Herrnburger bleiben skeptisch : "Wer weiß, ob er es wirklich war"

Ein Polizist sichert am Donnerstag das Lübecker Mehrfamilienhaus, in dem ein Mann in der Nacht unter Mordverdacht festgenommen wurde. Foto: dpa
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Ein Polizist sichert am Donnerstag das Lübecker Mehrfamilienhaus, in dem ein Mann in der Nacht unter Mordverdacht festgenommen wurde. Foto: dpa

Im Mordfall Anna-Lena U. hat die Polizei einen Verdächtigen festgenommen. Doch die Einwohner von Herrnburg bleiben skeptisch.

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12. Juli 2013, 07:42 Uhr

Lübeck/Herrnburg | Ein einsamer Polizist steht vor dem schlichten zweistöckigen Wohnblock im Lübecker Stadtteil Eichholz. "Zutritt verboten", erklärt er jedem, der sich der Eingangstür nähert. Hier haben Spezialkräfte der Polizei in der Nacht zum Donnerstag den 46 Jahre alten Mann festgenommen, der im dringenden Verdacht steht, in Herrnburg (Nordwestmecklenburg) eine 29-jährige Joggerin erstochen zu haben. Bewohner des benachbarten Hauses stehen ratlos auf dem Rasen. "Wir haben von der Aktion nichts mitbekommen, wir haben geschlafen", sagen sie unisono.
Ob sie den Festgenommenen gekannt haben, können sie nicht sagen. "Wir wissen ja nicht, wer da abgeführt wurde", sagt eine Frau. Er könnte mehr erzählen, sagt ein anderer, er sei ja praktisch live dabei gewesen. "Aber ich habe oben gerade Besuch und muss da erst mal zu Ende erzählen", sagt der üppig tätowierte Mann und schlurft davon.

Bürgerlich geprägter Stadtteil

Die Straße gehört zu den einfacheren Wohngegenden des im Großen und Ganzen bürgerlich geprägten Stadtteils Eichholz. Hier war wegen der Grenze zur DDR bis 1989 die Welt zu Ende, wie ältere Lübecker noch heute sagen. Die grau verputzten Wohnblöcke stammen aus der unmittelbaren Nachkriegszeit.
Nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa ist der unter dringendem Tatverdacht festgenommene Mann wegen Sexualdelikten in Schleswig-Holstein vorbestraft. Die Joggerin Anna-Lena U. wurde aber nicht vergewaltigt. Wie die Polizei auf die Spur des Mannes gekommen ist, sagte sie zunächst nicht. Nach Medienberichten hatte die Polizei den Tatort und die weitere Umgebung mit Spürhunden, sogenannten Mantrailern, abgesucht, die die Ermittler schließlich zu der Wohnung in Eichholz führten.

"Verdächtig heißt ja noch nicht, dass er es auch war"

Gerade einmal zwei Kilometer Luftlinie sind es von hier bis zu dem Waldweg, wo die 29-Jährige am Sonntag beim Joggen erstochen wurde. Der Weg - ein ehemaliger Kolonnenweg entlang der früheren Grenze - grenzt an ein Neubaugebiet mit adretten Reihen- und gepflegte Einfamilienhäusern. Die Nachricht von der Festnahme hat sich auch dort in Windeseile herumgesprochen, doch die ganz große Erleichterung will sich bei den Menschen hier noch nicht einstellen.
"Verdächtig heißt ja noch nicht, dass er es auch war", sagt eine ältere Dame. Man habe es ja in anderen Fällen schon erlebt, dass die Polizei einen Festgenommenen wieder laufen lassen musste, weil sie ihm nichts nachweisen konnte, sagt sie. "Aber wenn es sich tatsächlich um den Täter handelt, bin ich natürlich sehr erleichtert. Seit dem Wochenende habe ich den Weg gemieden", sagt die Frau, die ihren Namen nicht nenne möchte.
Auch eine andere Herrnburgerin, die anonym bleiben will, ist äußert sich skeptisch. "Man muss abwarten, ob das wirklich der Täter ist", sagt sie. "Die ganze Geschichte hat mich sehr mitgenommen. Ich habe vier Kinder, von denen drei noch zu Hause wohnen. Um die habe ich große Angst." Die Verkäuferin im Kiosk in der Siedlung möchte "zu der ganzen Geschichte" gar nichts mehr sagen. Der kleine Laden mit Zeitungen, Backwaren und Eis habe erst am Freitag vor der Tat eröffnet und am Montag seien die Journalisten eingefallen. "Jetzt ist mal Schluss", sagt die junge Frau freundlich, aber resolut.

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