Müll in der Nordsee : Wenn Vögel Plastik fressen

Glück gehabt: Nicht alle Vögel stoßen bei ihrer Nahrungssuche auf solche Leckereien. Foto: dpa
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Glück gehabt: Nicht alle Vögel stoßen bei ihrer Nahrungssuche auf solche Leckereien. Foto: dpa

Fischernetze, Fernseher, Toilettendeckel - trotz Schutzmaßnahmen tummelt sich in der Nordsee tonnenweise Müll. Laut einer neuen Studie haben 93 Prozent aller Wasservögel Plastik im Magen.

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11. März 2008, 07:04 Uhr

"Nach unseren Untersuchungen gehört die Deutsche Bucht als Teil der südöstlichen Nordsee zu den am stärksten mit Müll belasteten Regionen in der Nordsee", erklärt Nils Guse vom Forschungs- und Technologie-Zentrum Westküste der Universität Kiel (Büsum). Der Meeresbiologe ist an einer nordseeweiten Studie beteiligt, bei der Wissenschaftler aus mehreren europäischen Ländern die Müllbelastung von Eissturmvögeln untersuchen. Guse zufolge eignen sich die Hochseevögel gut als Indikator für die Meeresverschmutzung, denn sie kommen in der gesamten Region vor und nehmen ihre Nahrung an der Meeresoberfläche auf.
Mehr als 180 tote Vögel, die entlang der deutschen Küste gefunden wurden, wurden seit 2002 bei der Studie untersucht. Fazit: Fast alle (93 Prozent) hatten Plastikmüll im Magen. Statistisch waren es 29 Partikel pro Tier, 26 davon "Verbraucherplastik", wie etwa Reste von Verpackungsschnüren und Zahnbürsten.
Kunststoffmüll macht den höchsten Anteil aus
An den naturbelassenen Stränden der Insel Mellum ist die Verschmutzung sichtbar: "Da liegt genau das herum, was das Meer antreibt", sagt der stellvertretende Vorsitzende vom Mellumrat, Thomas Clemens. Unter den "riesigen Müllmengen" seien große Bündel von Fischereinetzen, ein Fernseher oder auch mal ein Toilettendeckel zu finden.
Seit Jahren erfasst die Naturschutz- und Forschungsgemeinschaft den Müll, der auf Mellum und auf Minsener Oog angespült wird. Die unbewohnten Inseln liegen im Nationalpark "Niedersächsisches Wattenmeer". Regelmäßig werden drei Strandabschnitte von je 100 Metern Länge überprüft. Eine Auswertung für die Jahre 1991 bis 2002 ergab, dass im Schnitt fast 80 Prozent der gefunden Müllteile aus Plastik, Styropor oder Schaumgummi waren ­ insgesamt mehr als 25 600 Stück. Ganz oben auf der Liste: Plastiktüten, Planen und Folien. Der Kunststoffmüll mache nach wie vor den höchsten Anteil aus und habe nicht wie gewünscht abgenommen, sagt Clemens.
"Wir können noch keine große Verbesserung feststellen"
Der Großteil des Mülls ist den Wissenschaftlern zufolge Schifffahrt und Fischerei zuzuordnen. Die hohe Müllbelastung im Bereich der niederländisch-deutschen Küste stehe im Zusammenhang mit der sehr hohen Intensität des Schiffsverkehrs, sagt Guse. Dabei ist die Nordsee seit 1991 Sondergebiet für Müll (MARPOL). Seitdem darf kein Müll aus dem Schiffsbetrieb eingeleitet werden. "Wir können noch keine große Verbesserung feststellen", sagt Guse, dessen niederländische Kollegen sich schon seit den 80er Jahren mit dem Thema befassen.
Eissturmvögel verletzen sich oft oder werden durch die enthaltenen Chemikalien geschwächt, wenn sie Plastikmüll schlucken. Teilweise verhungern sie, weil ihr Magen mit Plastik gefüllt ist. Nicht selten sterben sie auch, weil sie sich im Abfall verfangen, wie Guse erklärt. Es sei davon auszugehen, dass alle Meeresbewohner auf der einen oder anderen Weise unter der Müllverschmutzung leiden.
"Es muss auf jeden Fall etwas getan werden"
Für die Tourismusbranche ist der angespülte Müll ein Kostenfaktor. "Mit Beginn der Saison setzen wir unser Strandreinigungsgerät ein", erklärt Marketingleiter Herbert Visser von der Insel Norderney. Hier werden die Strände kontinuierlich per Hand und mit dem Fahrzeug gereinigt. Übers Jahr gehe es "um Tonnen" Abfall, die Kosten für die Reinigung stellten "eine erhebliche finanzielle Belastung" dar.
Der Müll im Meer ist für den Meeresbiologen Thilo Maack von Greenpeace "nach wie vor ein riesengroßes Problem", das nicht adäquat angegangen wird. So müssten Schiffe weiterhin für die Müllentsorgung in den Häfen bezahlen. Das könne kein Anreiz für einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Problem sein: "Da muss auf jeden Fall etwas getan werden." Erste Schritte für eine Lösung wären Maack zufolge neben der Möglichkeit der kostenfreien Müllentsorgung eine Reduzierung der Verpackungsmaterialien sowie härtere Strafen für Müllsünder. Aus seiner Sicht könnte sich ein Verbot von Plastiktüten als wirksam erweisen. Es liege aber auch an jedem, weniger Müll zu produzieren.

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