Norbert Birke : Warum ein Schleswig-Holsteiner Bilder vom Stasi-Knast malt

Fenster zur Freiheit: Norbert Birke mit seinem Bild über den Tag seiner Freilassung. Foto: Ruff
Fenster zur Freiheit: Norbert Birke mit seinem Bild über den Tag seiner Freilassung. Foto: Ruff

Am 5. September 1978 endete Norbert Birkes zweieinhalbjährige Haft in DDR-Gefängnissen. Jetzt hat der 62-Jährige die Zeit in Form von Bildern aufgearbeitet.

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03. April 2013, 11:05 Uhr

Schafstedt / Berlin | Auf einmal war das Tor zur Freiheit auf. "Ich wurde zur Mauer geführt, eine Tür öffnete sich, und ich stand im Westen." So erinnert sich Norbert Birke aus Schafstedt (Kreis Dithmarschen) an den 5. September 1978 - den Tag, an dem seine zweieinhalbjährige Haft in DDR-Gefängnissen endete. Jetzt hat der 62-Jährige seine Haft in Form von Bildern aufgearbeitet. Herausgekommen sind 14 Aquarelle, die Birke in der Rekordzeit von zehn Tagen gemalt hat - und die er jetzt der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen zur Verfügung stellen will. Denn in genau diesem Gefängnis hat er in den 70er Jahren gesessen.

Die Gedenkstätte will die Bilder nun begutachten, sagt Sprecher André Kockisch, und prüfen, ob sie dort ausgestellt werden können. In diesen Tagen will Norbert Birke seine Bilder in Berlin vorstellen. Ins Gefängnis hat ihn seine Naivität gebracht, sagt Birke. In den 70er Jahren zieht der aus Kiel stammende Schiffbaustudent nach Berlin. Er schließt sich Fluchthelfern an, will eine junge Frau, die er gar nicht kennt, aus der DDR schleusen. Doch der Plan wird verraten, Birke an der Grenze festgenommen und später zu sechs Jahren Haft verurteilt.

"Ich weiß nicht, ob es genau so war"

In seinen Bildern dokumentiert Birke, wie er im Gefängnis ankommt und wie er den Alltag empfindet. Der Betrachter spürt unwillkürlich die Bedrohung und Einschüchterung, die Birke erfahren hat. "Ich wollte bewusst den Alltag zeigen, denn ich habe mir damals gesagt, dass ich den Alltag im Knast akzeptieren muss - sonst wäre ich kaputt gegangen." Genau das erzählt der Berufsschullehrer heute auch Häftlingen in der Justizvollzugsanstalt Neumünster, die er unterrichtet.

Birke erlebt den Arrest, Schikanen der Wärter, stundenlange Verhöre, Schlafentzug, sinnloses Arbeiten, die Tristesse des Gefängnisses - und schließlich den Freikauf durch die Bundesrepublik Deutschland. Erst Jahre nach der Haft begann Birke darüber zu erzählen. "Es hat vielleicht die Zeit gebraucht, damit ich mit dem Malen anfangen konnte", sagt Birke, dessen Vater Hermann Pralow in den 70er Jahren ein bekannter Heimatmaler war. Das Handwerk hat sein Sohn sich jetzt selbst beigebracht, an Kreativität mangelt es ihm nicht.

Birke hat seine Bilder einfach gehalten, er sieht sie auch als persönliches Dokument. "Ich weiß nicht, ob es genau so war, aber ich habe es so wahrgenommen", sagt Birke. An einiges erinnert er sich gar nicht mehr, wie an seine Gerichtsverhandlung. "Der Stress war da wohl zu groß", sagt er. Genau wie an dem Tag, an den er sich eben nur schemenhaft erinnert - den 5. September 1978, als er den Weg in die Freiheit antreten durfte. Durch eine Tür in der Mauer.

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