zur Navigation springen

Schafzüchter in SH in Sorge : War es ein Wolf? 14 Lämmer auf Deich in Nordfriesland gerissen

vom

Schafe auf dem Deich und vor Leuchttürmen - typisch SH. Doch was ist mit dem Wolf? Darüber diskutieren die Züchter.

shz.de von
erstellt am 03.Jun.2015 | 16:31 Uhr

Ein Deichschäfer aus Nordfriesland hat seit dem 14. Mai durch Tierangriffe 14 Lämmer verloren. Ob ein Wolf oder ein anderes Tier die Lämmer getötet hat, sei bislang nicht klar, teilte das Landwirtschaftsministerium am Mittwoch in Kiel mit. Der Schäfer habe die Verluste zunächst nicht gemeldet. Erst als immer wieder einzelne tote Lämmer aufgefunden wurden, wandte er sich an die zuständigen Stellen. Unter anderem wurden nun forensische Proben entnommen und an das Senckenberg-Forschungsinstitut in Gelnhausen (Hessen) zur Untersuchung gegeben. Darüber hinaus wurden bis zu 23 Fotofallen sowie eine Wärmebildkamera durch Wolfsbetreuer des Landes eingesetzt. Hier gab es bislang keine Ergebnisse.

Seit Monaten gibt es immer wieder Fälle von gerissenen Schafen im Land - und Streit, ob der Wolf nach SH passt. In Folge eines Angriffs Mitte April waren insgesamt 20 Schafe und 32 Lämmer gestorben. Ein Teil wurde direkt beim Angriff getötet, andere mussten wegen ihrer schweren Verletzungen eingeschläfert werden, weitere starben in den Folgetagen. Bei Mölln hatte im Februar ein Wolf Schafe gerissen, der sich nur schwer vertreiben ließ. Noch treten Wölfe im Norden nur vereinzelt auf, doch ihre Population wächst.

Da im Fall in Nordfriesland dieselbe Herde mehrfach angegriffen wurde, bestehe die Sorge, dass sich ein Tier auf die dort weidenden Schafe als Beute spezialisiert haben könnte, teilte das Ministerium weiter mit. „Ein solches Verhalten birgt das Risiko, dass der betroffene Wolf sich ausschließlich von Haustieren ernähren könnte, was in der Folge in der Region zu erheblichen Problemen führen würde.“ Sollte sich herausstellen, dass es ein Wolf war, werde geprüft, wie die betroffenen Nutztierbestände vor weiteren Übergriffen geschützt werden können.

Die Schafzüchter machen sich unterdessen Sorgen über die Ausbreitung des Wolfes im nördlichsten Bundesland. „Man muss überlegen, wie viele Wölfe wir in Schleswig-Holstein vertragen können“, sagte Janine Bruser, Geschäftsführerin des Landesverbands der Schaf- und Ziegenzüchter. Die 100 Mitglieder des Verbands diskutierten emotional auf ihrer Jahreshauptversammlung in Groß Wittensee (Kreis Rendsburg-Eckernförde). Wenn die Zahl der Wölfe so bliebe wie bisher, könnten die Schafhalter damit leben, sagte Bruser. „Aber wenn es wesentlich mehr werden, dann muss man sich, denke ich, entscheiden, ob man Schafhaltung will oder den Wolf.“ Beides werde auf Dauer nicht gehen.

Dies liegt unter anderem an der Art der Schafhaltung in Schleswig-Holstein. In der Lausitz beispielsweise gibt es nach Angaben Brusers große Wanderschafherden, die von einem Schafshirte begleitet werden. „Das haben wir hier nicht in Schleswig-Holstein, und da können wir auch nicht mehr hin.“ Hier weideten im Sommer rund 70 Prozent der Schafe auf dem Deich; im Winter werden sie auf unterschiedliche Weiden verteilt. Und wenn eine Fläche abgegrast ist, werden die Tiere zur Weide gebracht. „Die Arbeit würde sich bestimmt vervierfachen, wenn überall Herdenschutznetze und -Zäune aufgestellt werden müssten.“ Zudem sei es fraglich, ob diese Schutzvorrichtungen überhaupt ausreichen. Die Tiere im Stall unterzubringen, komme nicht infrage: „Die Stallhaltung von Schafen ist weder wirtschaftlich noch tiergerecht.“

shz.de zeigt auf einer Karte, wo wurden Wölfe nachgewiesen wurden:

Der CDU-Agrarexperte Hauke Göttsch mahnt im Umgang mit dem Wolf mehr praxistaugliche Hilfen für Schafzüchter an. Die bürokratischen Verfahren sowohl für die Beschaffung von Wolfsschutzmaßnahmen als auch die Abwicklung von Schäden seien viel zu aufwendig.

In Schleswig-Holstein gibt es laut Verband rund 1900 Schafhalter, die sich um etwa 200.000 Schafe kümmern. Dazu kommen nach Angaben der Landwirtschaftskammer jedes Jahr rund eine Viertelmillion Lämmer. Rund 200 können davon leben, die meisten halten die Tier im Nebenerwerb. „Das wäre schade, wenn die aufgeben“, findet Bruser. Schafe seien wichtig für den Küstenschutz und die Landschaftspflege.

