Menschen mit Behinderungen : Wenn die Pflege zum Kraftakt wird

Harte körperliche Arbeit: Tom (25) wird aus dem Rollstuhl gehoben - Pfleger Dieter Kirchhoff (48) packt mit an.  Foto: Ruff
Harte körperliche Arbeit: Tom (25) wird aus dem Rollstuhl gehoben - Pfleger Dieter Kirchhoff (48) packt mit an. Foto: Ruff

11.000 Menschen mit Behinderung aus Schleswig-Holstein werden in anerkannten Werkstätten beschäftigt und betreut. Ihre Pfleger und Therapeuten gehen in ein ungewisses Jahr 2009. Sie fürchten um angemessenen Lohn für ihre harte Arbeit.

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04. Januar 2009, 03:22 Uhr

Fockbek | Sören lacht. Er schmiegt sein Gesicht an den Arm der Therapeutin. Neben ihm liegen Puppen, jede steht für eine Pflegerin oder einen Pfleger. Wenn sein Tag in Fockbek bei Rendsburg vorüber ist, nimmt er alle Plüschfiguren mit nach Hause, auch das beruhigt. Aus den Lautsprechern klingen Kinderlieder, sie hört Sören am liebsten. Das Wasserbett unter ihm schaukelt sachte. Der Arm neben dem schwerbehinderten und autistischen Mann gehört Anja Knablowski. Ruhige Momente wie mit Sören, der im "Snoezelen"-Therapieraum zur Sanftmut findet, sind für die 32-Jährige selten. Die Ergotherapeutin arbeitet seit fünf Jahren in der Tagesförderstätte der Werkstätten Rendsburg-Fockbek. In der Einrichtung werden 13 mehrfach behinderte Menschen betreut. Träger ist die Norddeutsche Gesellschaft für Diakonie.
Die andere Seite ihres Berufs kann für Anja Knablowski nicht nur laut, sondern buchstäblich brutal sein. Betreute schlagen um sich, treten gegen das Schienbein, verteilen "Kopfnüsse" oder verletzen sich selbst, um sich zu spüren. "Das ist nicht beabsichtigt, es sind Reflexe", sagt die Therapeutin. "Die Behinderten können nichts dagegen tun, deshalb sind sie ja hier."
Toilettengänge müssen begleitet und geübt werden
Selbst Routine-Aufgaben kosten Kraft: Zwei Drittel der Menschen mit schwerer Behinderung können nicht gehen. Das Herausheben aus dem Rollstuhl oder Umlagern im Bett ist täglich mehrmals erforderlich. Folge: Das Personal leidet häufig unter Rückenschmerzen. "Die Öffentlichkeit ist darüber wenig informiert, sowohl über die Größenordnung dieser Sparte sozialer Arbeit als auch über die Belastungen für die Mitarbeitenden", sagt Diakonie-Sprecher Michael van Bürk.
Anja Knablowski und ihr Kollege, der Pfleger Dieter Kirchhoff (48), können das nur bestätigen. Sie erleben jeden Tag, was es heißt, mit Menschen zu arbeiten, bei denen das Unnormale normal ist. Toilettengänge müssen begleitet und geübt werden, Windeln gewechselt werden, der Umgang mit Fäkalien gehört dazu.
Das alles erledigt Dieter Kirchhoff mit der größtmöglichen Sorgfalt. "Jeder hier will und muss als Individuum angenommen und wahrgenommen werden", sagt er. "Ich bekomme dafür Liebe zurück. Ich weiß nicht, ob ich ihn gut gepflegt habe, aber wenn er mich anlächelt, denke ich: Mensch, heute war ein schöner Tag."
"Was sind Menschen mit Behinderung der Gesellschaft wert?"
Diese Momente machen auch für Anja Knablowski den Reiz ihres Berufs aus: "Wir freuen uns über kleinste Fortschritte. Er hat von seinem Brot abgebissen. Vor zwei Wochen wusste er nicht mal, dass er das Brot in die Hand nehmen konnte."
Beide möchten angemessen bezahlt werden, scheuen sich aber, mehr Lohn zu verlangen, um nicht Kollegen oder andere Berufsgruppen mit einer ähnlich großen Belastung gegen sich aufzubringen. Sie fordern eine deutliche Erhöhung der Pflegesätze, aus denen sich Einrichtungen wie in Fockbek finanzieren. "Letztlich geht es darum: Was sind Menschen mit Behinderung der Gesellschaft wert?", sagt Kirchhoff und fragt sarkastisch: "Sind sie der Abfall der Gesellschaft?"
Jeder könne durch Unfall oder Krankheit plötzlich selber pflegebedürftig werden, sagt der 48-Jährige. Da wird Kirchhoff gerufen. Ein Mann im Zimmer nebenan hat sich die Hand aufgekratzt und muss verarztet werden. Ein ganz normaler Notfall.

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