Alter Schnee : Wem gehört die erste Foto-Flocke?

Der Beweis? Das Schneekristallfoto mit handschriftlichen Notizen des Schleswig-Holsteiners Johann Heinrich Flögel.  Foto: Dewanger
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Der Beweis? Das Schneekristallfoto mit handschriftlichen Notizen des Schleswig-Holsteiners Johann Heinrich Flögel. Foto: Dewanger

Was laut Geschichtsbuch einem Amerikaner erstmals im Jahr 1885 gelang, schaffte ein Schleswig-Holsteiner vermutlich schon sechs Jahre früher.

shz.de von
13. Februar 2010, 02:56 Uhr

Ahrensburg | Es waren die Schwarz-Weiß-Fotos der Schneekristalle, die ihm sofort ins Auge fielen. Als Jürgen Plage aus Ahrensburg (Kreis Stormarn) das sh:z-Journal (Ausgabe 6) durchblätterte, weckte der Artikel über Schnee sein Interesse. Dass 1885 Wilson Bentley ein Schneekristall unter einem Mikroskop fotografierte, ist zu lesen. Und dass der Amerikaner seither als der erste Mensch gilt, dem dieses Experiment gelungen ist. Die erste Foto-Flocke.

Womöglich aber müssen die Nachschlagewerke umgeschrieben werden. Womit der US-Staat Vermont eines Helden beraubt würde. Jürgen Plage ist im Besitz von Schneekristallaufnahmen, die aller Wahrscheinlichkeit nach bereits sechs Jahre früher entstanden sind. Der Fotograf ist ein Deutscher, ein Schleswig-Holsteiner: Dr. Johann Heinrich Flögel (1834-1918).
Trichinen, Milben, Schneekristalle

Doch der Reihe nach: 1975 kaufte der gebürtige Hamburger Jürgen Plage in Ahrensburg eine alte Stadtvilla aus der Gründerzeit, die sich einst Heinrich Flögel erbauen ließ. Bei Renovierungsarbeiten entdeckte der Elektromeister im ehemaligen Kohlenkeller eine schon feucht gewordene Pappschachtel mit 16 beschrifteten Fotografien. Plage hielt Mikroskopaufnahmen von Trichinen, Milben und auch von vier Schneekristallen in den Händen.

Einer Eingebung folgend, warf er die Unterlagen nicht mit all dem übrigen Kellergerümpel weg, sondern machte sich die Mühe, die Fotos zu trocknen und zwischen den Seiten eines dicken Buchs aufzubewahren.

Dort ruhten sie zehn Jahre, bis sich Plage erneut mit ihnen beschäftigte. Mittlerweile war der Erbauer der Stadtvilla für den Ahrensburger kein Unbekannter mehr. Über den "Historischen Arbeitskreis Ahrensburg" fand Plage heraus, dass Dr. Flögel eigentlich Jurist, daneben aber auch Naturwissenschaftler und Astronom war, bekannt für seine sorgfältige Arbeitsweise. Auch, dass er 1871 als geschätzter Botaniker und Zoologe an einer Expedition teilnahm und mit dem Dichter Detlev von Liliencron befreundet war, der ihn in zwei seiner Romane sogar erwähnte. Und dass heute noch verschiedene Institute Mikroskopaufnahmen und Zeichnungen des Wissenschaftlers in ihrem Bestand haben.
Werke datiert

Und dieser Heinrich Flögel kam also ebenfalls auf die Idee, Schneekristalle zu fotografieren. Er datierte seine Werke und machte sich Notizen. "2 Schneetafeln mit Blumencolorithartigen Strahlen, gefallen am 1. Februar 1879. Vergrößerung 46mal. Diese Tafeln fielen aus heiterem Himmel auf die ausgelegte Platte und waren so klein, dass sie mit bloßem Auge kaum gesehen werden konnten", schrieb Flögel in Sütterlinschrift, die sich Plage von seiner älteren Schwester entziffern lässt, unter die älteste Aufnahme. "Schneestern, gefallen am 13. Februar 1881, abends bei minus 5 Grad Reaumur. Aufgenommen bei Magnesiumbeleuchtung. Vergrößerung: 15mal", notierte er zwei Jahre später. Wie Flögels wertvolle Aufzeichnungen letztendlich Jahrzehnte später in den Kohlenkeller gelangten, ist unklar. Plage jedoch rahmte die Schwarz-Weiß-Fotos und wählte für sie ein hübsches Plätzchen im obersten Stockwerk seines Hauses aus.

Zurück zum Artikel, den Jürgen Plage im Journal las. Von Amerikas Helden "Snowflake" Bentley hat er vorher nie etwas gehört. Dass dessen 1885 aufgenommenen Fotos von Schneeflocken als die ältesten der Welt gefeiert werden, wusste er bis dato ebenfalls nicht. Der Ahrensburger stieg in das oberste Stockwerk, um sich seinen Fund noch einmal anzuschauen. Dort blieb sein Blick auf den beiden Jahreszahlen hängen: 1879 und 1881. Jürgen Plage zögerte nicht lange und rief in der Redaktion an - darum bemüht, Dr. Heinrich Flögel den Platz in der Geschichte zukommen zu lassen, der ihm gebührt.

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