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Natur mit System : Wälder in Schleswig-Holstein im „Winterschlaf“

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Der Anblick nackter Laubbäume ist optische Fastenzeit: graubraunes Holz in matschigbrauner Erde. Stillstand, könnte man meinen. Doch die Natur arbeitet nach einem ausgeklügelten System – auch im Winter.

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erstellt am 24.Jan.2016 | 14:45 Uhr

Lübeck | Buche neben Buche, eine kräftiger als die andere, aus gegebenen Anlass allerdings allesamt nackt. Die Baumgesellschaft des Schattiner Zuschlag im Süden von Lübeck macht, was Gehölze eben machen im Winter: Sie ruhen. „Winterschlaf“ nennt das Peter Wohlleben, Förster in der Eifel und seit Monaten mit seinem Buch „Das geheime Leben der Bäume“ Chartstürmer der Sachbuch-Bestsellerliste des „Spiegels“, weil er von Bäumen und Wäldern erzählt, als seien sie die Helden eines Gesellschaftsromans. Von Kindergärten und Kommunikationssystemen ist da die Rede, von Schulen, Straßenkindern, Burn-out und Altersrunzeln. Und eben vom Winterschlaf, der – logisch – vor allem an Laubbäumen am deutlichsten anzusehen ist.

Ein bisschen kitzelt Wohlleben mit seinen farbigen Erläuterungen die deutsche Seele, der ja ein besonderes Verhältnis zum Wald nachgesagt wird. Märchen, Lieder, Gedichte, Schwermut, Romantik – was uns lieb ist, hat im Wald eine Wurzel. Mit Sonnenhilfe füllt der Baum im Sommer Vorratsspeicher (Zucker und andere Reservestoffe), um in der kalten Jahreszeit zu schlummern. Ruhe ist überlebenswichtig. Der Baum – ein Mensch wie du und ich; der Wald – eine Solidargemeinschaft, die gut ohne den Menschen, dieser aber nicht ohne sie leben könnte.

Schleswig-Holstein – einst von Wald bedeckt Dabei haben unsere Vorfahren nur wenig von diesem Phänomen übrig gelassen. Nüchtern betrachtet ist der Wald Rohstofflieferant und wird meist genau so nüchtern behandelt. Bedacht auf schnelles Wachstum wird in der Regel gepflanzt, geerntet, das Geerntete verarbeitet oder verfeuert, wieder gepflanzt. Dass beim Gedanken an den Wald so häufig Nadelbäume in den Köpfen spuken, ist eine Folge dieser Wirtschaft. Hätte man ihn in Ruhe gelassen, bestünde Wald in unseren Breiten aus Buchen und Eichen, dazwischen Hainbuchen, Ulmen, Wildobst, Birken, Roterlen, vereinzelt Kiefern und Eiben. Hat man aber nicht.

Wälder in Schleswig-Holstein – Weniger gibt’s nirgends in Deutschland

Wald ist rar im echten Norden. 166.700 Hektar Wald, das sind gerade einmal zehn Prozent der gesamten Fläche, gibt es in Schleswig-Holstein – 600 Quadratmeter pro Einwohner, nur halb so viel wie im bundesweiten Durchschnitt. Das macht das Land zum waldärmsten Flächenland der Bundesrepublik.

Die größten Gebiete sind Sachsenwald (Herzogtum Lauenburg), Buchholz und Segeberger Forst (Segeberg), Hahnheide (Stormarn), Henstedter Holz (Rendsburg-Eckernförde, Steinburg), Forst Iloo (Rendsburg-Eckernförde), Langenberger Forste (Nordfriesland), Lauerholz (Lübeck), Schierenwald (Steinburg), Großes Haaler Gehege (Rendsburg-Eckernförde), Riesewohld (Dithmarschen).

Noch vor 2000 Jahren war Deutschland in weiten Teilen bewaldet, sogar der Norden, der heutzutage in Sachen Wald die Rote Laterne der Flächenländer trägt. Dann kam der Mensch und rodete. Zwei Abholzperioden im Mittelalter sorgten für in etwa den Zustand, wie wir ihn heute kennen – in Deutschland, wohlgemerkt, wo sich wie im übrigen Europa der Wald seit Jahren langsam aber stetig wieder ausbreitet. In Schleswig-Holstein beispielsweise ist das Waldgebiet von 144.500 Hektar im Jahr 1993 auf 166.809 im Jahr 2014 angewachsen. Weltweit allerdings werden pro Jahr 13 Millionen Hektar Wald vernichtet.

