Eigenes Lokal angezündet? : Warum "Pizza-Paolo" keinen Ausweg wusste

9. Oktober 2008, Neustadt in Holstein: Die Restaurants 'La Sirenetta' und 'Seewolf' fallen den Flammen zum Opfer. Foto: dpa
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9. Oktober 2008, Neustadt in Holstein: Die Restaurants "La Sirenetta" und "Seewolf" fallen den Flammen zum Opfer. Foto: dpa

Versicherungsbetrug wegen hoher Schulden: Mit gegenseitigen Beschuldigungen der Angeklagten hat in Lübeck der Prozess um einen Fall von schwerer Brandstiftung begonnen.

shz.de von
17. Juni 2009, 06:52 Uhr

Lübeck | Die Pizzeria "La Sirenetta" und das Restaurant "Seewolf" waren in Neustadt (Ostholstein) zwei beliebte Lokale - bis sie am 9. Oktober 2008 nachts um 2.20 Uhr durch ein Feuer verwüstet wurden.
Wegen besonders schwerer Brandstiftung sind jetzt vor dem Lübecker Landgericht drei Männer angeklagt. Einer von ihnen ist der in Tunesien geborene "La Sirenetta"-Pächter Hichem B. (34), der sich Paolo nannte und sich vor seinen Gästen als "waschechter Italiener" ausgab.
Wer war der Anstifter?
Für die Staatsanwaltschaft ist klar: In der Absicht, die Versicherung zu betrügen, hatte er Benzinkanister bereit gestellt, deren Inhalt der in Beirut geborene Ahmed A. (27) und der Tunesier Hamdi G. (24) - beide arbeiteten gelegentlich für den Angeklagten - im Lokal vergossen und anzündeten.
Wer wen zu der Tat angestiftet hat, bleibt am ersten Verhandlungstag unklar. Tatsache ist, dass der Brand nach einer Explosion außer Kontrolle geriet und dass der "Seewolf"-Pächter nebenan außer Ehefrau und Schwiegermutter nicht viel retten konnte. Schaden: 500.000 Euro.
Schulden aus Drogengeschäften
Er habe Angst vor Ahmed A. gehabt, erklärt Hichem B. dem Richter. Dessen Vorstrafenregister ist tatsächlich lang: Körperverletzung, Diebstahl, Raub, Erpressung und Untreue. Hichem B. erzählt von 50.000 Euro Schulden und einem Drogengeschäft, für das ihm Ahmed A. 5000 Euro gegeben habe - mit dem Auftrag, bei einem (inzwischen verstorbenen) "Enzo" Kokain zu ordern. Der hauptberufliche Getränkelieferant nahm das Geld, lieferte jedoch das Kokain nicht. Hichem B.: "Ahmed setzte mich deswegen unter Druck. Er hat mir die Idee mit dem Versicherungsbetrug aufgedrängt, und ich habe zugestimmt - auch aus Angst um meine junge Frau." Hier bricht Hichem B. in Tränen aus. Die Ausführung sei dann allein A.s Sache gewesen. Zehn Prozent der erwarteten Versicherungssumme von 100.000 Euro habe er ihm in Aussicht gestellt, dazu die Rückzahlung der 5000 Euro aus dem verkorksten Kokaingeschäft. Weitere 2500 Euro habe Ahmed für die Vorbereitung der Straftat kassiert.
Bei Ahmed A. klingt die Geschichte anders. Er sitzt nicht auf der Anklagebank, sondern zwischen seinen Verteidigern. Von einer Zusage der Ermittlungsbehörde an diesen Kronzeugen ist die Rede. Den Antrag seiner Verteidiger, das Verfahren gegen ihn auszusetzen und den Haftbefehl aufzuheben, lehnt das Gericht jedoch ab. Ahmed A. lässt eine Erklärung verlesen, wonach der "La Sirenetta"-Pächter die treibende Kraft gewesen sei: Das Wasser stehe ihm bis zum Hals, habe sein Chef gesagt. "Er wollte, dass wir Hakenkreuze ans Haus sprühen." Und: "Dann haben wir alles so gemacht, wie Paolo es gesagt hat" - aus einer finanziellen Notlage heraus. Ahmed A. und Hamdi G. hatten Probleme mit Glücksspiel und Drogensucht.
Hichem B.: ein Wiederholungstäter?
Ohne Widersprüche bleibt keine der Aussagen. Zu den Gemeinsamkeiten gehört aber die Erinnerung an einen vorausgegangenen und dann ideengebenden Versicherungsfall: Ehe Hichem B. 2006 das "La Sirenetta" eröffnete, sei in Haffkrug sein Lokal "Casa Mare" durch einen Wasserschaden ruiniert worden. "Vandalismus" nennt der Angeklagte die Ursache.
Der Prozess wird am 23. Juni fortgesetzt.

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