"Gorch Fock" : Wehrbeauftragter will Übungsmast

Hellmut Königshaus (re.) zu Besuch beim Minensuchgeschwader 5 in Kiel. Foto: Wüst
Hellmut Königshaus (re.) zu Besuch beim Minensuchgeschwader 5 in Kiel. Foto: Wüst

Nein, glücklich ist Hellmut Königshaus mit dem "Gorch Fock"-Bericht nicht. Der Wehrbeauftragte will mehr Sicherheit für Kadetten und sprach in Kiel auch über die Wehrpflicht.

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01. April 2011, 05:54 Uhr

Es war ein Besuch der ehrlichen Worte, höflich verpackt. Der Wehrbeauftragte des Bundestags, Hellmut Königshaus (FDP), hat am Donnerstag in Kiel ein neues Konzept für die Ausbildung auf dem Segelschulschiff der Marine verlangt. Zugleich kritisierte er den Untersuchungsbericht der Marine zur "Gorch Fock"-Affäre. Auf die Frage, ob er glücklich mit dem 98-seitigen Dossier sei, sagte er "Nein".
Königshaus hatte dem Verteidigungsausschuss in Berlin nach dem tödlichen Sturz von Kadettin Sarah Lena Seele (25) aus der Takelage von Vorwürfen der Drangsalierung berichtet. Eine Untersuchungskommission der Marine kam jedoch zu dem Schluss, dass diese zum großen Teil nicht zuträfen. Mehrere Offiziersanwärter hatten sich nach dem Unfall an Königshaus gewandt. Sie klagten über übermäßigen Druck beim Aufentern, auch von sexueller Nötigung war die Rede. "Alles, was uns berichtet wurde, haben die Petenten der Kommission der Marine ebenfalls geschildert", sagte Königshaus. "Es gibt dann aber einen Bruch zwischen der Schilderung der Sachverhalte und ihrer Bewertung. Da muss nachgearbeitet werden."
"Mittlerweile ist der Posten immer mit einer Leine gesichert"
Im Verteidigungsausschuss des Bundestags hatte es eine hitzige Auseinandersetzung über das Fazit der Marine-Fahnder gegeben - ob nun zur Karnevalsparty nach dem Unglück, dem Vorwurf der Meuterei oder den Ekelritualen. Die Ausschuss-Experten wollten den Bericht nicht akzeptieren, nun werden die Ergebnisse des Havarieverfahrens, die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen und der Bericht einer zweiten Ausbildungskommission der Marine abgewartet. Der Wehrbeauftragte sagte mit Blick auf Traditionen wie die Äquatortaufe, von der verstörende Bilder öffentlich wurden: "Es gibt gewisse Vorstellungen von Mannbarkeitsriten, die nicht mehr zeitgemäß sind. Es ist nicht wünschenswert, dass junge Menschen sich entwürdigenden Ritualen unterwerfen, zumal, wenn gruppendynamische Zwänge wirken."
Für die Ausbildung auf der "Gorch Fock" forderte Königshaus mehr Sicherheit. "Fallschirmjäger üben zuerst an einem Sprungturm, dieses Konzept lässt sich übertragen." So würden bei der italienischen Marine seit Jahren Übungsmasten mit Fangnetzen eingesetzt. Tödliche Unfälle wie auf der "Gorch Fock" habe es dort noch nie gegeben. Gleichzeitig ließe sich so überprüfen, ob ein Kadett körperlich geeignet sei, in die Takelage zu klettern. Fraglich sei auch, warum Schwimmwesten nicht bereits mit Geräten ausgestattet seien, die beim Sturz ins Salzwasser ein Alarmsignal gäben und per GPS Positionsdaten sendeten. Der Wehrbeauftragte sprach damit den Tod von Jenny Böken (18) an, die als Posten über Bord ging und ertrank: "Das darf nie wieder passieren." Ein Marine-Sprecher erklärte: "Mittlerweile ist der Posten immer mit einer Leine gesichert."
"Man wird fragen müssen, was die Bundeswehr leisten soll"
Wie geht es nach dem Wegfall der Wehrpflicht weiter mit der Marine? Königshaus: "Die Strukturreform ist kein Ein sparprogramm. Um Nachwuchs zu gewinnen, muss investiert werden." Dazu zähle ein attraktives Gehalt, die Modernisierung von Standorten und die Sicherheit für den Soldaten, nicht ständig versetzt zu werden. Schrumpft die Armee sich gesund? Königshaus: "Man wird fragen müssen, was die Bundeswehr leisten soll und ob sie bei der Landesverteidigung auch auf Bündnispartner setzen kann."

Bei seinem Besuch in Kiel sprach Königshaus auch über Standortfragen in Schleswig-Holstein und die abgeschaffte Wehrpflicht. Die Antworten sehen Sie in den Videos:




(ge, shz)

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