Das sieht man ja in der Pubertät, da wird das Gehirn komplett umgebaut. Diese hormonellen Prozesse haben auch Einwirkungen auf die Synästhesieprozesse.
Sind es denn die Sexualhormone, die die Synästhesien beeinflussen?
Ja, das sind in erster Linie die Sexualhormone, aber es gibt etwa 80 bis 120 Peptidhormone, deren Funktion größtenteils noch gar nicht aufgeklärt ist. So muss man annehmen, dass in den kommenden Jahrzehnten noch mehr bekannt wird über die Beziehungen zwischen Hormonen und Synästhesien.
Kann man den Unterschied zwischen einer angeborenen Synästhesie und einer Synästhesie im Drogenrausch sehen?
Der Hauptunterschied besteht darin, dass die Drogen-Synästhesien sich von Sekunde zu Sekunde ändern. Im Meskalinrausch oder unter LSD hat man zwar - wie man so sagt - eine starke Optik, es wird sehr vieles bebildert, was man erlebt, hört, sieht, fühlt. Aber die Zuordnungen sind nicht konstant wie beiden Synästheten, sondern sie ändern sich von Sekunde zu Sekunde.
Was kann man aus Ihrer Forschung auf Nicht-Synästhetiker übertragen?
Das Wichtigste, was man aus der Forschung übertragen kann, ist dieses riesige Problem der kognitiven Einsamkeit des Menschen. Das heißt also, der Mensch ist in einer Illusion befangen, dass er denkt, alle Lebewesen, Menschen und Tiere, leben in der gleichen seelisch-geistigen Wirklichkeit. Man denkt naiverweise ja, mein Blau ist dein Blau, dein Rot ist mein Rot. Und wenn ich einem Tier über den Rücken streichle, dann würde ich denken, für jeden anderen Menschen ist dieses Gefühl das gleiche. Diese Problematik nennen wir Theory of Mind. Wie ist es, der andere zu sein? Durch die Synästhesieforschung wird gezeigt, dass wir alle verschieden sind. Wir leben alle in verschiedenen Welten. Wir können eben nicht von uns auf die anderen ohne weiteres extrapolieren.
Ein anderer wichtiger Befund aus der Synästhesieforschung ist das Binding. Wie kommt es eigentlich zustande, dass wir eine Einheitlichkeit des Bewusstseins haben? Also, dass wir, wenn wir einen Blumenstrauß sehen, nicht sagen: Da ist eine Form, da ist eine Farbe und da ist eine Gestalt und das addieren wir alles zusammen und dann kommt da Tulpe heraus. Sondern wir sehen eine Einheitlichkeit dieses Blumenstraußes insgesamt. Wenn man Synästheten fragt, wie sie den Begriff Schlitten und diese Farbe dazu erleben, sagen sie, das ist keine Addition, sondern es ist ein einheitliches geistig-seelisches Gebilde. Schlitten und Farbe ist eine Einheit.
Wie lange gibt es die Synästhesieforschung schon?

Die Wissenschaft, die sich mit Synästhesie beschäftigt, die nennt man Neuro-Psychologie. Diese Wissenschaft entstand im 19. Jahrhundert, also noch vor Siegmund Freud, der sich ursprünglich mal als Neuropsychologe gesehen hat. Sie entstand durch die Auswertung der Kriegsfolgen. Man untersuchte Hirnverletzte und hat geguckt: Wo sitzt eigentlich der Schusskanal bei einem Menschen, der plötzlich nicht mehr sprechen kann. Der Mensch überlebt den Krieg, überlebt die Hirnverletzung - und kann nicht mehr sprechen oder kann nichts mehr sehen. Die medizinische Auswertung dieser Phänomene hat man dann Neuropsychologie genannt. Das ist die Wissenschaft über das Verhältnis von Geist und Gehirn oder Wahrnehmung und Gehirn. Also modern gesprochen würde man sagen: Wie macht unser Gehirn das Hören? Wie macht unser Gehirn das Sehen.
Kann es sein, dass jemand ein Synästhetiker ist, ohne es zu merken?
Wenn jemand wenig Kontakt hat zu anderen Menschen, kann das durchaus sein. Viele merken das jedoch sehr leidvoll und leiden unter einer großen Einsamkeit. Sie fühlen sich nicht verstanden. Sie kommen sich ausgegrenzt vor, wenn alle anderen sagen: "Sag mal, spinnst du eigentlich?" Und dann sprechen die Synästheten über diese Randbezirke dieser Wahrnehmung nicht mehr.
Was raten Sie denn Leuten, die den Verdacht haben, Synästhesien zu haben?
Im Internet gibt es inzwischen unglaublich viel. Wir haben die Deutsche Synästhesiegesellschaft, an die kann man sich wenden.
Vielen Dank für das Gespräch!


Prof. Hinderk Emrich forscht seit 18 Jahren zum Thema Synästhesien. Das Thema kam quasi zu ihm - als ein Journalist einen deutschan Experten sprechen wollte, wurde er an den Neuro-Psychologen verwiesen. Immer mehr Synästhetiker wandten sich daraufhin an den mittlerweile emeritierten Professor in Hannover. So entstand ein umfangreiches Forschungsprojekt.
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