Naturnahe Waldnutzung Ob der deutsche Wald allerdings mit seinem Zustand zufrieden ist, muss bezweifelt werden. Wachsen wie er möchte, darf er selten und heißt deshalb häufig Forst. Der Schattiner Zuschlag bei Lübeck ist da eine Ausnahme, seine 50 Hektar werden seit Jahrzehnten nicht mehr bewirtschaftet. Verwaltet vom Lübecker Forstamt dienen sie als Reverenzfläche und auch als Vorbild für den gesamten Lübecker Stadtwald, für den Forstamtsleiter Knut Sturm sich vorgenommen hat, die Natur möglichst so zu nutzen, dass sie es nicht merkt. Sturm ist Verfechter der von ihm ersonnen „Naturnahen Waldnutzung“, bei der, grob gesagt, der Mensch so wenig macht wie möglich.

Der Wald nach Recht und Gesetz „Wildäsungs - und Holzlagerplätze“

Baum an Baum – oder doch nicht? Was Wald ist und was nicht, definiert § 2 des Bundeswaldgesetzes:

„(1) Wald im Sinne dieses Gesetzes ist jede mit Forstpflanzen bestockte Grundfläche. Als Wald gelten auch kahlgeschlagene oder verlichtete Grundflächen, Waldwege, Waldeinteilungs- und Sicherungsstreifen, Waldblößen und Lichtungen, Waldwiesen, Wildäsungsplätze, Holzlagerplätze sowie weitere mit dem Wald verbundene und ihm dienende Flächen.“

Keine Wälder im Sinne des Gesetzes sind unter anderem „Grundflächen, auf denen Baumarten mit dem Ziel baldiger Holzentnahme angepflanzt werden“, und baumbestandene Flächen, auf denen gleichzeitig Landwirtschaft betrieben wird.

Damit ist er ganz nah bei Peter Wohlleben, der in seinem Eifel-Revier Pferde statt Holzerntemaschinen einsetzt, Buchen wachsen lässt, statt Fichten zu pflanzen, auf Chemie und Kahlschläge verzichtet – und stattdessen den Wald zu verstehen versucht.

Man wünscht ihn sich für den Biologieunterricht seiner Kinder, wenn er zum Beispiel rhetorisch fragt, warum sommergrüne Laubbäume denn überhaupt den jährlichen Aufwand des Blattabwurfs und der Laubneuausbildung betrieben, wo doch Nadelbäume beweisen, dass es anders geht. Ein Rückschritt in der Evolution ist das nämlich nicht, denn Laubbäume haben sich vor 100 Millionen Jahren entwickelt und sind damit bummelig 70 Millionen Jahre moderner als ihre Nadel tragenden Verwandten. Man darf der Natur vertrauen, dass sie ein Erfolgsmodell auf den Weg gebracht hat.

Laub – eine Spitzentechnologie Kahlen Ästen gelingt es sehr viel besser, der Kraft der Winterstürme auszuweichen. „An einem ausgewachsenen Stamm zerrt der Sturm mit Kräften von umgerechnet 200 Tonnen Gewicht“, sagt Wohlleben und: „Stamm und Äste sind so ausgeformt, dass der Luftwiderstandsbeiwert teilweise unter dem moderner Pkw liegt.“ Überhaupt kommt er beim Thema Sturm geradezu ins Schwärmen, berichtet von heftigen Böen, die einem intakten Wald wenig anhaben können, weil jeder Baum einen individuellen Holzfaserverlauf und damit seine eigene Geschwindigkeit beim Zurückfedern hat, was wiederum dafür sorgt, dass die Baumgesellschaft einander abfedert und abbremst. Bei drohender Schnee- und Eislast sind kahle, von 1200 Quadratmetern Blattoberfläche befreite Bäume allemal im Vorteil.

Und überhaupt das Laub, nach dem der Mensch sich mitten im Winter so dringend sehnt: Das ist im Herbst nach mächtigen Farbspektakeln zu Boden gerieselt. Da ist jede Baumart anders, weil jede Baumart zuvor ihr eigenes Quantum an Chlorophyll in die Zweige zurückgezogen hat. Das Laub der dicken Buchen im Schattiner Zuschlag bei Lübeck ist buchentypisch gelb und bräunlich verfärbt zu Boden gesunken. Ahorn und Kirsche liefern ein rötliches Finale und die Eiche bunkert so viele Nährstoffe, dass nur das trockene braune Blatt übrigbleibt.

Und wie in Wohllebens Eifel-Urwald wartet bei Knut Sturm im Norden der Baumnachwuchs, dass längere Tageslichtzeiten und höhere Temperaturen das Signal zur Laubbildung geben. Das Jungvolk nämlich treibt eher aus, als die Alten über ihnen, weil es in Waldbodennähe wärmer ist als in 30 Metern Höhe, und es wirft später ab. Auch das ist ein schlauer Zug, denn unter den Fittichen der Großen ist es im Sommer zwar schattig, im Frühjahr und Herbst gibt es dafür Extraportionen Licht. Und jetzt kann man schon sehen, wo in ein paar Wochen die neuen Blätter erscheinen.

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