Intelligenz bei Haustieren : Wer ist klüger: Hund oder Katze?

Abschied vom Dingo: Dr. Dorit Urd Feddersen-Petersen an ihrem Haustiergarten, der bald geschlossen wird. Foto: Staudt
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Abschied vom Dingo: Dr. Dorit Urd Feddersen-Petersen an ihrem Haustiergarten, der bald geschlossen wird. Foto: Staudt

Zählen, kombinieren, kommunizieren: Wissenschaftler untersuchen die Intelligenz der Haustiere. Der Kieler Haustiergarten wird aber bald geschlossen.

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03. Dezember 2010, 05:20 Uhr

Kiel/Freiburg | Der ingwerfarbene Kater Harry blickt auf die drei zugedeckten Schälchen. In einem ist Futter, weiß er. Doch in welchem? Es ist ein Hütchenspiel der etwas anderen Art. Frauchen schlägt dreimal gegen ein Glas - zielstrebig macht sich Harry ans Schälchen, dessen Deckel drei Punkte aufweist. Die drei Schälchen kennt Harry schon, doch kann er noch weiterdenken? Harry bekommt erstmals eine weitere Schale in die Reihe gesetzt, deren Deckel vier Punkte hat.
Als er das Glas viermal klingen hört, läuft er tatsächlich direkt auf das vierte Gefäß zu. Die Belohnung genießt der Kater sichtlich. Geraten? Nein - gezählt. Katzen können bis vier zählen, hat der Freiburger Haustier-Forscher Dr. Immanuel Birmelin herausgefunden. Anders Paku. Auch der braune Hunderüde möchte ans Futter, auch er hat das tierische Hütchenspiel vor sich. Doch bei aller Geduld und nach Tagen der Übung: Paku "zählt" noch nicht einmal bis zwei. Stattdessen blickt er hoffnungsvoll zu Frauchen hoch.
Plötzlich ein neuer Gegenstand
Sind Katzen also klüger als Hunde? Dr. Immanuel Birmelin vom Verein für Verhaltensforschung bei Tieren und die Hunde-Verhaltensforscherin Dr. Dorit Feddersen-Petersen von der Uni Kiel haben sich mit dem Verhalten und der Problemlösung bei Hunden, Wölfen und Co. auseinander gesetzt. In Kiel existierte sogar bis vor zehn Jahren ein Institut für Haustierkunde, in dem Feddersen-Petersen Hunde und ihre wölfischen Verwandten erforschte. Doch die Frage nach dem klügeren Haustier lässt sich nicht so leicht beantworten.
So ist auch Harry nicht unbedingt klüger als Paku. Dass der Kater die Deckel überhaupt von den Schälchen schob, um ans Futter zu kommen, musste er erst lernen. Was für Hunde selbstverständlich ist - Topf und Deckel kann man wieder auseinander nehmen - ist für Katzen beim ersten Versuch ein Hindernis. Für sie bildet sich scheinbar aus den beiden Elementen Topf und Deckel ein gänzlich neuer Gegenstand. Nur durch Zufall können sich die Samtpfoten den Leckerbissen schnappen. Oder wenn man den vermeintlich neuen Gegenstand wieder vor ihren Augen auseinander nimmt. Dann gilt: Einmal gesehen, für immer gelernt. Andererseits: Ein Leckerli, das eine Katze durch einen schmalen Spalt zwischen zwei hohen Stellwänden erblickt, kann sich das Tier holen, indem es nach kurzer Inspektion um eine Wand herum geht. Hunde bleiben hilflos und hungrig vor dem Spalt sitzen.
"Puschas" und "Puwos"
In seinem Film: "Wer ist klüger - Hund oder Katze" lässt Birmelin diesen "Wettbewerb" unentschieden enden. Auch Feddersen-Petersen will sich nicht recht festlegen. Wissenschaftlich ist das Verhalten der liebsten Haustiere im Vergleich zu Wildtieren schlecht untersucht. Lange wollte man Tieren eine Art Intelligenz ohnehin kaum zusprechen. "Die Forschung steht dem sehr steif entgegen", sagt Feddersen-Petersen. Die schlanke Frau mit der auffälligen grauen Lockenpracht hat sich in Kiel ihren Forschungsbereich dennoch aufgebaut. Sie begann ihre Forschung zunächst bei Katzen, war dann aber recht schnell auf den Hund gekommen, vielmehr auf "Puwos" - Kreuzungen zwischen Pudel und Wolf - und "Puschas" - Pudel und Schakal. Ihre Tiere zog die Verhaltensforscherin per Hand auf und gab den Welpen einen Namen. "Wenn man den Tieren nur Nummern gibt, findet man vieles nicht heraus", sagt sie.
