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Leichtsinn in Nord- und Ostsee : Wenn Wassersport zur Gefahr wird

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Vor Kurzem sorgte ein schwerer Jetski- Unfall auf der Flensburger Förde für Aufsehen. Doch nicht nur hochmotorisierte Wasserfahrzeuge können zum Risiko werden. Oft ist purer Leichtsinn im Spiel.

Flensburg | Der Sommer 2014 ist noch nicht vorbei, aber schon rekordverdächtig – leider auch die Zahl der Badetoten. 2012 waren es 383  Menschen, die laut Statistik der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) in Gewässern und Schwimmbädern ertrunken sind, 2013 waren es 446. Erschreckende Zahlen, die in diesem Jahr noch deutlich übertroffen werden dürften.

Verheerende Unglücke melden auch die Reviere der Wasserschutzpolizei. Ganz aktuell der Jetski-Unfall auf der Flensburger Förde: Zwei Jetski-Fahrer sind bei hoher Geschwindigkeit direkt vor der Mole Sonwik kollidiert, wodurch einer der beiden ins Wasser geschleudert wurde. Der schwer verletzte 50-Jährige soll ohnmächtig bäuchlings im Wasser gelegen haben, bevor er von herbeigeeilten Seglern in Rückenlage gebracht werden konnte. Unzählige Menschen verfolgten von der Mole aus die Rettungsarbeiten; es soll eine halbe Stunde gedauert haben, bis der korpulente Mann auf die Heckplattform des Polizeiboots „Duburg“ gehievt und reanimiert werden konnte. Dem Vernehmen nach hat sich der Mann bei dem Sturz aufs Wasser schwerste Lungen- und Kopfverletzungen zugezogen; er soll sich noch immer – zehn Tage nach dem Unglück – im künstlichen Koma befinden.

Eine Badehose und eine gelbe Rettungsweste – mehr trug der Mann nicht, als er  mit seinem 260-PS-Geschoss auf der Förde stürzte. Vielleicht hätte ein Integralhelm die Verletzungen mindern können. „Doch wer denkt schon daran, dass die Wasseroberfläche bei einem Sturz mit diesem Tempo hart wie Beton sein kann?“, sagt Jens Albert (46) von der Wasserschutzpolizei Flensburg. Zeugen schätzen, dass die beiden Männer mit 80 km/h über’s Wasser geprescht sind. Der Schwerverletzte galt als erfahrener Wassersportler, verfügte über einen Sportbootführerschein, wie er bei Fahrzeugen ab 15 PS vorgeschrieben ist. Ein konkretes Tempolimit gibt es auf der Förde nicht; nur dort, wo Menschen baden, darf nicht schneller als 8 km/h gefahren werden. Ansonsten gilt die Regel: Der Wassersportler muss stets mit angepasster Geschwindigkeit fahren.

Doch nicht nur hochmotorisierte Wasserfahrzeuge können zum Risiko werden. Vor sechs Wochen endete ein Törn mit einem Schlauchboot tödlich für einen  26-jähriger Mann. Er war mit einer gleichaltrigen Frau von Steinberghaff aus auf die Geltinger Bucht hinausgefahren, als der kleine Elektromotor plötzlich versagte. Der Versuch, mit Paddeln zurückzurudern, scheiterte am ablandigen Wind. Die beiden entschlossen sich, das Schlauchboot zurückzulassen und die rund 300 Meter bis an Land zu schwimmen. Mit fatalen Folgen: Den Mann verließen die Kräfte, er erreichte das Ufer nicht. Stunden später wurde er von einem Hubschrauber auf dem Grund der Ostsee geortet – tot.

Er könnte vielleicht noch leben, wenn Schwimmwesten an Bord gewesen wären. Oder wenn die beiden auf Hilfe gewartet und das Boot nicht verlassen hätten.

Nord- und Ostsee sind kein Freibad – aufkommender Wind, Regen und  Gewitter, Strömung, Ebbe und Flut  stellen Schwimmer und Wassersportler in Sekundenschnelle vor Herausforderungen, denen nicht jeder gewachsen ist. Wenn dann noch Leichtsinn und Selbstüberschätzung ins Spiel kommen,  sind Unglücke vorprogrammiert. Gut, dass das Netzwerk der Lebensretter von DLRG und  DGzRS (Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger) dicht gespannt ist –  aber lückenlos ist es nicht. Bei Seenoteinsätzen rücken auch Wasserschutzpolizei, Bundespolizei und Zoll  aus, obwohl sie hauptsächlich mit anderen Aufgaben betraut sind. Aber auch jeder andere Bürger ist zur Hilfeleistung verpflichtet, wenn er einen Menschen in Not  sieht.

Fünfzig Euro – dafür gibt es schon gute Rettungswesten. Sie sollten an Bord immer angelegt sein, ob auf dem kleinen Ruderboot oder der großen Segelyacht. Surfer und Stehpaddler sollten einen Neoprenanzug tragen, der bei einem Sturz ins Wasser zusätzlich für Auftrieb sorgt. Für Kitesurfer und Jetskifahrer empfiehlt Wasserschutzpolizist Jens Albert Helme.

Doch die Arbeit der Wasserschutzpolizei steht vor gravierenden Veränderungen. Sparpläne aus dem Kieler Innenministerium sehen vor, dass von 266 Stellen bei der Wasserschutzpolizei 60, vielleicht sogar 80 wegfallen können. Die Öffentlichkeitsarbeit soll von der Schutzpolizei mitübernommen, die Prävention ganz eingestellt werden.  Um die Aufklärung von Straftaten rund um das Sportboot (landesweit rund 1000 Fälle) soll sich dann die Kriminalpolizei kümmern. Langfristig könnte die Zahl der Kontrollen zurückgefahren werden. Einige Experten von der Küste würden an andere Dienststellen versetzt; die Sicherheit an Nord- und Ostsee bleibt auf der Strecke.

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erstellt am 17.Aug.2014 | 09:11 Uhr

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