Neue Unterrichtsformen : Weniger rechnen, mehr knobeln – Flensburger Professor will Mathe revolutionieren

Für viele Schüler ist Mathe ein Angstfach. Die Uni Flensburg geht in der Lehrerausbildung neue Wege.
Für viele Schüler ist Mathe ein Angstfach. Die Uni Flensburg geht in der Lehrerausbildung neue Wege.

Vom Hassfach zum Spaßfach? Hinrich Lorenzen von der Uni Flensburg plädiert für unterhaltsameren Unterricht – und holt Schüler auf den Campus.

shz.de von
13. Juni 2018, 11:38 Uhr

Flensburg | Weniger reines Rechnen, dafür mehr Zeit zum Denken und Analysieren im Unterricht: Dafür plädiert der Flensburger Mathematik- und Didaktikprofessor Hinrich Lorenzen. „Die Idee, mit interessanten Aufgaben Mathematik zu betreiben, müsste definitiv in den Schulunterricht einziehen“, sagte Lorenzen. „Das wäre sehr fruchtbar für den Unterricht.“

Der Flensburger Mathematikprofessor Hinrich Lorenzen. /Archiv
Der Flensburger Mathematikprofessor Hinrich Lorenzen. /Archiv
 

Auch Schleswig-Holsteins Wirtschafts- und Arbeitsminister Bernd Buchholz (FDP) hält es für erforderlich, den Mathematikunterricht an den Schulen attraktiver zu machen. Wenn das Land seinen Fachkräftemangel in den Griff bekommen wolle, müssten hier dringend Verbesserungen erreicht werden, sagte er. Hintergrund der Äußerungen ist die Tatsache, dass der Notendurchschnitt in Mathematik bei den diesjährigen Abschlussprüfungen deutlich gesunken ist. „Die klassischen Formen des Mathematikunterrichts, in dem ich eine Formel habe und etwas einsetze und rechne, spiegelt nicht die Mathematik wider wie sie sein könnte“, sagte Lorenzen. Dabei hätten viele Kinder Spaß, die freien Seiten der Mathematik kennenzulernen und weniger zu rechnen und mehr zu knobeln.

Uni Flensburg mit moderner Mathelehrerausbildung

Er forderte mehr Zeit für eine solche Art der Mathematik an Schulen – die Mathelehrerausbildung an der Uni Flensburg wurde entsprechend gestaltet. „Wir versuchen, mit reduziertem Stoff exemplarisch mathematische Problemlösungskompetenz zu entwickeln und zu stärken“, sagte Lorenzen. Auch die Didaktik komme nicht zu kurz. Das Ziel sei, ein vertieftes Verständnis von Mathematik zu erzeugen und eine sowohl fachlich als auch fachdidaktisch souveräne Lehrkraft auszubilden. „Denn das ist das alles Entscheidende, dass die Lehrkraft in den wenigen, entscheidenden Gegenständen des Schulunterrichtes wirklich sicher ist, um didaktisch wirken zu können.“

Ein anderer Ansatz, die Faszination des Faches Schülern näher zu bringen, sind Wettbewerbe wie die Mathematikolympiade. Seit 1999 betreut Lorenzen den Wettbewerb in Schleswig-Holstein. Jetzt ist er mit 13 Schülern von verschiedenen Schulen aus dem ganzen Bundesland zum Bundesfinale in Würzburg gefahren. Lorenzen hofft, dass die Form von Mathematik, die die Olympiade repräsentiere, ein Allgemeingut werde.

Schülerakademie für Mathefans

An der Flensburger Universität gibt es seit 2011 zudem die sogenannte Schülerakademie für mathebegeisterte Schüler ab der dritten Klasse. Sinn sei weder Begabtenförderung noch Nachhilfe, sagte der Leiter der Akademie, Michael Schmitz. Es sei vielmehr eine Art Breitenförderung ohne Druck. „Man muss keine Eins in Mathe haben, um mitzumachen.“

Auch die Flensburger Lehramtsstudenten profitierten von der Schülerakademie und Mathematikolympiade. Etwa indem sie die Kurse der Schülerakademie leiteten und Exkursionen mit den Schülergruppen machten. Oder bei den Olympiaden bei der Besprechung, der Präsentation und der Korrektur von Aufgaben helfen.

Mathe boomt in Flensburg

Die Art der Studiums zieht offensichtlich Studenten nach Flensburg. Nach Deutsch ist Mathe das beliebteste Fach bei der dortigen Lehrerausbildung. Im Herbstsemester 2017/18 haben 196 Studierende im ersten Fachsemester Mathematik gehabt. Insgesamt studieren zur Zeit im Bachelorstudiengang „Bildungswissenschaften“ und in den verschiedenen lehramtsbezogenen Masterstudiengängen 630 Studierende Mathematik in Flensburg. 63 Masterabsolventen gehen aktuell voraussichtlich ins Referendariat.

Doch obwohl die Zahlen ganz gut aussehen: Viele Jungen und Mädchen, die sich für Mathematik begeisterten und das Fach später studierten, entschieden sich nicht für den Lehrerberuf. „Die Schule ist für sie keine Perspektive, da sie weiterhin selbst aktiv Mathematik treiben wollen und glauben, dass man als Lehrer nicht mehr Mathematik in einem vitalen, kreativen Sinn treiben kann“, sagte Lorenzen. Das sei aber ein falscher Glaube, der auch aus dem Matheunterricht resultiere, den sie selbst erlebt haben. Er hoffe, dass sich dies nach und nach ändere und die neu ausgebildeten Lehrer das Bild des Matheunterrichts änderten.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen