NS-Vergangenheit : Wie Gedenkstätten und Museen auf Jugendliche eingehen

Geschichtsunterricht am Objekt: Schüler vor dem Jahresrad zu den jüdischen Feiertagen mit Ritualgegenständen im Jüdischen Museum in Rendsburg. Original erhaltene Gegenstände beeindrucken Jugendliche mehr als eine einfache Führung.

Geschichtsunterricht am Objekt: Schüler vor dem Jahresrad zu den jüdischen Feiertagen mit Ritualgegenständen im Jüdischen Museum in Rendsburg. Original erhaltene Gegenstände beeindrucken Jugendliche mehr als eine einfache Führung.

Handfeste Spuren der NS-Vergangenheit berühren Schüler oft mehr als bloße Erklärungen. Das haben auch Gedenkstätten und Museen erkannt.

shz.de von
27. Januar 2018, 17:51 Uhr

Rendsburg/Kiel | Ein kleines verrostetes Metallteil liegt in einer Vitrine. Wer näher kommt, kann darunter lesen: „Lippenstift einer Gefangenen des KZ Ravensbrück vor 1945.“ Zusätzlich erfährt der Besucher in der Dauerausstellung der heutigen Gedenkstätte, dass solche Lippenstifte von Frauen in Ravensbrück benutzt wurden, um gesünder auszusehen – so wollten sie sich vor der drohenden Selektion und Ermordung schützen.

„Ein Lippenstift wirkt an diesem Ort irritierend, berührt einen und kann zum Nachdenken anregen“, sagt die Bremer Ausstellungskuratorin Andrea Hauser. Wie sie beschäftigen sich viele Fachleute in Museen und Gedenkstätten mit der Frage, was das langsame Aussterben der Zeitzeugen für die Präsentation von Originalgegenständen aus der NS-Zeit bedeutet.

Ein Lippenstift gehört zu den seltensten Exponaten im Depot der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück in Brandenburg.
dpa

Ein Lippenstift gehört zu den seltensten Exponaten im Depot der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück in Brandenburg.

 

„Gerade für Jugendliche sind die erhaltenen Spuren bedeutsam. Sie sind nicht selten enttäuscht, wenn sie bei uns nur noch wenige bauliche Überreste finden“, sagt Katja Anders, pädagogische Mitarbeiterin der Gedenkstätte Sachsenhausen. Dort werden Führungen angeboten, in denen Schüler Fotos von Objekten machen, die sie besonders beeindrucken. Diese Fotos dienen dann als Grundlage, mehr über ihre Geschichte zu erfahren. „Die baulichen Relikte erzählen von sich aus keine Geschichte, sondern sie werden immer gedeutet“, sagt Anders.

„Führung bringt nicht viel“

Die Thorarolle, das heiligste Buch im Judentum, liegt im Jüdischen Museum in Rendsburg.
Jüdisches Museum Rendsburg

Die Thorarolle, das heiligste Buch im Judentum, liegt im Jüdischen Museum in Rendsburg.

 

Im Jüdischen Museum Rendsburg, einer ehemaligen Synagoge aus dem 19. Jahrhundert, sind vor allem Gemälde, Plastiken sowie rituelle Exponate wie Gebetsriemen, Leuchter oder die Kopfbedeckung Kipa zu sehen. Schüler können sich an einem Projekttag über jüdische Feiertage im Museum ein Objekt ihrer Wahl aussuchen, es in die Hand nehmen und im Museum sowie im Internet nach näheren Informationen suchen. „Wir hatten bis vor kurzem für Schüler eine 45 Minuten dauernde Führung angeboten, doch das bringt nicht viel. Im neuen drei Stunden langen Modul zu den Feiertagen handeln sie selbstbestimmter, ihre Reaktionen sind viel positiver“, sagt Claudia Kuhn, als Volontärin für die Bildungsarbeit im Jüdischen Museum zuständig. Sie räumt ein: „Es gibt im Museum insgesamt zu wenig Informationen über die gezeigten Objekte, das wollen wir ändern.“

Die Historikerin erlebt immer wieder, welche Wirkung original erhaltene Gegenstände auf Schüler haben. Sie wird durch Vorsichtsmaßnahmen noch gesteigert – einen Gebetsschal, den das Museum von einem Überlebenden des Holocaust geschenkt bekommen hat, dürfen Schüler nur mit weißen Handschuhen anfassen, damit er nicht beschädigt wird. „Unser ältestes Objekt ist ein halber Gedenkstein von 1776, der an der Synagoge angebracht war und 1933 entfernt wurde. Wir präsentieren ihn hinter Glas und fordern die Schüler auf, ihre Vermutungen zu äußern: Was könnte der Stein alles gesehen haben?“, sagt Kuhn. Sie ergänzt:  „Nicht alles können wir beantworten, Schüler gehen manchmal mit mehr Fragen nach Hause, als sie vor dem Besuch bei uns hatten, doch das ist nicht frustrierend, sondern weckt die Neugier.“

Mit der derzeitigen Sonderausstellung über das Schiff „Exodus“, mit dem Juden 1947 von Deutschland aus nach Palästina auswandern wollten, hat das Museum im vergangenen Jahr besonders viel Besucher anziehen können. Dazu trägt auch bei, dass das Land Schleswig-Holstein die Fahrtkosten nach Rendsburg für Schüler aus dem ganzen Bundesland übernimmt.

Selfie mit der Hitler-Büste

Alexander Schmidt ist Leiter der Sammlung des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände in Nürnberg, das jährlich von 250.000 Menschen besucht wird. Er sieht einen Wandel bei Ausstellungen über das NS-Herrschaftssystem. So verzichten die Topographie des Terrors Berlin und das NS-Dokumentationszentrum München ganz auf Objekte und präsentieren viel Text mit sachlicher Information.

In der Nürnberger Ausstellung kann man dagegen auch Hitlerbüsten, Hakenkreuze oder Orden sehen. Dabei steht die Hitlerbüste vor einem großen Foto, auf dem Frauen Hitlerbüsten in Massenproduktion herstellen – dem Führermythos soll so entgegengewirkt werden. „Der Verzicht auf Objekte bedeutet auch den Verzicht auf didaktische Möglichkeiten“, sagt Schmidt. Er beobachtet seit einiger Zeit Besucher, die von sich ein Selfie mit der Hitler-Büste machen. „Das wollen wir nicht unterbinden, sondern selber zum Thema machen – wir wissen nur noch nicht wie.“

Treffen mit KZ-Überlebenden

Im Flandernbunker in Kiel können Schüler Überbleibsel aus dem KZ ansehen.
Margret Kiosz

Im Flandernbunker in Kiel können Schüler Überbleibsel aus dem KZ ansehen.  

 

Ein ganz anderes Konzept verfolgt der Verein „Mahnmal Kilian“. Er hat in Kiel den Flandernbunker, eine Kriegsruine, in einen Ort der Bildung und für Völkerverständigung verwandelt. Das einzige Originalobjekt ist somit das Gebäude, in dem derzeit eine Ausstellung über 100 Jahre Erster Weltkrieg zu sehen ist. Ansonsten gibt es hier Führungen zur Kieler Kriegsgeschichte, Filme und Vorträge unter anderem zu Hiroshima und der Situation im Libanon. „Dies ist kein gemütlicher Ort, aber der richtige Platz, um sich Gedanken über die Friedensfähigkeit zu machen“, sagt der Vereinsvorsitzende Jens Rönnau.

In die Gedenkstätte Bergen-Belsen kommen jährlich 250.000 Besucher, die Wartezeit für Gruppenführungen beträgt ein Jahr. „Wir haben mit sehr offenen Schülern zu tun. Je näher die Umgebung ist, aus der sie kommen, umso enger ist der persönliche Bezug“, sagt Petra Höxtermann, Gymnasiallehrerin aus Celle, die an zwei Tagen der Woche Schüler aus 9. und 10. Klassen in Bergen-Belsen führt. Zum Einstieg können sie alte Aktenordner aus dem KZ oder Funde aus dem Lager wie Löffel oder Schüsseln in die Hand nehmen und überlegen, welche Bedeutung sie hatten. „Die Schüler mögen das“, sagt Höxtermann.

Wie stark sie mit Originalen arbeitet wie zum Beispiel mit in der Gedenkstätte ausgestellten Handschuhen, die einst eine Gefangene für ein kleines Mädchen im Lager gestrickt hatte, hängt von ihrer Gruppe ab. „Oberschüler brauchen mehr anschauliches Material, sonst ist das Thema für sie oft zu abstrakt. Dafür bringen sie sich mehr ins Gespräch ein als Gymnasiasten“, sagt die 47-jährige Lehrerin für Englisch und Geschichte. Sie hat auch schon häufiger Treffen mit KZ-Überlebenden organisiert. „Nach so einer Veranstaltung bildet sich immer eine Traube um den Zeitzeugen, weil viele Schüler sich erst im kleinen Kreis trauen, Fragen zu stellen. Für alle ist so ein direkter Kontakt eine bleibende Erinnerung.“

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