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Wiederbelebung am Telefon : Wie der Rettungsdienst im Norden von SH Leben rettet

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Setzen Herz und Atmung aus, muss es schnell gehen: Um mehr Menschen vor Tod und Hirnschäden zu bewahren, dirigiert die Leitstelle Nord seit 2010 Helfer per Telefon - und hat Erfolg damit.

Harrislee | Per Kopfhörer und Mikrofon rettet Jolan Griemsmann Leben: Mehr als 1100 Mal haben seine Kollegen und er seit 2010 in der Rettungsleitstelle Harrislee bereits per Telefon Hilfe zur Reanimation gegeben. „Die Überlebensquote der Patienten hat sich verdoppelt“, bilanziert Leitstellenleiter Achim Hackstein. Die Rettungszentrale des 58-Jährigen war vor fünfeinhalb Jahren die erste in Schleswig-Holstein und eine der ersten in Deutschland, die dieses Modell für den Ernstfall verbindlich eingeführt hat. Gerade auf dem Land können die Retter im Notfall so die langen Wege verkürzen.

Wenn das Herz nicht mehr schlägt, entscheiden Sekunden über Leben und Tod. „Eins, eins, eins, eins“: unterstützt von einem Metronom gibt Griemsmann den Ersthelfern im Fall der Fälle am Telefon den Takt vor. Ein bis zweimal pro Woche komme das bei jedem Disponenten vor - die Leiststelle ist für das gesamte nördliche Schleswig-Holstein mit mehr als einer halbe Million Einwohnern zuständig. Beatmet werde nicht mehr - zu schwierig, außerdem gilt die Herzdruckmassage bis zum Eintreffen der Retter als wichtiger.

Als Griemsmann vor dreieinhalb Jahren das erste Mal jemanden am Telefon bei der Wiederbelebung begleitete, sei er „ganz schön nervös“ gewesen. „Man ist gezwungen, sich das anzuhören, aber kann nicht direkt eingreifen“, sagt der 25 Jahre alte Rettungsassistent. Mit der Zeit, so Griemsmann, gewöhne man sich daran, die Reanimation gebe Struktur - den Anrufern wie den Disponenten in der Leitstelle. 55 Menschen hat er so bereits geholfen.„Das Gefühl, etwas zu tun zu haben ist wichtig, weil sonst sitzen Sie da womöglich neben ihrem leblosen Lebensgefährten und dann ist die Angst besonders groß“, ergänzt Hackstein. „Das ist was besonderes, denn für die Anrufer ist das ja oft auch eine existenzielle Situation, wenn etwa der Ehemann betroffen ist.“

Auch statistisch scheint das Konzept aufzugehen: So können im Einsatzgebiet der Leitstelle Nord mit der telefonischen Reanimation 16 Prozent der Patienten später ganz ohne neurologische Defizite aus dem Krankenhaus entlassen werden, wie Hackstein sagt. Im bundesweiten Schnitt seien es gerade mal acht Prozent. „Die Eingreifzeit bei Herzstillständen liegt bei drei Minuten und der Rettungsdienst braucht dafür zu lange“, erklärt Hackstein. Sämtliche sieben Leitstellen im Land hätten das Konzept daher inzwischen übernommen, an vielen anderen Orten in Deutschland wirbt er noch dafür.

Doch was ist, wenn Ersthelfer Angst haben, Fehler zu machen - oder sich sperren? „Wir zwingen niemand“, sagt Hackstein, der bevor er nach Harrislee kam, selbst jahrelang bei der Berufsfeuerwehr arbeitete und später die Rettungsdienstschule in Osnabrück leitete. Es gebe aber nur sehr wenige Menschen, die sich weigerten. „Falls doch, dann haben sie in der Regel auch gute Gründe dafür. Etwa weil der Patient an einer Krankheit leidet, die zwangsläufig zum Tode führt und sich keine Wiederbelebung mehr wünscht“, sagt Hackstein.

Im Zweifel, so Hackstein, versuche man den Anrufer mit Worten zu überzeugen: „Sie helfen ihrem Vater am besten, wenn Sie jetzt machen, was ich sage.“ Größere Verletzungen seien so noch nie passiert. Dafür beschert sie den Rettern in der Leitstelle Momente, die ihnen nicht so schnell aus dem Kopf gehen: „Die Wiederbelebung eines Säuglings am Telefon war etwa sehr belastend, aber es gibt aber auch schöne Fälle, etwa der Mann Ende 60, der sich mit einer netten Karte bedankt hat“, erzählt Jolan Griemsmann.

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erstellt am 16.Apr.2016 | 08:37 Uhr

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