„Steigertag“ in Esgrus : Warum eine Familie in Angeln jährlichen Besuch von einer Horde junger Schornsteinfeger bekommt

Geschafft: Je nach Talent und Fitness dauert der Aufstieg im Schornstein 5 bis 20 Minuten. Und dann rückwärts das Ganze...
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Glück auf! Weder Einbrecher noch Weihnachtsmann, sondern ein Schornsteinfeger bei seinem Gang durch den Schlot.

In Atzbüll in der Gemeinde Esgrus besuchen Schornsteinfeger regelmäßig eine Reetdachkate und klettern in den Schlot.

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31. Dezember 2017, 13:12 Uhr

Esgrus | Es ist vermutlich schwer, Schleswig-Holsteiner zu finden, die schon so vielen Schornsteinfegern die Hände geschüttelt haben wie die Bewohner dieser Reetdachkate im beschaulichen Atzbüll, einem kleinen Dorf in der Gemeinde Esgrus (Kreis Schleswig-Flensburg).

Jedes Jahr im Dezember wird ihr Haus zum Lehrobjekt für einen ganzen Ausbildungsjahrgang – denn hier gibt es noch etwas, was immer mehr zur Rarität wird: einen besteigbaren Schornstein, der für die Reinigung von innen erklettert werden muss. „Früher war das die Regel, heute findet man es kaum noch. Das ist eine aussterbende Sache“, erklärt Erik Barth, Schornsteinfegermeister in Sörup und Ausbildungsleiter. „Aber es gibt diese Fälle eben noch, und jeder Lehrling sollte da mal hochgestiegen sein.“

Ab durch die Luke: Der erste Steiger wird in den Schornstein manövriert. Früher geschah dies übrigens barfuß, des besseren Halts beim Klettern wegen, heute verlangt der Arbeitsschutz Stiefel.
Foto: Marcus Dewanger
Ab durch die Luke: Der erste Steiger wird in den Schornstein manövriert. Früher geschah dies übrigens barfuß, des besseren Halts beim Klettern wegen, heute verlangt der Arbeitsschutz Stiefel.
 

Deshalb ist immer im Dezember „Steigertag“ in Esgrus. Ein ganz besonderer Tag – für die Lehrlinge, die ein Stück Handwerkstradition kennenlernen, für Volker Reichelt und Marion Behringer, die eine geballte Ladung Glück frei Haus und einen blitzblanken Schornstein noch dazu bekommen, und auch für die Ausbilder. „Wir sind glücklich, so eine Stelle zu haben. Die Hausbesitzer machen einen richtigen Festtag draus, reichen Stollen und Kaffee, das macht einfach Spaß“, sagt Barth.

Die Übung in dem alten Reetdachhaus hat schon seit vielen Jahren Tradition in der Flensburger Handwerkskammer. Anfangs seien die Lehrlinge meist zögerlich. In ein enges schwarzes Loch zu steigen kostet einiges an Überwindung. „Aber dann kommt schnell ein Wettstreit auf, wer als Erster oben ist.“

Bereit für den Aufstieg: Lehrling Jonas Zarecky in Startposition für den Weg nach oben. Platzangst darf er bei einem  Schacht-Durchmesser von 45 x 45 Zentimetern nicht haben.
Foto: Marcus Dewanger
Bereit für den Aufstieg: Lehrling Jonas Zarecky in Startposition für den Weg nach oben. Platzangst darf er bei einem  Schacht-Durchmesser von 45 x 45 Zentimetern nicht haben.

Doch jedermanns Sache sei das nicht. So gebe es auch mal junge Leute, die aufgrund der Körpermaße einfach nicht in den engen Schlot passen, oder die, denen die Angst einen Strich durch die Rechnung macht. „Das ist menschlich, keiner muss da hoch“, sagt Erik Barth. Eine gewisse Fitness sei nötig, um das Steigen zu meistern, schließlich gibt es im Schornstein keinerlei Hilfsmittel – lediglich die Körperspannung.

Lediglich mit der Kraft des Körpers „ruckelt“ sich der angehende Schornsteinfeger Jonas Zarecky (24) mit Knien und Oberkörper an der glatten Innenwand empor. Dabei hat jeder seine ganz individuelle Vorgehensweise. Der 24-Jährige trägt eine Steigerkappe, damit ihm der Ruß nicht in den Nacken rieselt – und wenn er nicht gerade fotografiert wird, auch eine Staubmaske, die seine Atemwege schützt.
Foto: Marcus Dewanger
Lediglich mit der Kraft des Körpers „ruckelt“ sich der angehende Schornsteinfeger Jonas Zarecky (24) mit Knien und Oberkörper an der glatten Innenwand empor. Dabei hat jeder seine ganz individuelle Vorgehensweise. Der 24-Jährige trägt eine Steigerkappe, damit ihm der Ruß nicht in den Nacken rieselt – und wenn er nicht gerade fotografiert wird, auch eine Staubmaske, die seine Atemwege schützt.
 

Die Technik wird den Nachwuchsfegern vor Ort erklärt, doch nach Barths Erfahrung entwickelt jeder seinen eigenen Stil. Das eigentliche Kehren erfolgt dann per Schultereisen, mit dem verkrustete Rußrückstände abgekratzt werden, sowie dem Stielbesen. Doch auch das ist ein Relikt aus vergangenen Jahrzehnten: Heute werden solche besteigbaren Schornsteine mit entsprechendem Werkzeug von unten gekehrt – geklettert wird nur noch im Sonderfall, verrät Barth.

Freude über diesen Lehrtag der besonderen Art: der Schornsteinfeger-Nachwuchs nach getaner Arbeit.
Foto: Marcus Dewanger
Freude über diesen Lehrtag der besonderen Art: der Schornsteinfeger-Nachwuchs nach getaner Arbeit.
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