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Quer durch Schleswig-Holstein : Von Sorgenfrei bis Brömsenknöll – kuriose Ortsnamen in SH

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Sie sorgen für Lachanfälle bei der Ortsdurchfahrt – morbide, poetische und lustige Ortsnamen. Schleswig-Holstein hat davon einige zu bieten. Teil zwei einer Tour zu den kuriosesten Orten in SH.

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erstellt am 07.Okt.2014 | 19:12 Uhr

In Schleswig-Holstein gibt es Orte, in denen wohnt man gerne - Frohsein etwa oder Sorgenfrei – und es gibt Kotzenbüll. An einem Tag fahre ich von Nord nach Süd – von Geil nach Todesfelde – und zurück und bewundere die Kreativität der norddeutschen Namensgebung. Teil zwei meiner Endlosfahrt durch unser schönes Bundesland widmet sich dem Schönen, dem Erfreulichen und Erheiternden.

 

Zum Thema passend beginne ich meine Reise am frühen Morgen in einem sonnigen Geil. Wäre ich ein Freund der osbzönen Umgangssprache, würde ich gar von einem geilen Start in den Tag sprechen. Der kleine Ortsteil von Munkbrarup im Kreis Schleswig-Flensburg hat vor allem eins zu bieten: Viel Aussicht. So genieße ich für ein paar Minuten die Weite, die dank minimaler Bebauung die Flensburger Förde in der Ferne erahnen lässt.

 

Und auch mein nächstes Ziel klingt vielversprechend: Sorgenfrei. Der Weg in den winzigen Ortsteil der Gemeinde Satrup ist jedoch beschwerlich. Über mehrere Kilometer folge ich auf engen Straßen im Schritttempo einem Traktor, dessen geladene Holzstämme drohend in Richtung Windschutzscheibe zeigen. Horrorszenarien im Kopf – über mir zieht der Himmel zu. Als ich die zurückhaltende Markierung in Richtung Sorgenfrei erreiche, fährt der Traktor in andere Richtung davon. Bar aller Sorgen durchfahre ich das grüne Idyll mit seinen wenigen Höfen.

 

Eine von Schlaglöchern heimgesuchte Straße führt mich nach Schrepperie – direkt in das Zentrum der kuriosen Wortneuschöpfungen. Rundherum liegen Orte wie Schorrehy, Tollschlag, Belgrad, Marschall und Scheggerott. Doch Schrepperie hat seinen seltsamen Nachbarn eins voraus: Schrepperie hat eine Tankstelle. Hier versorgt sich die Jugend der umliegenden Dörfer mit Partybedarf, hier erfährt man, wie das Wetter wird und was der Nachbar so im Garten pflanzt. Auf meine Frage, was denn eine Schreppe sei, ernte ich jedoch verwirrte Blicke. Später finde ich heraus, dass der Name sich auf unerfindliche Weise von „kleiner Kratt“ (Wald) herleitet – und auf die einstige dichte Bewaldung des Gebiets anspielen soll.

Die örtliche Fauna scheint sich anzupassen. Bei der Fahrt aus dem Bermuda-Dreieck des Buchstabensalats im Herzen Angelns verabschiedet mich ein Hybrid aus Pferd, Reh und Giraffe. Ob es sich um ein Lama handelt, wird in der Redaktion zur Stunde noch diskutiert.

Den Weg zum nächsten Ziel säumen konjugierte Verben. Über Zimmert, Hörst und Bohnert erreiche ich schließlich Frohsein. Direkt an einer viel (zu schnell) befahrenen Kreisstraße liegt der Weiler in der Gemeinde Windeby. Das versprochene Gefühlshoch lässt auf sich warten. Schnellen Schrittes überquere ich die Straße. „Da kannst du Frohsein, dass du noch lebst“, denke ich mir und bin traurig, dass ich diesen brillianten Wortwitz für mich behalte.

