Crowdfunding aus SH : „We are spaceship“ - Im Zweisitzer ins All

Die „Black Sky“ über der Erde: Im Weltraum  erscheint der Himmel schwarz – daher der Name des geplanten Raketenflugzeugs.
1 von 3
Die „Black Sky“ über der Erde: Im Weltraum erscheint der Himmel schwarz – daher der Name des geplanten Raketenflugzeugs.

Der Traum: Das Raumschiff „Black Sky“ soll Touristen ins Weltall bringen. Für die Investoren wird es in 800.000 Teile zerlegt - natürlich nur theoretisch. Das Crowdfunding-Projekt wurde bei Flensburg geboren.

shz.de von
29. Juni 2014, 11:02 Uhr

Harrislee | Bei diesem Projekt könnten 800.000 Idealisten in einem Boot sitzen. Mindestens. Besser gesagt: in einem Raketenflugzeug. „We are spaceship“ heißt das erste Raumflug-Programm, das aus einer Crowdfunding-Aktion heraus finanziert wird. „Es soll ein Projekt von allen für alle werden“, sagt Initiator Frank Marco Günzel. Der 46-Jährige aus Harrislee bei Flensburg ist Geschäftsführer und Mitbegründer von „We are spaceship“ („Wir sind Raumschiff“).

Vor zehn Jahren hat der Diplom-Ingenieur zusammen mit einem Partner das Raumfahrtprojekt aus der Taufe gehoben, damals allerdings noch unter anderen Vorzeichen: Erste Triebwerke waren bereits entwickelt worden, die Initiatoren begaben sich auf die Suche nach Investoren. Doch dann kam vieles dazwischen, unter anderem die internationale Finanzkrise in den Jahren 2007 bis 2009. Im September 2013 – nach einem Gespräch mit einem Großinvestor im arabischen Raum – habe er sich endgültig davon verabschiedet, nach einzelnen Anlegern zu suchen. „Es entspricht auch nicht mehr dem Zeitgeist“, meint Günzel. Überhaupt: „Warum sollen wir eigentlich ständig Leute davon überzeugen, die nicht davon überzeugt werden wollen?“

Deshalb sei dieses Projekt der privaten Raumfahrt nun auf völlig neue Füße gestellt worden. Mittels Crowdfunding sollen Begeisterte rund um den Globus gefunden werden, die bei der Realisation mithelfen wollen. Und das geht so: Interessierte können für virtuelle Bauteile, von denen eines 30 Euro kostet, einzahlen. Das Projekt ist in 800.000 gedachte Teile zerlegt. Ist die Summe erreicht, wird es gestartet. Das Ziel ist ein Abstecher in den Weltraum mit der „Black Sky“. Das Raketenflugzeug soll in mehr als 100 Kilometern Höhe knapp fünf Minuten Schwerelosigkeit wissenschaftlich nutzbar – und touristisch erlebbar machen. Bei dem neuen Konzept werden die virtuellen Bauteile ohne Rückgaberecht ausgegeben. Der 46-Jährige ist davon überzeugt: Derjenige, der dafür einzahlt, sei mit Seele beim Raumfahrtprojekt dabei.

Mehr noch: Die Mitflüge bei „We are spaceship“ sollen unter allen Mitmachenden verlost werden. Für jedes Bauteil gibt es die Chance, einen von 16 anvisierten Boardingpässen für den Weltraum-Trip in der „Black Sky“ zu gewinnen. „Bei 800.000 virtuellen Bauteilen ergibt das die Gewinnchance von 1 zu 50.000 – die liegt damit deutlich höher als 1 zu 140 Millionen für einen Lotto-Sechser samt Superzahl“, sagt Günzel. Und immerhin: „Die ersten 30.000 Bauteilkäufer können sich auf der ‚Black Sky‘ mit einem Foto verewigen lassen.“ Beim Bau der Karbon-Hülle werde das Bild zusammen mit allen anderen 29 999 Fotos auf eine Spezialfolie gedruckt, einlaminiert und bleibe für alle Zeiten auf dem Raumschiff.

Angesehene internationale Experten aus der Raumfahrt stehen dem schleswig-holsteinischen Strukturmechaniker zur Seite. So auch Professor Dr. Oliver Ullrich (43) vom Anatomischen Institut der Universität Zürich, wo unter seiner Leitung Forschungen aus der Medizin, Zellbiologie und Raumfahrt zusammenkommen – bis hin zu Experimenten an der Internationalen Raumstation ISS. Zudem arbeitet das Team um „We are spaceship“ mit dem Swiss Propulsion Laboratory SPL im schweizerischen Langenthal bei der Entwicklung zusammen.

