Badeunfälle : Wenn Badespaß zum tödlichen Vergnügen wird

Lebensretter im Einsatz: Mit Booten wird  am Ostseestrand von Sehlendorf nach  Vermissten gesucht.
Lebensretter im Einsatz: Mit Booten wird am Ostseestrand von Sehlendorf nach Vermissten gesucht.

Die Zahl der Badeunfälle mit Todesopfern hat deutlich zugenommen. Selbstüberschätzung und Leichtsinn sind Hauptgründe – aber laut einer aktuellen Versicherungsstudie auch mangelndes Wissen über Gefahren.

Avatar_shz von
13. Juli 2014, 13:01 Uhr

Eckernförde | Die Serie von Badeunfällen in der Ostsee reißt nicht ab. Vor Dahme starb eine Frau, wenig später kamen Retter vor Scharbeutz gerade noch rechtzeitig. Erst am Mittwoch starben am Sehlendorfer Strand in der Hohwachter Bucht sowohl ein in Not geratener Schwimmer als auch ein Polizist, der zu dessen Rettung ins Wasser gesprungen war. Insgesamt 446 Menschen sind laut Statistik der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) allein im vergangenen Jahr in deutschen Gewässern und Schwimmbädern ertrunken, deutlich mehr als im Jahr 2012 (383). Eine Auffälligkeit hierbei: Der Anstieg bei den ertrunkenen Kindern und Jugendlichen von 18 auf 34. Einen Grund dafür sieht Thies Wolfhagen, Landesgeschäftsführer der DLRG, im schulischen Bereich. „Es gibt überall immer mehr Engpässe bei den Lehrkräften, es stehen weniger Stunden zur Verfügung. Und Schwimmen ist doch im Sportunterricht eher ein ,nice to have’ und wird oft eingespart“, so Wolfhagen. Problematisch sei auch die zunehmende Tendenz der Kommunen, aus finanziellen Gründen Schwimmhallen zu schließen. „Oder sie werden umgebaut zu Spaßbädern, in denen oftmals keine Schwimmausbildung mehr möglich ist oder die Trainingszeiten außerhalb der Hochbetriebszeiten extrem ungünstig liegen.“

Die Eltern müssten sich daher dringend um eine Schwimmausbildung ihrer Kinder kümmern. „Das ist heute aber gerade in sozial schwachen Familien ein Geldproblem. Besonders dort lernen immer weniger Kinder Schwimmen“, weiß Wolfhagen.

Laut einer aktuellen Studie der Kölner Axa-Versicherung können in Deutschland Kinder im Durchschnitt erst mit fünfeinhalb Jahren schwimmen. 18 Prozent sind sogar schon sieben Jahre oder älter. Nur ein Viertel der Kinder lernt das Schwimmen von den Eltern, zwei Drittel im Schwimmkurs. Acht Prozent aller befragten Eltern berichten in der Studie, dass sie ihr Kind schon einmal aus einer gefährlichen Situation im oder am Wasser retten mussten. Aber 47 Prozent der Umfrageteilnehmer wissen nicht, dass ein Kind im Alter unter drei Jahren schon ab einer Wassertiefe von fünf Zentimetern ertrinken kann, weil ihm im Fall, dass sein Gesicht unter Wasser gerät, die Fähigkeit zur Selbstrettung noch fehlt.

Alarmierend ist auch das der Studie zu entnehmende Vertrauen der Eltern in sogenannte Schwimmhilfen für kleine Kinder. Eine Schwimmweste halten 64 Prozent für sicher, Schwimmflügel 56 Prozent. Und 60 Prozent aller Teilnehmer glauben daran, dass man die Notlage ertrinkender Kinder ohnehin eindeutig erkennt. „Das stimmt nicht. Kinder gehen meistens unter ohne einen einzigen Laut“, erklärt Thies Wolfhagen. „Oftmals können sie die Gefahr gar nicht einordnen, und wenn sie erst einmal Wasser geschluckt haben, können sie sich nicht mehr bemerkbar machen.“ Auch die Schwimmhilfen böten allgemein keine ausreichende Sicherheit, abgesehen von speziellen Schwimmwesten mit einem großen Kragen als Ohnmachtsschutz, der den Kopf im Unglücksfall über Wasser drückt. „Aber dennoch gilt: ein Kind muss am und im Wasser ständig unter Beobachtung aus unmittelbarer Nähe sein.“

Eine weitere Auffälligkeit der DLRG-Statistik – 80 Prozent aller in Deutschland ertrunkenen Personen sind männlichen Geschlechts. „Jungs sind allgemein abenteuerlustiger und risikobereiter als Mädchen, neigen eher zu Leichtsinn und überschätzen ihre körperlichen Fähigkeiten“, so Wolfhagen. Letzteres gilt allerdings auch für Menschen ab 50 Jahren, die in der DLRG-Statistik allein die Hälfte aller Badetoten ausmachten. Typisch seien ältere Herren, die von der Strömung abgetrieben werden und entkräftet einen Kreislaufkollaps bekommen. „Gerade die Männer wollen sich keine Blöße geben, kämpfen bis zur Erschöpfung und rufen zu spät um Hilfe.“ Bei dem aktuellen Unglücksfall in der Hohwachter Bucht war es ebenfalls ein 60-Jähriger, der die Badebedingungen offenbar falsch eingeschätzt hatte. „Das war aber insgesamt eine Verkettung von sehr unglücklichen Umständen, so einen tragischen Unfall haben wir noch nie gehabt“, betont Thies Wolfhagen. Durch Windstärke 7 und auflandigen Wind sei es zu hohen Wellen gekommen, die am Ufer eine starke Unterströmung ins Meer erzeugten, gegen die kaum anzukommen sei. „Selbst trainierte Kräfte fahren bei diesen Bedingungen nur mit dem Boot raus.“ Aus akutem Mangel sei allerdings am Unglückstag kein DLRG-Personal zum Schutz vor Ort gewesen, eine rote Flagge habe deshalb ebenfalls nicht die Badegäste warnen können, professionelle Rettung kam zu spät.

Besonders tragisch ist der Tod des 49-jährigen Polizisten, der nur helfen wollte. Wolfhagen rät deshalb im Notfall zu abgestimmten Aktionen: „Wenn ein Mensch zu ertrinken droht, unbedingt zuerst einen Notruf über 112 absetzen, immer mit mehreren Leuten zusammen ins Wasser gehen und sich gegenseitig sichern, nach Möglichkeit Schwimmkörper wie einen Rettungsring mitnehmen und weitere Posten am Strand zur Beobachtung des Geschehens und Anleitung der eintreffenden Rettungskräfte abstellen.“

Auch im Angesicht der dramatischen Entwicklungen ließen sich Leichtsinnige am Sehlendorfer Strand nicht beeindrucken: „Kite-Surfer sind während des Rettungseinsatzes unter dem Hubschrauber umher gefahren“, berichtet Wolfhagen. Als eingetroffene Rettungsschwimmer schließlich das rote Signal gehisst und damit begonnen hätten, die Leute aus dem Wasser zu holen, hätten sich viele geweigert. „So viel zur Unvernunft der Menschen.“

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen