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Training mit Mary Ann Simonds : Wenn das Pferd plötzlich etwas zu sagen hat

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Mary Ann Simonds spricht mit Pferden. Kann das jeder lernen? Ein Selbstversuch beim Training in Rendsburg.

Das fängt ja gut an: Ich bin für einen Sonnabend viel zu früh aufgestanden, viel zu weit gefahren und habe bereits eine zu große Meinungsverschiedenheit mit meinem Pferd. Chivas steht in der falschen Box – und will nicht wieder raus. Ich kann verstehen, dass er streikt: Er ist in einem fremden Stall, und muss eine etwa 30 Zentimeter hohe Stufe herunter, um die Box zu verlassen. Er kennt das nicht, zu Hause ist alles ebenerdig. Außerdem ist er beim ersten Versuch – da war er noch kooperativ und ein wenig unbedarft – prompt gescheitert und abgerutscht. Wir Menschen brauchen jetzt Geduld. Doch die Rampe, die wir vor die Box geschoben haben, bleibt ihm suspekt. Kaum ist ein Huf drauf, geht es drei Schritte zurück. Tief durchatmen, gelassen bleiben und ihm vormachen, wie es geht – unzählige Male gehe ich die Rampe vor seiner Nase hoch und runter, ihm stets anbietend, ihn mitzunehmen. „Das wäre doch jetzt der perfekte Einstieg für Mary Ann“, denken meine Helfer und ich. Doch wenn man mal einen Pferdeflüsterer braucht, ist er nicht da.

Die US-Amerikanerin wird in den kommenden zwei Tagen auf dem Hof im Kreis Rendsburg-Eckernförde den Menschen die Sprache der Pferde näherbringen. Und ein besseres Anschauungsobjekt als meinen neunjährigen Wallach in genau dieser Situation gibt es ja fast nicht. Dann plötzlich – als würde ihm unser Getue auf die Nerven gehen, marschiert Chivas los und setzt ganz unspektakulär, beinahe selbstverständlich, einen Fuß vor den anderen, bis er auf der Stallgasse steht. In meine Erleichterung mischt sich ein kurzer Funken Ärger: „War klar“, denke ich. „Er wusste wieder genau, was er tut.“ Das unterstelle ich meinem Pferd relativ häufig. Seine Körpersprache verrät es mir: Unsicherheit ja, aber keine Spur von Panik in den Augen, eher die Frage: Muss das wirklich sein? Doch mit dem Ergebnis kann ich leben – er ist schließlich über seinen Schatten gesprungen.

Mary Ann Simonds möchte an diesem Wochenende acht Pferd-Mensch-Paaren das Rüstzeug mitgeben, Situationen wie diese lösen zu können. Die Wildtierbiologin und Verhaltensforscherin arbeitet seit über 30 Jahren mit wilden Mustangs, seit Jahren auch mit domestizierten Pferden – und vor allem ihren Besitzern. Sie spricht die Sprache der Pferde ganz selbstverständlich, kann die Tiere nicht nur lesen, sondern ihnen auch etwas mitteilen – durch Berührungen oder auch kleinste Zeichen in ihrer Körpersprache. Damit das reibungslos funktioniert, muss der Mensch aber erst einmal verstehen, wie ein Pferd denkt, fühlt und wie es lernt. Mary Ann betont an diesem Wochenende immer wieder, dass es in der Regel nicht das Pferd ist, das lernen muss und mit dem sie arbeitet, sondern die Besitzer.

So richtet sich auch die erste Übung direkt an uns Menschen: Wir treffen uns ohne Pferde unter dem großen Baum auf dem kopfsteingepflasterten Hof und sollen die Augen schließen, um unsere Umgebung wahrzunehmen. „Wie viele Vögel habt ihr gehört?“, fragt Mary Ann, nachdem wir ein wenig gelauscht haben. Zögerlich kommen die Antworten, ganz einig sind wir uns nicht. „Vier“, löst sie auf. Jetzt sollen wir riechen. Diese Übung soll uns zeigen, wie viel stärker Pferde ihre Sinne nutzen, und wie sie die Welt um sich herum wahrnehmen. Das können wir dann gleich anwenden: Wir sollen Pferd spielen, uns in Zweiergruppen zusammentun und kennenlernen – auf Pferdisch. Ein bisschen doof komme ich mir schon vor, als ich so schnüffelnd, beäugend und den Körper zu- und abwendend um meine Übungspartnerin Susanne herumschleiche. Aber ich bin ein neugieriges Pferd, will ihr ,Hallo’ sagen. So albern ich mir vorkomme – automatisch nutze ich die Sinne, die Pferde nutzen, um das Gegenüber einzuschätzen, verbale Sprache steht ihnen eben nur begrenzt zur Verfügung.