Und auch für das Image des Landes. „Ich kenne kaum eine Tourismusbroschüre, die nicht mit Schafen auf dem Deich oder vor Rapsfeldern wirbt“, sagte Bruser. Wenn mehr Wölfe kämen, müsse man sich entscheiden, was man wolle. „Beides wird nicht funktionieren.“

Am Freitag trifft sich erstmal ein Runder Tisch bei dem Jäger, Schafhalter, Natur- und Artenschützer über die Wiederansiedlung des Wolfes in Schleswig-Holstein diskutieren sollen. Außerdem will Landwirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) 100.000 Euro in das Wolfsmanagement des Landes investieren. Außerdem will Habeck die Deckelung der Entschädigungszahlungen bei Wolfsrissen überprüfen lassen. Bislang schreibt die Europäische Union eine Höchstgrenze für die Entschädigung von 15.000 Euro pro Betrieb innerhalb von drei Jahren vor. „Wir halten es für sinnvoll, diese Grenze für Schleswig-Holstein zu überprüfen“, sagte der Minister.

Wie viele Wölfe gibt es in Deutschland?

Nach Angaben des Wolfsinformationszentrums Schleswig-Holstein gibt es zurzeit 34 Wolfsrudel bzw. -paare und drei sesshafte Einzelwölfe. Die Anzahl variiert je nach Bundesland. Am häufigsten sind die Tiere im östlichen Teil Deutschlands in der Lausitz (nordöstliches Sachsen und südliches Brandenburg) unterwegs.

Seit wann sind die Tiere wieder in Schleswig-Holstein?

Wölfe lassen sich immer wieder in SH sehen. Den ersten Nachweis nach 200 Jahren gab es im April 2007. Damals wurde ein Jungtier in der Nähe von Süsel (Ostholstein) überfahren. Untersuchungen ergaben, dass das Tier aus dem sächsischem Raum stammte.

Auch 2012, 2013 und 2014 konnten Wölfe nachgewiesen werden. Eine Karte auf der Homepage des Wolfinformationszentrums Schleswig-Holstein zeigt die Hinweise auf Wölfe.

Stellen Wölfe eine Bedrohung für den Menschen dar?

Grundsätzlich geht von den Tieren keine Gefahr aus. Der Wolf galt vor langer Zeit sogar als enger Freund des Menschen und wurde vor etwa 14.000 bis 16.000 Jahren von Menschen aufgezogen und als Haustier gehalten.

Menschen passen nicht in das Beuteschema der Wölfe. „Hauptsächlich ernähren sie sich von Rehen und Wildschweinen, Nutztiere wie Schafe sind da eher die Ausnahme“, bestätigt uns Wolf von Schenck, Geschäftsführer vom Wolfsinfozentrum Schleswig-Holstein. Menschen gegenüber verhalten sie sich sehr scheu. Das war am Wochenende jedoch nicht der Fall: „Es ist schon sehr auffällig, dass der Wolf die Nähe zum Menschen kaum gescheut hat“, sagt der Experte. Selbst als man das Tier vertrieben hatte, kam es wieder.

Bei gesunden Wölfen besteht keine Gefahr. Sind sie jedoch mit Tollwut infiziert, kann sich ihr Verhalten ändern. Tollwut kann laut dem Wolf-Experten jedoch so gut wie ausgeschlossen werden. Die Virusinfektion ist in Deutschland nicht mehr verbreitet und wurde durch einen Impfköder bekämpft.

Warum greift ein Wolf Schafe an?

Fachleute untersuchen gerade, warum sich der Wolf den Schafen gegenüber so aggressiv verhalten hat. Von den verletzten Tieren wurden Abstriche genommen, um mit Hilfe von genetischen Untersuchungen weitere Informationen über den Wolf zu erhalten.

„Es gibt mehrere Hinweise darauf, dass die Wölfe von Menschen gefüttert wurden. Diese Informationen stammen jedoch aus Niedersachsen und werden derzeitig noch überprüft“, sagt Wolf von Schenck gegenüber shz.de. Wenn sich diese Hinweise bewahrheiten, könnte das ein Grund dafür sein, warum der Wolf bei Mölln kaum Distanz zum Menschen eingehalten hat.

Wie kann ich mich schützen?

In der Regel zieht sich der Wolf bei einer Begegnung mit dem Menschen von alleine zurück. Weil die Tiere ausgezeichnete Ohren haben, vermeiden sie bereits früh den Kontakt mit ihnen. Aufgrund des aktuellen Vorfalls im Februar rät das schleswig-holsteinische Umweltministerium vor allem den Bewohnern der Region Mölln, ihre Hunde nicht unangeleint laufen zu lassen. Auch Tierhalter von Schafen und Ziegen sollten darauf achten, ihre Tiere angemessen zu schützen.

Wo kann man sich informieren?

Für Fragen oder Wolfshinweise kann man sich an das Wolfsinformationszentrum Schleswig-Holstein wenden. Es gibt eine spezielle Notfall-Hotline: 0174-6330335. Weitere Informationen gibt es unter www.wolfsbetreuer.de. Insgesamt gibt es inzwischen 38 Wolfsbetreuer, die über das ganze Land verteilt sind.

 
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen