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Wissenschaftler aus Kiel : Wachsleichen: Wenn Tote nicht verwesen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Toten behalten nach Jahrzehnten noch Augen und Gesichtszüge: Auf gut einem Drittel der deutschen Friedhöfe wurden schon Wachsleichen gefunden. Forscher aus Kiel gehen dem gruseligen Phänomen auf den Grund.

shz.de von
erstellt am 02.Feb.2014 | 10:14 Uhr

Gewöhnlich wird ein bestatteter Mensch innerhalb weniger Jahre zu Erde. Höchstens ein paar seiner Knochen überdauern die Zeit – Angehörige können diesen Prozess allerdings empfindlich stören. „Auf vielen Friedhöfen wird viel zu viel gegossen“, sagt Iris Zimmermann vom Institut für Pflanzenernährung und Bodenkunde der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU). Zwei Zehn-Liter-Kannen reichten aus, um ein Grab tagelang unter Wasser zu setzen. Ist der Boden zu nass, fehlt ihm der Sauerstoff, der für den Verwesungsprozess unabdingbar ist. Zudem wirkt das Wasser wie eine Kühlflüssigkeit, die die Zersetzung des Leichnams behindert.

Die gruselige Folge: Die im Körper gespeicherten Fettmoleküle schwemmen aus und verhärten sich unter der Haut zu einem modrig riechenden Fettpanzer. Ist der entstanden, kommt die Kompostierung fast völlig zum Stillstand. Mitunter behält die Leiche sogar Augen und Gesichtszüge – und kann in diesem Zustand hundert Jahre überdauern.

 

Vor allem für die Friedhofsmitarbeiter ist das äußerst unschön. Denn wenn die Totenruhe nach spätestens dreißig Jahren endet und das Grab eigentlich neu vergeben werden dürfte, finden sie anstatt von Erde und Knochen oft halbverfaulte Särge mit Körpern, die auf groteske Weise an die Figuren aus Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett erinnern. In einem solchen Fall bleibt ihnen nichts anderes übrig, als das Grab wieder zuzuschaufeln. Umfragen haben ergeben, dass auf 30 bis 40 Prozent der rund 33 .000 deutschen Friedhöfe Wachsleichen liegen. Die Dunkelziffer liegt womöglich noch höher.

Die Bodenkundlerin Iris Zimmermann und ihre Kollegen haben untersucht, welche Umstände zu der ungewollten Mumifizierung der Leichen führen. Die Forscher haben dazu auf 19 Friedhöfen, davon zwei in Schleswig-Holstein, rund zwei Quadratmeter große und knapp zwei Meter tiefe Gruben ausgehoben und darüber hinaus Bohrungen bis in drei Meter Tiefe vorgenommen. In den Gruben untersuchten die Wissenschaftler die Wasser- und Luftleitfähigkeit der Böden. Anhand der Bohrkerne bestimmten sie die Bodenschichtung und die Größe der Bodenpartikel. Zusätzlich maßen sie im Labor chemische Werte der Böden, etwa den Kohlenstoff-, Stickstoff- und Säuregehalt.

„Es sind nicht nur die schweren, von Natur aus feuchten und luftundurchlässigen Böden, die das Problem verursachen“, sagt Zimmermann. „Auch die falsche Grabpflege, allen voran das übermäßige Gießen, lässt Wachsleichen vermehrt entstehen.“ Das überschüssige Gießwasser verstopft nicht nur die Poren des Bodens und blockiert so den Gasaustausch. „Es reißt auch langlebige Krankheitserreger wie beispielsweise Salmonellen oder giftige Schwermetalle aus Arzneimitteln mit sich“, erklärt Iris Zimmermann. Eine Vielzahl schädlicher Substanzen könne so ins Grundwasser gelangen. „Je schneller das Wasser durch die einzelnen Schichten des Bodens sickert, desto geringer ist dessen reinigende Wirkung“, sagt die Forscherin.

Angehörige der Toten sollten den aufgeschütteten Boden nach dem Begräbnis nicht festtreten, rät Zimmermann – auch wenn Grabpfleger genau das oft empfehlen, um das Grab schneller bepflanzen zu können. „Unsere Untersuchungen haben gezeigt, dass durch festgetretene Erde der Sauerstoff nur noch schwer hindurchdringt“, sagt die Forscherin. Beigemischter Branntkalk könne zudem helfen, dem Boden Feuchtigkeit zu entziehen.

Wenn es an die Bepflanzung des Grabes geht, sollten langlebige Stauden und Sträucher bevorzugt werden. Sie wurzeln wesentlich tiefer, entziehen dem Boden damit mehr Wasser und brauchen nur sehr selten, wenn überhaupt, gegossen zu werden. „Je mehr man ein Grab sich selbst überlässt, desto besser kann sich die Leiche zersetzen“, sagt Zimmermann. Und desto schneller können die Angehörigen den geliebten Menschen seiner biblischen Bestimmung zuführen.

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