Bei der Vorstellung unserer Pferde in der Reithalle wird deutlich, dass Pferd und Besitzer sich mit der Zeit ähnlich werden. Chivas’ Augen werden groß, als er die anderen Pferde sieht. Er will sie alle kennenlernen, saugt die neuen Gerüche ein und versucht, sich Schritt für Schritt an seinen Nachbarn heranzupirschen – so wie ich vorhin. Da aber hat er die Rechnung ohne mich gemacht. Ich bestehe darauf, dass er bei mir bleibt – aus Gründen der Höflichkeit, und sicherer für alle Beteiligten ist es auch. Mary Ann setzt noch einen drauf: Nicht nur soll mein Pferd nicht einfach losmarschieren, wenn ich am anderen Ende des Stricks hänge, es soll sogar auf der Stelle stehen bleiben, auf der ich ihn geparkt habe. Das zeigt dem tierischen Freund nicht nur, dass ich das Sagen habe, es gibt ihm auch ein Gefühl von Sicherheit – ein zentraler Punkt in der Pferd-Mensch-Beziehung, sagt Mary Ann. Auch dies wird unsere Lehrerin an diesem Wochenende immer wieder betonen.

Also schiebe ich ihn immer wieder auf seinen Platz zurück, sanft, ruhig, aber konsequent. Und ich soll ihn belohnen, wenn er es macht – dafür berühre ich ihn mit dem Handrücken an der Nase („Nosebump“) und kraule ihn am Widerrist. Diese Stelle verbindet das Pferd mit Geborgenheit und Wohlempfinden, auch in freier Wildbahn zeigen sich die Tiere Zuneigung und bauen Vertrauen auf, indem sie sich hier gegenseitig mit den Zähnen kraulen und massieren. Das können wir uns zunutze machen. Auch wenn die Vorstellungsrunde im ersten Moment nicht nach viel Kommunikation oder einer sinnvollen Aufgabe aussieht – es zeigt uns und unseren Pferden ganz deutlich, woran wir sind.

Woran wir bei Chivas sind, zeigt er auf dem Paddock: Bestimmt gehen Mary Ann und ich auf ihn zu – wir wollen den Platz einnehmen, auf dem er grast, er muss weichen. Und das tut er – aus dem Nichts prescht er los, buckelt und quiekt vor Freude. Er spielt das Spiel mit, aber zu seinen Konditionen. Statt mich vorgeführt zu fühlen ob des unkontrolliert durch die Gegend tobenden Pferdes, freue ich mich darüber – ein fröhliches Pferd ist ein motiviertes Pferd. Außerdem schenkt er uns genug Beachtung und Respekt, um anzuerkennen, dass sein Platz jetzt uns gehört. Übung erfolgreich gemeistert.

Mit Spaß dabei: Wallach Chiva macht aus der Übung ein Spiel.
Mit Spaß dabei: Wallach Chiva macht aus der Übung ein Spiel. Foto: Westphal

Damit Chivas auch an Tag zwei nicht nur kooperativ, sondern auch fröhlich und motiviert ist, beschließe ich, ihm die einstündige Fahrt nach Hause zu ersparen. Mit seinem neuen Kumpel, dem Wallach Eisenherz, den er mit seiner Toberei reichlich beeindruckt hatte, darf er eine Nacht auf der Koppel verbringen. Ich fahre allein in Richtung Norden.

Während ich nicht so gut geschlafen habe – ich lasse mein Pferd ungern in einer fremden Umgebung allein, gefühlt zu weit weg von meinem menschlichen Einfluss – treffe ich auf zwei sorglose und sehr ausgeglichene neue beste Freunde. Chivas und Eisenherz scheinen die Nacht unter freiem Himmel gut überstanden zu haben. Klar – warum auch nicht? Reine Menschensorgen.