45 Kilometer später ist der Himmel nach Norden hin aufgerissen, die Landschaft von Flüssen und Kanälen durchzogen und schlagartig kehrt der Spätsommer zurück – auch in mein Gemüt. An der Schleuse Kluvensiek am ehemaligen Eiderkanal mache ich eine Rast, der nächste Ort kommt wie gerufen.

In Hammer ist es, wie der geneigte Norddeutsche zu sagen pflegt, „hammä schön.“ Der kleine Zufallsfund im Kreis Rendsburg-Eckernförde besticht durch üppiges Grün, herrschaftliche Anwesen und einen vielversprechend blauen Himmel. Entsprechend meiner Auslegung hatten die Namensväter des Weilers sicherlich das Prädikat Hammer im Kopf, als sie den Ort benannten und nicht etwa das Werkzeug.

Von Hammer sind es nur wenige Kilometer bis zur Zufriedenheit, die die Orte Sehestedt – hübsch am Nord-Ostsee-Kanal gelegen – und Hohenfelde miteinander verbindet. Was unspektakulär, aber werbewirksam beginnt, wird nach einer Kurve zur Abenteuerpiste. Die Straße ist eng. Sehr eng. Mal ist sie von wilden Hecken gesäumt, mal zur Schotterpiste heruntergebrochen. In Anbetracht des stabilen Wetters und der freien Fahrbahn stellt sich neben Hunger tatsächlich Zufriedenheit ein – und eine unterschwellige Angst vor Landfahrzeugen aller Art.

 

Nun wartet eine längere Irrfahrt auf mich – schließlich bin ich auf der Suche nach Gold. Auf Fehmarn soll der Schatz begraben liegen, doch mein Navi und ich haben zunächst einen Kampf auszutragen, der mich gleich mehrfach über die dieser Tage vieldiskutierte Fehmarnsundbrücke führt. Nachdem die Brücke, das Navi und ich diesen Belastungstest für ein künftig möglicherweise drastisch gesteigertes Verkehrsaufkommen für beendet erklären, hat das Wetter wieder umgeschlagen.

Am Ort des Begehrens angekommen, ist im Radio bereits von Orkanböen die Rede – Idealbedingungen für Kitesurfer, widrige Bedingungen für mich. Fünf Häuser und 50 Wassersportler beherbergt der Ort. Ich beschließe, den Endlosstrom von Menschen über den Hügel in Richtung Meer aus sicherer Entfernung durch die Windschutzscheibe zu verfolgen.

Nun sollte eigentlich das Highlight kommen: Brömsenknöll. Knapp 150 Kilometer weiter die große Enttäuschung. Auf den Ortsteil der Gemeinde Drage im Kreis Steinburg hatte ich mich den ganzen Tag gefreut. Das Navi lenkte mich zielsicher in den Ortskern – doch ein Schild suchte ich vergebens. Eine Fußgängerin bestätigte mir schließlich, was ich bereits befürchtet hatte: „Brömsenknöll nennt man Gegend hier, aber ein wirklicher Ort ist das nicht. Deshalb gibt es wohl auch kein Schild.“

 

Meine Euphorie für das schöne Wort teilen auch die Lübecker Stephan Hormes und Silke Peust, die den Ort mit mehr Kälbern als Einwohnern in ihrem „Atlas der 999 Seltsamen Ortsnamen“ kurzerhand zur neuen Hauptstadt Schleswig-Holsteins erheben. Der Name Brömsenknöll, so erfahre ich später, geht auf eine geesttypische Erhebung nördlich der Bekau zurück und lässt sich aus dem Niederdeutschen ableiten – zu Brombeerhügel. Ernüchterung.

Schleswig-Holstein ist das Land der seltsamen Ortsnamen. In dieser interaktiven Karte haben wir einige von ihnen für Sie zusammengestellt.

Orte, die im Rahmen der Schleswig-Holstein-Tour besucht wurden, sind mit einem Stern markiert.

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