Landflucht : Wenn Dörfer langsam verfallen

Eines von 20 leerstehenden Häusern im Dorf: Bergenhusens Bürgermeister Helmut Mumm steht ratlos davor. Foto:  Knäpper
Eines von 20 leerstehenden Häusern im Dorf: Bergenhusens Bürgermeister Helmut Mumm steht ratlos davor. Foto: Knäpper

Vergreisung und Verödung: In vielen ländlichen Gebieten werden Häuser zu Grundstückhütern. Junge Leute wandern in die Stadt ab - und die Infrastruktur wird immer schwächer.

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06. April 2012, 10:20 Uhr

Bergenhusen/Kiel | Ein Gespenst geht um zwischen Nord- und Ostsee, das Gespenst der Verödung der ländlichen Räume. Helmut Mumm weiß ein Klagelied davon zu singen. Ehrenamtlicher Bürgermeister der 690-Einwohner-Gemeinde Bergenhusen ist der 64-Jährige. Seit fast drei Jahrzehnten macht er diesen Job, doch langsam wird ihm angst und bange um die Zukunft seines Dorfes im Kreis Schleswig-Flensburg.
60 Einwohner sind ihm in den vergangenen Jahren abhanden gekommen. Und der Trend, so fürchtet Mumm, könnte anhalten. Bergenhusen bekommt graue Haare. Jeder Vierte ist älter als 60 Jahre.
Schülerzahlen sinken
Zwar existiert in Bergenhusen noch ein Kindergarten, es gibt sogar einen Kaufmann, ein Bistro und seit vier Monaten ist die Gaststätte wieder geöffnet. Die Grundschule des Dorfes aber steht längst auf der Kippe. Mindestens 80 Schüler sollte die nach den Vorgaben des Landes haben, knapp 60 sind es - noch. Landesweit wird die Schülerzahl bis zum Jahr 2020 um fast 60.000 sinken. Junge Leute ziehen kaum mehr nach Bergenhusen, weiß der Bürgermeister. Die suchen lieber Wohnraum dort, wo sie Arbeit haben - in den Städten. Das spart angesichts der hohen Spritpreise Geld und Zeit.
Ähnliche Beobachtungen hat auch Jürgen Stöben gemacht. Wer in diesen Tagen übers Land fahre, schildert der Kieler Immobilienmakler, der sehe an Häusern allenthalben Schilder mit der Aufschrift "zu verkaufen". Wenn der Öffentliche Personennahverkehr dann "eher bescheiden" getaktet sei, verstärke das die Probleme, solche Immobilien am Markt unterzubringen.
"Verspargelung der Landschaft"
Standorte an der Westküste litten zudem zunehmend an der "Verspargelung der Landschaft". Ein Haus mit Ausblick auf einen Windpark, dessen Rotoren ständig drehen - das sei wenig attraktiv für Interessenten.
Tatsächlich erleben die Städte, so scheint es, ihre Renaissance. Anfang März schlug die deutsche Wohnungswirtschaft Alarm. Ohne Neubauprojekte drohe bald in weiten Teilen Deutschlands eine neue Wohnungsnot. Im Hamburger Umland ist der Mangel längst sichtbar, genauso wie in Kiel, Flensburg, Lübeck oder Plön.
Mehr Single-Haushalte
Die Zahl der Geburten sinkt, die der Single-Haushalte wächst. Experten gehen davon aus, dass zu den 1,4 Millionen Haushalten in Schleswig-Holstein in den nächsten fünf Jahren noch fast 53.000 hinzukommen werden. Dann wäre auch der ländliche Raum von Wohnungsnot betroffen.
Doch Innenminister Klaus Schlie (CDU) bezweifelt die Daten ebenso wie Bergenhusens Bürgermeister Mumm. Dort stellt sich das Problem ganz anders. 20 Häuser stehen aktuell leer, sieben stehen zum Verkauf. Aber die Immobilien sind Ladenhüter. Interessenten gibt es kaum, zumal das "Storchendorf" weitab von schnellen Straßen liegt. Nur vereinzelt kämen gebürtige Bergenhusener, die nach Jahren zurückkommen an den Ort ihrer Kindheit.
Weniger Einwohner - weniger Geld
Bergenhusen, das zum Amt Kropp-Stapelholm gehört, sei kein Einzelfall, berichtet Mumm mit Blick auf manche Nachbargemeinde. Als das Amt 2008 aus 15 Kommunen gebildet wurde, ergänzt der Leiter der Amtsverwaltung, Reinhard Müller, lebten hier zusammen noch mehr als 17.000 Einwohner. Heute sei deren Zahl auf weniger als 16.800 gesunken. Tendenz: weiter fallend, weil die Geburtenrate weiter sinkt.
Die Folgen sind auch in Gemeinde kassen ablesbar. Weniger Einwohner, das heißt weniger Geld für Bergenhusens 700.000-Euro-Gemeindeetat aus dem kommunalen Finanzausgleich, das bedeutet geringere Einnahmen aus Gebühren für Wasser und Abwasser.
Sportverein dünnt aus
Nicht allein finanziell droht in dem Dorf, dass für seine Störche über die Landesgrenzen hinaus bekannt ist, ein Aderlass. Kürzlich, erzählt Mumm, habe der örtliche Sportverein seine Mitgliederversammlung gehabt. Den Vorstand zu besetzen, junge Leute fürs Ehrenamt zu begeistern, "das wird immer schwieriger". Und das "Ende der Fahnenstange haben wird noch lange nicht erreicht", schwant es dem Bürgermeister. Es sei denn, "es wird gegengesteuert".
Fragt sich nur wie. Kürzlich war Jost de Jager in Bergenhusen und hörte den Kummer des Bürgermeisters. Ganz neu war dem Wirtschaftsminister und CDU-Spitzenmann das alles nicht. Doch so drastisch hatte de Jager die Probleme des demografischen Wandels auf dem Lande nie zuvor gehört. Mit einem Programm "Jung kauft Alt" will de Jager nun gegensteuern. Das soll, unterlegt mit Geldern aus dem Städtebauförderungsprogramm und dem "Zukunftsprogramm", Familien beim Kauf eines alten Hauses auf dem Land unterstützen.
Ob das funktioniert, ist offen. Beim Gemeindetag wissen sie, dass die Bausubstanz nicht selten aus den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts stammt. "Das passt nicht mehr zu den Bedürfnissen junger Familien", glaubt Geschäftsführer Jörg Bülow, der stattdessen eine Radikallösung empfiehlt. "Umbau West" nennt Bülow die: Häuser, die keine Abnehmer mehr finden, werden abgerissen, neue Gebäude entstehen - aus den Ruinen, deren Badezimmer einst mausgraue Fliesen zierten.

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