Auch der zweite Tag beginnt damit, dass wir uns erst einmal in unsere Pferde hineinfühlen – nicht andersherum: Durchatmen, Augen schließen und – nochmal – ganz tief atmen, den eigenen Körper fühlen, die Gerüche und Geräusche um uns herum wahrnehmen. Es ist eine Form der Meditation. Für mich ist das immer noch schwer. Mit geschlossenen Augen fällt es mir zwar leichter zu fokussieren, doch die Aufgaben, die zu Hause auf mich warten (ich gehe die Einkaufsliste durch und rufe mir in Erinnerung, wie dringend ich Wäsche waschen muss) sind noch zu präsent. Mein Pferd braucht diese Übung nicht – es ist bereits im Hier und Jetzt. Zu meiner Verteidigung: Er hat auch keine Aufgaben zu erledigen, die irgendeiner Planung bedürfen.

Und noch eine wichtige Erkenntnis: Seine Wertschätzung mir gegenüber hängt nicht daran, ob sein Sattelzeug sauber ist. Ich muss sie mir anders verdienen. Indem ich ihn beschütze vor den Gefahren, die in unserer Welt lauern, weiß Mary Ann. Ich bin mir ziemlich sicher – seiner Meinung nach sind das ganz schön viele. Feuerspeiende Drachen zum Beispiel, die hinter Mülltonnen lauern und vorbeikommende Pferde fressen. Und da komme ich ins Spiel. Ich muss dem Angsthasen im Pferdekostüm sagen: Ja, ich sehe, was du meinst – Nosebump. Es ist aber nicht so schlimm, wie du denkst – Kraulen am Widerrist. „Wenn ihr euren Pferden das Gefühl geben könnt, dass sie bei euch sicher sind, werden sie sich immer für euch entscheiden“, sagt Mary Ann.

Es geht auch um die eigene Körperhaltung, das eigene Selbstbewusstsein, genauso wie darum, dass man seinem Pferd Grenzen aufzeigt – eben um Eigenschaften, die ein guter Herdenführer besitzt. Dass Pferde nun mal Fluchttiere sind, wird die Mensch-Pferd-Beziehung immer beeinflussen. Und noch ein wichtiger Satz: „Ihr werdet den Charakter eures Pferdes nicht ändern können“, betont Mary Ann immer wieder. Doch wenn ein Pferd die Frage nach dem sichersten Ort unter der Sonne mit „bei meinem Besitzer“ beantwortet, dann hätten wir viel richtig gemacht. „Sei das beste Pferd im Stall, und jedes Pferd möchte bei dir sein“, bringt sie es auf den Punkt.

Nachdem wir uns heruntergefahren haben, geht es frisch ans Werk: Wir sollen fühlen, was unser Pferd fühlt, welcher Stimmung es ist und ob es irgendwelche Probleme oder gar Schmerzen hat. Außerdem können wir ausprobieren, wie unsere Energie sich auf das Pferd auswirkt. Dadurch, dass wir unsere Absichten ändern, können wir das Pferd steuern, seine Aufmerksamkeit gewinnen, es anlocken oder wegschicken.

Chiva, Mary Ann und Redakteurin Anja Christiansen.
Chiva, Mary Ann und Redakteurin Anja Christiansen. Foto: Laura Westphal
 

Beim Pferd angekommen bin ich reichlich planlos. Während auf den Nachbarkoppeln Pferde ihre Besitzer beschnuppern, ihnen auf Schritt und Tritt folgen oder vor ihnen weichen, wenn die Menschen das fordern, stehe ich da und betrachte den genüsslich fressenden Chivas. Das ist für mich meditativ. Ich fahre runter und vergesse jegliche Planung, das Hätte, Wenn und Aber. Ich habe nicht die Absicht, mein Pferd aus dieser Ruhe zu bringen, hin- und herschicken möchte ich ihn gar nicht. Er fühlt sich wohl und ist topfit, das sagen mir seine entspannte Körperhaltung und seine gelassen dreinblickenden Augen. Er bekommt alles um sich herum mit und nimmt neben all den Eindrücken auch mich zur Kenntnis. Eigentlich bin ich fertig mit der Übung. Mein Pferd ist zufrieden, dann bin ich es auch. Die anderen marschieren noch immer über die Koppel. Ich bin irritiert. Habe ich etwas falsch gemacht? Es gibt kein richtig oder falsch, sagt Mary Ann später. Wir scheinen schon eine Verbindung zu haben.

Am Ende des Tages gehen die Teilnehmer mit einem guten Gefühl – und der Absicht, das Gelernte zu vertiefen. Und ich freue mich über mein Pferd, das nach einem langen und aufregenden Wochenende vertrauensvoll ganz allein in den Anhänger marschiert. Diese Rampe ist akzeptabel, er kennt sie, über sie kommt er in den Anhänger – und der bringt ihn sicher nach Hause.

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