Verhaltensbiologie bei Caniden ist noch heute ihr Spezialgebiet. Doch es wird an der Uni Kiel niemand die Forschung fortsetzen, wenn die 62-Jährige in zwei Jahren das biologische Institut verlässt. "Ich forsche noch weiter bis zur Rente", sagt die Tierexpertin ein wenig bitter und blickt aus dem Fenster auf den Campus. Direkt vor ihrem Büro weit oben im Biologenturm entsteht zurzeit ein Forschungszentrum für Molekulare Biowissenschaften. Es zeigt, wohin der Trend geht. Der Haustiergarten nebenan unterstreicht das Kommen und Gehen der Wissenschaftsmode. Hier stehen in die Jahre gekommene rote Backsteinzwinger mit alten Gittern. Fast alles ist leer, man ahnt nur, dass hier einst ein lebhaftes Bellen, Jaulen und Hecheln von bis zu 50 Tieren zu hören war. Einige Betonmauern sind schon eingerissen, sehen aus wie angeknabbert. Alles kommt weg, alles wird neu.
Irgendwo in einer Ecke, Feddersen-Petersen mag bei all der Abrissstimmung kaum hierher gehen, ist noch eine Gruppe fuchsfarbener Dingos. Weiter hinten sollen drei alte Wölfe schlummern. Auch sie kommen weg, sobald sich ein neues Heim gefunden hat. Feddersen-Petersen muss zusehen, wie sich ihr Lebenswerk aus Kiel verabschiedet.
Katzen haben oft keine Lust
Doch zurzeit arbeitet sie noch am Verhalten zwischen Mensch und Hund - denn das hat der Hund der Katze aus Menschensicht gesehen voraus. Er hat Lust auf Spiel, Lust auf Zusammenarbeit, nicht umsonst wird er unermüdlich als "Bester Freund des Menschen" bezeichnet. Das hat dem Haustier Funktionen wie Polizeihund, Suchhund oder Blindenhund eingebracht. Katzen haben auf solche Aufgaben schlicht keine Lust. "Mit Katzen Experimente zu machen, ist elendig schwer", seufzt Birmelin. "Wenn sie am Freitagnachmittag noch alles gut gemacht hat, macht sie am nächsten Tag lauter Fehler..." Katzen brauchen ihren Rhythmus und eine vertraute Umgebung, müssen das Labor erst einmal über mehrere Sitzungen hinweg kennen lernen. "Kognitionsforschung an Hunden macht große Fortschritte. Bei Katzen steht die Wissenschaft noch an den Anfängen", sagt Birmelin.
So lässt sich die Intelligenz der beiden Tierarten nicht wirklich vergleichen. "Eine Katze schaut genauer als ein Hund", sagt Birmelin. "Hunde sind da viel unaufmerksamer." Außerdem seien Katzen Minimalisten. Sie betrachten das Problem zunächst von allen Seiten, um ja keinen Pfotenschlag zu viel zu tun. Hunde hingegen probieren mehr aus. Ob nun Kater Harry oder Hund Paku klüger ist, ist auch nach mehreren Tests nicht zu beantworten. "Ich würde sagen, dass schon Begabungsunterschiede bei Hunden und Katzen vorhanden sind. Katzen sind im Abstrakten besser. Sie sind Schleichräuber und gucken sehr genau", sagt Dr. Birmelin. "Der Hund hingegen ist ein Hetzräuber. Er ist besser im Kommunikativen."
Welche Eigenschaft sagt mehr über Intelligenz aus? "Kognition ist eine unklare Begriffsbildung", so Feddersen-Petersen. "Dabei ist es sicher kein Zufall, dass die Unschärfe des Begriffs so bereitwillig hingenommen wurde und wird." Die Forschung steckt noch immer in den Anfängen - ausgerechnet bei den ältesten und liebsten Haustieren des Menschen. Und in Kiel wird sich nach der Verabschiedung von Frau Feddersen-Petersen daran auch nichts ändern.

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