Lauri Pappinen : Weinbau-Pionier auf Gotland

Weingut mit Wasserblick: Im Süden der schwedischen Insel Gotland liegt das nördlichste Weingut Europas - direkt an der Ostsee. Fotos: Schulz
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Weingut mit Wasserblick: Im Süden der schwedischen Insel Gotland liegt das nördlichste Weingut Europas - direkt an der Ostsee. Fotos: Schulz

Der Trend geht Richtung Norden: Nicht nur in Schleswig-Holstein wird neuerdings Wein angebaut. OstseeTour-Reporter Holger Schulz traf einen Winzer, in Schweden.

shz.de von
24. Juni 2009, 01:34 Uhr

Hablingbo | Rote und gelbe Holzhäuser, frisch gemähter Rasen, beschauliche Ruhe. Hablingbo - ein Dorf wie viele auf der Insel Gotland in Schweden. Vor einem alten Backsteingebäude ein Schild: Gute Vingården. Das also ist es - das nördlichste Weingut Europas!
Und da kommt mir der Besitzer auch schon entgegen. Kurzes graues Haar, akkurat geschnittener Bart, schwarze Jeans, Poloshirt und Pulli. "Nice to meet you" begrüßt er mich, "ich bin Lauri Pappinen". Vor seinem Restaurant, einem weißen, modernen Holzbau, nehmen wir auf der Terrasse Platz. Ohne dass ich eine Frage stelle, beginnt er zu erzählen. Von seinem Leben, seiner Arbeit und vor allem von seinem Wein. In der Glastür zum Restaurant hängt ein Poster: Lauri Pappinen, überlebensgroß, mit einer riesigen Weinflasche in den Händen. "In Schweden ist es verboten, Menschen und Alkohol zusammen auf einem Bild öffentlich zu zeigen", erklärt der 56-Jährige. Ich blicke verblüfft zum Poster, dann fragend zu ihm. "Schau genau hin", meint er mit einem breiten Grinsen. Ich lese das Etikett, und tatsächlich: Das ist kein Wein auf dem Bild, sondern eine Flasche mit Rapsöl. "Wer schaut schon auf das Etikett", lacht Lauri. "Die Leute sehen das Bild und denken an Wein."
Erfolgreichen Umgang mit der Bürokratie nennt er das. Schlitzohrigkeit würden andere sagen. Und die braucht, wer in Schweden trotz staatlichen Alkoholmonopols Wein verkaufen will.
Was ist dieser Lauri Pappinen? Winzer, Bauer, Unternehmer? Gelernt hat er Elektronik-Ingenieur, doch ein Leben als Angestellter, das war nichts für das rast lose Multitalent. Schon früh nutzte Lauri die Chance, die der gerade erblühende IT-Markt bot. Er importierte Computer-Bausätze aus den USA, verlegte eines der ersten Computermagazine Europas und publizierte das erste schwedische Computerbuch. Für Chancen und gute Geschäfte hatte er stets ein Gespür.
Ein Traum, der sein Leben veränderte
"Bis 1990 wusste ich gar nichts über Wein", sagt er. Dann, 1991, hatte er einen Traum, der sein Leben veränderte: "Ich sah mich selbst über einen Weingarten in Gotland gehen." Und obwohl die einheimischen Bauern darüber lachten, machte Lauri seine Vision wahr. 1997 pflanzte er in seinem Garten die ersten 25 Weinstöcke, um zu testen, welche Sorten am besten gedeihen. Inzwischen stehen auf zwei Parzellen bereits 15 000 Reben. Die Sorte Rondo für den Rotwein, Phönix und Solaris für den Weißwein. "Learning by doing", erklärt er, sei seine Devise. Einen professionellen Kellermeister habe er nie gebraucht. "Weinbau ist für mich keine Wissenschaft, sondern Kunst. Und mein Kunstwerk mache ich selbst", sagt er und fügt hinzu: "Aber Geld muss ich natürlich auch verdienen."
Etwas später stehen wir in einem seiner Weingärten, nur einen Katzensprung von der Ostsee entfernt. Lauri zeigt er auf den weißsteinigen Boden. "Das Kalkgestein ist entscheidend für die Qualität meiner Trauben", erklärt er. "Es gibt dem Wein Charakter und sorgt für die Säure." Aber warum gerade Gotland, will ich wissen. Zuerst waren da private Gründe: Zum einen sein Traum. Zum andern seine Frau Lotta und die Töchter Anna und Maja, die die Insel lieben. Dass seine Entscheidung auch aus fachlichen Gründen richtig war, erfuhr Lauri erst später. "Als ich hier anfing, habe ich mir keine Gedanken über den Klimawandel gemacht", gibt er zu. Aber dann habe er gelernt, dass im Raum Gotland die Temperatur in den letzten Jahrzehnten stärker gestiegen ist als irgendwo sonst im Ostseeraum. "Ohne dass ich es wusste, habe ich den Klimawandel genutzt", erklärt Pappinen, "Ich habe es einfach versucht, und es hat geklappt. Aber 20 Jahre früher wäre mein Experiment wohl gescheitert."
3000 bis 5000 Liter produziert Pappinen derzeit pro Jahr. Und er ist überzeugt, dass die globale Erwärmung dem Weinbau auf Gotland eine große Zukunft eröffnet. Während wir durch seine Weingärten zum Auto zurückkehren, zeigt Lauri noch mal rüber zur Ostsee: "Das Wasser dort ist der Schlüssel zum Erfolg", erklärt er. "Es beeinflusst das Mikroklima, man muss nur erkennen, wie." Im Februar sei das Ostseewasser am kältesten. Dann verhindere es in einem schmalen Küstenstreifen den frühen Ansatz der Knospen. Frühjahrsfröste, die die Blütenansätze zerstören könnten, braucht Lauri deshalb nicht zu fürchten. Im Herbst dagegen gibt das Ostseewasser die gespeicherte Wärme ab. "Während im Landesinneren das Thermometer bereits wieder unter null Grad sinkt, bleibt der Küstenstreifen vom Frost verschont. Unsere Trauben können länger reifen und konzentrieren die Aromen", erklärt Pappinen.
Liebevoll zieht er den Korken
Zurück im Restaurant öffnet Lauri zwei Flaschen. Liebevoll zieht er die Korken, und versonnen blickt er ins Glas, während er den Wein sachte schwenkt. "Båtels" heißt der junge Weiße, der erst vor zwei Wochen abgefüllt wurde. Den Roten aus dem Jahr 1995 hat er nach seinem Haus "Lukase" benannt. "Vier Jahre erst waren die Pflanzen alt, als die Trauben für diesen Wein geerntet wurden", bemerkt Lauri. "Ist das nicht herrlich?"
Vielleicht liegt das Geheimnis des Erfolgs von Europas nördlichstem Weinproduzenten auch in diesem Stolz. Nicht nur im Klimawandel und im Kalk steinboden, nicht nur im Ostseewasser und den Tricks, die sich der Neuwinzer angeeignet hat. Es sind vor allem der Charakter und die Persönlichkeit, die unkonventionelle Handschrift Lauri Pappinens, die seinen Gotland-Wein so speziell machen.

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