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Senioren im Strassenverkehr : Wenn das Autofahren zur Gefahr wird

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Die Zahl der Unfälle, die Senioren in Schleswig-Holstein verschulden, steigt seit Jahren an. Immer mehr alten Menschen wird die Fahrerlaubnis zwangsweise entzogen – die Ämter setzen auf Freiwilligkeit.

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erstellt am 05.Apr.2014 | 17:45 Uhr

Rendsburg/Itzehoe | Die Zahlen gehen nach oben. „Wir verzeichnen einen deutlichen Anstieg bei Meldungen über ältere Verkehrsteilnehmer, die nicht mehr in der Lage sind, sicher Auto zu fahren“, sagt Roland Mnilk, Leiter der Führerscheinstelle des Kreises Steinburg. In Flensburg hat sich die Zahl der Senioren, die ihre Fahrerlaubnis freiwillig oder unfreiwillig abgegeben haben, verdoppelt – wenn auch auf niedrigerem Niveau. „Rund zwei Fälle pro Monat haben wir“, sagt Stadtsprecher Clemens Teschendorf. Und auch im Kreis Rendsburg-Eckernförde werden laut dem Leiter der Verkehrsaufsicht, Günter Wischnewski, jährlich rund 20 Führerscheine eingezogen.

Meist meldet die Polizei den Ämtern, wenn Autofahrer durch kleinere Unfälle oder unsichere Fahrweise auffallen – unabhängig vom Alter. Aber erst wenn die Führerscheinstellen davon Wind bekommen, müssen Senioren möglicherweise ihren Führerschein abgeben. Das passiert in Schleswig-Holstein über 100 Mal im Jahr. Allerdings gibt es nach wie vor keinen verbindlichen Gesundheitstest für Autofahrer. Wer einmal den Führerschein hat und nicht auffällig wird, kann ihn in der Regel ein Leben lang behalten.

Anders in anderen Ländern: Wer in der Schweiz über 70 Jahre alt ist, muss alle zwei Jahre seine Fahrtüchtigkeit neu unter Beweis stellen. In Frankreich müssen Autofahrer ab 60 Jahren alle zwei Jahre zu einem Arzt, ab dem 76. Lebensjahr müssen sie sogar jährlich die Verlängerung des Führerscheins beantragen.

Die Zahl der Unfälle, die Senioren in Schleswig-Holstein verschulden, steigt seit Jahren an. 2013 krachte es deswegen genau 2775 Mal auf den Straßen im Norden – ein Zuwachs von über vier Prozent gegenüber dem Vorjahr. Senioren sind nach der Gruppe der jungen Fahrer diejenigen Autofahrer, die am meisten Unfälle verursachen. Jeder vierte Verkehrstote in Schleswig-Holstein starb 2013 bei einem durch Senioren verursachten Unfall. 2002 nutzten rund 16 Prozent der über 75-Jährigen fast täglich ihr Auto, Ende des Jahrzehnts waren es schon 22 Prozent. Dabei nutzen nur die Wenigsten die Möglichkeit, freiwilliger Gesundheitschecks.

Auch Ärzte, Nachbarn oder Verwandte können Fahrer melden, die nicht mehr sicher unterwegs sind. Die Führerscheinstellen haben damit auch schon schlechte Erfahrungen gemacht, weil Ältere denunziert wurden, die sehr wohl noch gut Auto fahren konnten. Wenn aber die Behörden erst einmal den „begründeten Verdacht haben, dass jemand nicht mehr sicher Auto fährt, müssen wir dem nachgehen“, sagt Clemens Teschendorf. Dann würden die Betroffenen angeschrieben und zu einem Gespräch eingeladen. In etwa der Hälfte der Fälle sei der Verdacht schnell ausgeräumt, sagt Günter Wischnewski. Bleibe der Verdacht auf Fahruntüchtigkeit, „versuchen wir, die Menschen zu einem freiwilligen Verzicht zu nötigen, auch weil ihnen im folgenden Verfahren Kosten drohen, die leicht ein paar Hundert Euro betragen können“, sagt Wischnewski. Gelingt das nicht, muss der Senior zu einem Amtsarzt, der den Entzug der Fahrerlaubnis, eine Fahrprüfung oder eine medizinisch-psychologische Untersuchung anordnen kann. Es werde immer individuell entschieden, sagt Roland Mnilk. Dennoch sei die Zahl derjenigen, die freiwillig den Führerschein abgeben, sehr viel geringer als die derjenigen, die ihn zwangsweise verlieren.

Manche Kommunen haben darauf bereits reagiert. So gab es im Kreis Rendsburg-Eckernförde als „Ausgleich“ für den Führerschein vor Jahren ein kostenloses Ticket für den Nahverkehr. „Das hat sich hier aber nicht durchgesetzt“, sagt Wischnewski. Anders in Neumünster, wo es das seit Jahren gibt – mit steigender Nachfrage. Im vergangenen Jahr gaben hier 76 Senioren freiwillig ihre Fahrerlaubnis ab und fahren jetzt ein Jahr lang kostenlos Bus. In keiner anderen Region in Schleswig-Holstein ist die Zahl der von Senioren verschuldeten Unfälle so sehr gesunken wie in Neumünster.

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