„Die ISS ist eine exzellente Forschungseinrichtung“, sagt Professor Ullrich. Moderne biomedizinische Forschung benötige aber nach Ansicht des Weltraumbiotechnologen „viele, kleine und wiederholbare Experimente, die flexibel und schnell dem Erkenntnisfortschritt angepasst werden können“. Und dies sei mit suborbitalen Raumfahrzeugen wie der „Black Sky“ möglich.

In diesem Zusammenhang findet es Prof. Ullrich „hochspannend“, ein Raumfahrt-Projekt via Crowdfunding zu realisieren. „Dies ist eine Form, den Zugang zum Weltraum zu demokratisieren, und eine Technologie breit abgestützt auf den Weg zu bringen, für die Menschen ganz konkret und direkt bereit sind, persönlich etwas dafür zu geben“, sagt Ullrich im Gespräch mit unserer Zeitung. „Wenn das gelingt, dann wäre das ein klares Signal von der Basis: Wir wollen diese Art der Raumfahrt, unter anderem als Forschungsplattform.“ Zudem werde mit „We are spaceship“ ein neues Bewusstsein geschaffen, sagt Ullrich weiter. Nämlich, dass private Raumfahrt nicht nur etwas für Menschen ist, die sich mit viel Geld einen touristischen Flug ins All leisten können. „Sondern, dass Raumfahrt etwas für jeden sein kann.“

Günzel, der seit 15 Jahren als beratender Ingenieur in den Bereichen der regenerativen Energieerzeugung den Lebensunterhalt verdient, will ein Gründungsmitglied besonders herausstellen: seine Frau Anja (44). „Das Crowdfunding-Konzept ‚We are spaceship‘ war ihre Idee“, sagt er. Sie habe das Projekt erst richtig befeuert. „Sie hat gesagt: ‚Mach’ es richtig oder gar nicht‘“, berichtet der 46-Jährige. „Ohne sie hätte ich es nicht durchgezogen.“

Sie sei es auch gewesen, die „We are spaceship“ zu einem hundertprozentig klimaneutralen Projekt hat werden lassen: Das Raumschiff „Black Sky“ soll mit seiner hochfesten, aber sehr leichten Karbonstruktur die Antriebsenergie aufs Höchste ausnutzen. Der Treibstoff für die Raketentriebwerke soll mithilfe erneuerbarer Energien hergestellt werden: Bioethanol soll aus pflanzlichen Abfällen erzeugt werden. „Die verwendeten organischen Rohstoffe stehen damit nicht in Konkurrenz zur Nahrungskette“, sagt Günzel. Und der flüssige Sauerstoff werde mithilfe einer mit Windkraft betriebenen Gasverflüssigungsanlage hergestellt.

„Trotzdem wird es uns nicht gelingen, die ‚Black Sky‘ komplett CO2- neutral abheben zu lassen“, sagt der Ingenieur. Deshalb solle für jedes verkaufte Bauteil ein Baum gepflanzt werden. „Das macht zusammen mindestens 800 000 Space Trees.“

Günzel liebäugelt mit einem Start im schwedischen Kiruna. Der Plan: Die „Black Sky“, zunächst als Zweisitzer für den Piloten und den Fluggast konzipiert, hebt wie ein Flugzeug ab, um dann mit Raketenantrieb senkrecht mehr als 100 Kilometer hoch ins All vorzustoßen. Das Raumflugzeug beschreibt dann eine antriebslose Parabel im Weltraum. Nach vier bis fünf Minuten im All erfolgt dann der Wiedereintritt in die Atmosphäre – „und das Raumschiff segelt zur Erde zurück“, erklärt Günzel.

Um in naher Zukunft wirklich abheben zu können, investiert das Ehepaar fast alles in sein Projekt, verzichtet bewusst auf Annehmlichkeiten. „Wir benötigen keinen Glaspalast“, sagt Frank Marco Günzel. „Die Zentrale von ‚We are spaceship‘ ist eine Etagenwohnung.“ Auf der Erde ist der 46-Jährige mit seinem Golf aus dem Jahr 1996 unterwegs, übrigens – sehr zur Freude seiner Unterstützer. Dazu gehört auch Dr. Sheikh Muszaphar Shukor (41), Arzt und erster malaysischer ISS Astronaut. „Es ist zuverlässig wie eine Sojus-Kapsel“, habe er nach der Fahrt im alten Auto geschwärmt.

Das ist es, was für Raumfahrer zählt: Zuverlässigkeit und Begeisterung, dann könnten irgendwann auch 800.000 Menschen virtuell abheben – mindestens.

zur Startseite
Karte

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen