Mit Migrationshintergrund im Frauenhaus : „Wer ausländisch aussieht, hat schlechte Karten“

Das Frauenhaus ist für manche die letzte Hoffnung.
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Das Frauenhaus ist für manche die letzte Hoffnung.

Eine Frauenhaus-Bewohnerin mit Migrationshintergrund und zwei Kindern kämpft auf der Suche nach einer Wohnung gegen viele Vorurteile.

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07. Juni 2014, 08:00 Uhr

Pinneberg | Wer in Schleswig-Holstein Opfer von Gewalt wird und Zuflucht in einem Frauenhaus sucht, hat schlechte Karten – die Einrichtungen sind fast alle voll. Das liegt unter anderem daran, dass die Frauen immer länger in der Einrichtung bleiben – so wie Alizee*. Für sie ist die Übergangsstation im Kreis Pinneberg längst zu einem Zuhause geworden. Allerdings unfreiwillig, denn sie sucht seit einem Jahr nach einer Wohnung für sich und ihre zwei Kinder.

Die 38-Jährige sieht jünger aus als sie ist. Das feine Gesicht mit den großen, dunklen Augen wird eingerahmt von ihren schwarzen, langen Haaren. Alizee stammt aus dem Nahen Osten. Das sehen auch potenzielle Vermieter – und weisen sie deshalb ab. „Wer ausländisch aussieht, gar ein Kopftuch trägt, wenig deutsch spricht und dann auch noch erwerbslos ist, hat schlechte Karten“, sagt Audrey Stormer vom Frauenhaus in Pinneberg. Als alleinerziehende Mutter habe Alizee es schwer, Wohnraum zu finden. Dabei wäre der Mutter zumindest diese Privatsphäre zu gönnen, nach dem, was sie durchgemacht hat. Zurzeit muss sie sich ein Zimmer mit mehreren Frauen teilen. Dazu kommen noch die Kinder. „Da kommt es automatisch irgendwann zu Schwierigkeiten“, sagt Stormer.

Alizee lebt seit 14 Monaten in der Einrichtung. In ihrem Heimatland verlor sie zuerst ihren Mann und ihr Kind, dann kam sie als Flüchtling nach Deutschland. Im Asylheim lernte sie ihren zweiten Mann kennen, wurde schwanger. Es sei von Anfang an schwierig mit ihm gewesen, erklärt Alizee in gebrochenem Deutsch. Sie habe gehofft, dass es nach der Hochzeit besser wird. Wurde es aber nicht. Ihr Mann schlug sie regelmäßig. „Ich war immer im Krankenhaus, meine Augen sahen aus wie von einem Boxer.“ Die Nase brach er ihr mehr als einmal. Erst als der Vater mit dem Handy auf das sechs Monate alte Kind einprügelt, folgt sie dem Rat ihres Kinderarztes, der eine Mitarbeiterin des Frauenhauses dazuholt.

Die 38-Jährige willigt ein, flieht mit dem Baby und dem Kind aus ihrer ersten Ehe. Sie muss die Einrichtung sogar wechseln, weil ihr Mann sie weiter terrorisiert. Heute ist sie geschieden, macht einen Sprachkursus, will ein neues Leben anfangen – wenn nur die leidige Wohnungssuche nicht wäre. Wegziehen will sie nicht. Ihr schulpflichtiges Kind soll nicht aus dem gewohnten Umfeld gerissen werden.

„Die Situation ist einfach sehr angespannt“, weiß Stormer. „Die Versorgung von schutzsuchenden Frauen ist so einfach nicht gewährleistet.“ Das sei nicht immer so gewesen. Erst seit zwei Jahren habe sich die Lage zugespitzt. Der Anteil an Bewohnerinnen mit Migrationshintergrund sei hoch. Wer keine Aufenthaltsgenehmigung hat, die länger als ein Jahr gültig ist, habe ohnehin schlechte Chancen. Aber auch für die anderen sei es schwierig.

*Name von der Redaktion geändert

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